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Verblendete Fans, dumme Kritiker

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Sowohl Anhänger als auch Kritiker einer Sendung wie Taxi Orange sollten jene Weltlage erkennen, welche die massenmediale Zerstreuungssucht vorantreibt.

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Sowohl Anhänger als auch Kritiker einer Sendung wie Taxi Orange sollten jene Weltlage erkennen, welche die massenmediale Zerstreuungssucht vorantreibt.

Der Quoten-Erfolg von Taxi Orange drängt zu einem bösen Vergleich. Ist nicht die Ausbreitung von Reality-TV schon Zeichen genug, um von einem Verfall der öffentlichen Kultur zu sprechen und spiegelt sich nicht in einer Reality-Soap wie Taxi Orange auch schon der gegenwärtige Verfallszustand der politischen Kultur? Ob wir als Telefon-Voter subjektiven Launen entsprechend für eine oder einen der Kandidaten im Kutscherhof stimmen oder nach ähnlichen Mustern unsere politischen Mandatare wählen, scheint sich in seiner Grundlogik nur unwesentlich zu unterscheiden.

Solcher Verdacht könnte sich aber als Ressentiment erweisen. Stört den intellektuellen Kritiker nicht schon die Tatsache, dass die Stars des Reality-TV relativ kosten- und zeitgünstig, ohne jahrelanges Studium, zu öffentlichem Ruhm gelangen? Ist es nicht einfach unerträglich, dass Zlatkos Eingeständnis, Shakespeare nicht zu kennen, diesen Mitspieler der ersten deutschen Big Brother-Staffel zum Medienstar gemacht hat? In einer Welt, die zunehmend von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit (G. Franck) regiert wird, schwindet der moralische Vorsprung des Intellektuellen, der sich über Taxi Orange ärgert. Seine Kritik resultiert vermutlich aus seiner Erfolglosigkeit im Kampf um Medienruhm.

Das Verhältnis von Unterhaltungskultur und intellektueller Kritik kennzeichnet eine Problematik, die schon von Blaise Pascal im 17. Jahrhundert auf den Punkt gebracht wurde, als dieser über die menschliche Sucht nach Zerstreuung nachdachte. Die Menschen scheinen nichts so sehr zu lieben, wie alle jene Zerstreuungen, die sie davon abhalten, über ihr Leben nachzudenken und sich ihrer Sterblichkeit bewusst zu werden. Während Pascal mit dieser These die Hasenjagd der Adeligen erklären konnte, lässt sich mit ihr heute der Erfolg von Taxi Orange verstehen. Bot die Hasenjagd einer gesellschaftlichen Elite Zerstreuung, so erweist sich heute das Reality-TV als eine der erfolgreichsten Formen der Massenzerstreuung. Nach Pascal ist alles rastlose Suchen nach Zerstreuung gleichzeitig von der Eitelkeit begleitet. Die Menschen lieben jene Unterhaltungen am meisten, in denen sie sich gegenüber den anderen auszeichnen können. Der intellektuelle Kritiker der modernen Unterhaltung bildet da keine Ausnahme. Pascal beobachtete, wie sich die philosophischen Kritiker der menschlichen Zerstreuungssucht "schier umbrachten", um übereifrig ihre entsprechenden Beobachtungen zusammen zu tragen. Dabei übertreffen sie aber die Objekte ihrer Kritik noch, denn all ihre Mühe dient nicht der eigenen Selbsterkenntnis, sondern nur dem eitlen Beweis, es besser zu wissen. Pascal nennt diese Kritiker besonders dumm, "denn sie sind es wissentlich, während man von den übrigen glauben könnte, sie würden sich ändern, wenn sie es wüssten".

Vergöttlichung der Welt Jede Kritik an der Massenunterhaltung muss folglich selbstkritisch bleiben. Es gilt, die Weltlage zu erkennen, die die massenmediale Zerstreuungssucht genauso vorantreibt wie die eitle Kritik der Intellektuellen an ihr. Unsere Welt der Eitelkeiten und des Kampfs um Aufmerksamkeit zeigt sich als eine Form von Pantheismus, in dem der Bezug zu einem transzendenten Außen verlorengegangen ist, ohne dass die Menschen aber aufgehört hätten, sich religiös zu verhalten. Wir sehnen uns nach Ruhm oder beten zumindest andere als Idole an, wenn wir nicht die Aufmerksamkeit auf uns ziehen können. Auch wenn wir heute im politischen und medialen Starkult einen Polytheismus erkennen, der die traditionelle katholische Heiligenverehrung abgelöst hat, so bleibt dieser Polytheismus im Rahmen des grundsätzlich vorherrschenden Pantheismus. Schon Goethe hat diesen sich neuzeitlich ausbreitenden pantheistischen Polytheismus wahrgenommen, als er sich naturforschend als Pantheist und dichtend als Polytheist bezeichnete.

Heute zeigen sich Politik, Wirtschaft und Medienwelt pantheistisch eingefärbt. Politisch scheint es immer unverständlicher zu werden, dass eine humane - nicht totalitäre - Demokratie einen ihr äußerlich bleibenden Maßstab braucht. Die Menschenwürde als politisches Ziel bleibt nämlich von jenem Gott abhängig, zu dessen Ebenbild wir berufen sind. Demgegenüber sehen wir uns häufig mit pantheistischen Verfallsformen der Demokratie konfrontiert, die gemäß der Formel vox populi vox dei - die Stimme des Volkes als Stimme Gottes - alles dem Mehrheitsprinzip unterordnen wollen. Wo eine solche pantheistische Form von Demokratie populistisch gegen Fremde hetzt, widerspricht sie dem politischen Ideal der Menschenwürde.

Auch die Ökonomie kennzeichnet eine pantheistische Versuchung. Schon 1921 deutete der Philosoph Walter Benjamin in seinem Fragment "Kapitalismus als Religion" auf die pantheistische Dimension des Kapitalismus hin, weil er ihn als eine "reine Kultreligion" charakterisierte, der "keine spezielle Dogmatik, keine Theologie" kenne. Im Globalismus - der ökonomistischen Verfallsform der Globalisierung - zeigt sich besonders deutlich die Gefahr eines pantheistischen Kapitalismus, der keine außerökonomischen Ordnungsprinzipien über sich duldet und so seine politische Regulierung verhindert.

Logik der Medien Angesichts solch pantheistischer Neigungen in Politik und Ökonomie besteht die eigentliche Problematik der gegenwärtigen Medienwelt darin, dass die audiovisuellen Medien dazu keinen Widerpart bilden, sondern diese Tendenz noch verstärken. Der deutsche Medientheoretiker Jochen Hörisch meint, dass der für die modernen Medien kennzeichnende Satz Marshall McLuhans, das Medium sei die Botschaft, in Spinozas pantheistischer Formel Deus sive natura (Gott oder Natur) seinen Vorläufer habe. Den Neuen Medien ist es nicht möglich, einen transzendenten Sinn zu transportieren. Sie bleiben auf eine bloße Transparenz beschränkt und stehen für eine "tautologische Sichtbarkeit", in der "alles so ist, wie es ist". Wenn im Reality-TV also bloß unser ganz banales Leben widergespiegelt wird, so kommt darin nur die pantheistische Grundlogik der Neuen Medien unverhüllt zum Vorschein.

Die mögliche Gefahr des Reality-TV besteht in der Steigerung jener pantheistischen Logik, die heute humane Formen von Politik und Wirtschaft bedroht. Ethisch zeigt sich der vorherrschende Pantheismus deshalb als problematisch, weil er keine Maßstäbe bietet, um Wahres und Falsches voneinander unterscheiden zu können. Goethe war sich dieses Problems bewusst, als er sich - im Gegensatz zu seiner naturphilosophischen und dichterischen Ausrichtung - sittlich als "Monotheisten" bezeichnete.

Wer soll aber heute den Menschen jene sittliche Bildung ermöglichen, die für eine humane Politik ein humanes Wirtschaftsleben notwendig ist? Jene, die auf die Bildung durch öffentlich-rechtliche Medien setzen, kritisieren an Taxi Orange zu Recht, dass der ORF zur besten Sendezeit banale Zerstreuung fördert, während in Deutschland bisher diese Form von Reality-TV auf die dem Kapitalismus verpflichteten Privatsender beschränkt blieb. Unterscheiden sich aber Demokratie und Kapitalismus beziehungsweise Wähler und Konsumenten wirklich so grundsätzlich voneinander, dass die öffentlich-rechtlichen Medien sich als Bollwerke der Bildung gegen den vorherrschenden Pantheismus stemmen könnten? Vermutlich würde die Mehrheit der wahlberechtigten Bürger einer Sendung wie Taxi Orange im ORF politisch ebenso zustimmen, wie sie es als TV-Konsumenten bereits getan haben.

Langfristig können nur die Lebenswelten der Zivilgesellschaft jene Bildung gewähren, die politisch und wirtschaftlich der Menschenwürde den Vorrang einräumt. Den Kirchen fallen dabei besondere Aufgaben zu, denn nur in einer gemeinschaftlichen Ausrichtung auf den transzendenten Schöpfer können sie der pantheistischen Versuchung widerstehen. Wo ein solches Vertrauen auf Gott wieder wächst, verlieren wir hoffentlich auch unsere Furcht vor der Sterblichkeit, die uns sowohl in die Zerstreuung als auch in deren eitle Kritik treibt.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

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