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Unterwegs zu einer neuen Kirche

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Die Kirchenbänke leeren sich, östliche Spiritualität ist gefragt wie nie. Kann die Mystik des Ostens der europäischen Kirche aus der Krise helfen?

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Die Kirchenbänke leeren sich, östliche Spiritualität ist gefragt wie nie. Kann die Mystik des Ostens der europäischen Kirche aus der Krise helfen?

Sebastian Painadath, Jesuit aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, sieht in der jahrhundertelang tradierten religiösen „Monokultur” in Europa die Hauptursache für die tiefe Belevanzkrise von Glaube und Kirche im Westen. Die Auseinandersetzung mit der Spiritualität des Ostens biete für die Kirche die Chance, eine Kultur des Dialogs zu lernen und neues Profil zu gewinnen.

Seit der „Konstantinischen Wende” Anfang des 4. Jahrhunderts hätten die Christen des Westens verlernt, ihre Identität im Dialog mit anderen Beligionen zu vertiefen. Judentum und Islam wurden ausgegrenzt. „Die Juden wurden in der europäischen Geschichte als wirtschaftliche Bedrohung, die Muslime als militärische Bedrohung gesehen. Wir Christen haben beide grausam verfolgt. Es gab keine Kultur des Dialogs, der echten Begegnung mit andersglaubenden Menschen in Europa”, so P. Painadath. In diesem „monokulturellen Baum” hätten sich Dogmen, liturgische Formen und Autoritätsstrukturen entwickelt, die heute an Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit verlieren.

Die einstige Monopolstellung der christlichen Großkirchen ist auch in Europa einem Pluralismus von Religionen und Weltanschauungen gewichen. „Wir leben in einem neuen Zeitalter. Medien und interkontinentale Verkehrsverbindungen, Migrationsbewegungen und neue religiöse Bewegungen machen das christliche Glaubensbekenntnis zu einem unter vielen Angeboten. Wir versuchen, die Sprache der Vergangenheit in die Zukunft zu tragen. Was wir in einem monokulturellen Baum entwickelt haben, möchten wir verteidigen. Aber das kann nicht gelingen. Es ist für mich kein Wunder, daß die traditionelle Sprache der Kirche die Menschen nicht mehr anspricht.”

Die Aussage des jüdischen Philosophen Martin Buber „Ich werde erst zum Ich durch das Du” überträgt Painadath auf die religiöse Identität: „Der Christ findet seine wahre Identität nicht, indem er sich zurückzieht und Mauern aufstellt, wenn er in Dialog tritt mit Muslimen, Buddhisten und Hindus.”

Die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Beligionen, „Nostra aetate” ist für P. Painadath die Grundlage zu einer neuen Kultur des Dialogs, ebenso eine Aussage von Papst Paul VI. in der Enzyklika „Ecclesiam suam” von 1974, in der er über den Dialog sagt, er sei „die neue Art, Kirche zu sein”.

Painadath schätzt besonders die Aussagen Papst Johannes Pauls II. über die Beligionen als „Pilgerwege zu dem einen Gott”. So sprach der Papst 1986 beim Treffen der Weltreligionen in Assisi von „einer geschwisterlichen Wanderung, auf der wir uns gegenseitig begleiten hin zu dem Ziel, das Gott uns gegeben hat”.

„Die neue Art, Kirche zu sein” steckt für den indischen Theologen erst in den Kinderschuhen. Es gibt noch vieles zu lernen auf dem Weg zu einer Kirche, in der „Menschen über konfessionelle Grenzen hinweg den Geist Gottes erfahren und die Tisch-gemeinschaft Jesu mit den Armen fortsetzen”. In der Haltung des Dialogs mit Andersgläubigen und in der Vertiefung der Mystik in den christlichen Kirchen liegt für Painadath der Schlüssel für die Zukunft der Kirche.

Kürzlich führte Sebastian Painadath bei einem Meditationskurs im Bildungshaus St. Georgen am Längsee in Kärnten über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Spiritualität der Bhagavad Gita ein. Der um 300 v. Chr. entstandene „Gesang des gnädigen Gottes” ist nach der Bibel das meistübersetzte Buch und zugleich das der christlichen Glaubenserfahrung am nächsten stehende Werk der hinduistischen Tradition. Sie lädt zu einer ganzheitlichen Spiritualität ein, die liebende Hingabe an einen personalen Gott (Bhakti), kontemplative Erkenntnis der Einheit mit dem Göttlichen (Jnana) und ein von Habsucht befreites Handeln in der Welt (Karma) verbindet. Die Verse der Bhagavad Gita sind für Painadath eine Hilfe, seine Christuserfahrung zu vertiefen. Vielen von der Kirche enttäuschten Menschen eröffnete er einen neuen spirituellen Zugang zum christlichen Glauben.

Wie beurteilt Painadath den westlichen Esoterikboom? Der indische Theologe vermeidet Pauschalurteile und mißt den Wert spiritueller Angebote letztlich an seinen Früchten: „Echte Spiritualität zielt auf das ganzheitliche Heil des Menschen; sie macht ihn offener, menschlicher und barmherziger. Eine falsche Esoterik hingegen erzeugt eine weltabgekehrte Spiritualität. Nach innen fühlt sich der Mensch verfeinert, nach außen aber versteinert er.” Die Autorin ist Bildungsreferentin von „Missio”.

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