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Viel Geschichte aufzuarbeiten

Kaum ein Ort in Europa symbolisiert die Gewalt am Anfang und Ende des 20. Jahrhunderts so wie Sarajewo. Ein für sich sprechender Ort, um über "Märtyrer und Zeugen des Glaubens" zu reden. Reflexionen nach dem dritten Symposium des Mitteleuropäischen Katholikentags*).

Im katholischen Priesterseminar von Sarajewo - ein unter österreichisch-ungarischer Herrschaft errichtetes Gründerzeitbauwerk - versammelten sich vergangenes Wochenende Theologen, Priester und Ordensleute anlässlich des "Mitteleuropäischen Katholikentags". Das Thema des Symposiums, das unter dem Motto "Geschichte verpflichtet zur Verantwortung" stand: "Märtyrer und Zeugen des Glaubens". Gastgeber war die Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina.

In einer leidgeprüften Stadt

Sarajewo - eine Stadt, die ständig historische Assoziationen provoziert. Ein Ort voller unheilvoller Bezugspunkte, die zum Menetekel wurden, zum Vorboten blutiger Waffengänge. So die lateinische Brücke, auf der der serbische Nationalist Gavrilo Princip 1914 den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschoss. Oder die Markthalle, in der ein Granateinschlag 1993 während des bosnischen Bürgerkriegs Dutzende Zivilisten tötete. Kurz: Sarajewo - es ist zum historischen Topos geworden - ist eine leidgepüfte Stadt, und diese Tatsache dürfte auch der Vater des Gedankens gewesen sein, sich anlässlich des "Mitteleuropäischen Katholikentags" mit dem Begriff des Märtyrers und der - vornehmlich katholischen - Glaubenszeugen auseinander zu setzen. Die Verbindung von Ort und Thema: Eine heikle Entscheidung - die besonders unter den aus Sarajewo selbst stammenden Teilnehmern des Symposiums nicht ohne gemischte Gefühle aufgenommen wurde.

Gedacht und geplant war das Symposium als eine Möglichkeit, geschichtliche Erfahrungen in den (ost)mitteleuropäischen Ländern auszutauschen, die schwierigen Erfahrungen der katholischen Kirchen vor allem des 20. Jahrhunderts Revue passieren zu lassen, ausgehend vom Gastgeberland Bosnien-Herzegowina über die der anderen ehemaligen kommunistischen Länder bis hin zur Geschichte der katholischen Kirche Österreichs.

Besonderes Augenmerk widmeten die Referenten den Glaubenszeugen - solchen, die für ihre christliche Überzeugung verfolgt oder gar ermordet wurden. Namen beispielhafter Christen fielen, wie der Maximilian Kolbes, der Linzer Diözesanbischof Maximilian Aichern erinnerte ans Zeugnis des Österreichers Franz Jägerstätter. Auch hierzulande weniger bekannte Namen kamen zur Sprache wie die fünf Ordensschwestern von der Drina an der Grenze zwischen Serbien und Bosnien, die im Dezember 1941 von serbischen Tschetniks ermordet wurden.

In den Diskussionen nach den Referaten versuchten einige Teilnehmer auch brisante und noch unaufgearbeitete Zeitgeschichte einzubringen. Was ist mit jenen Priestern, die von ihren eigenen Vorgesetzten im Jugoslawien des Marschall Tito nicht geschützt wurden und dadurch ins Gefängnis wanderten? Fragen wie diese - gestellt oft aus den eigenen Reihen - führten zu sichtbarer Nervosität; evident wurde, dass die katholischen Kirchen der mitteleuropäischen Reformländer noch ein gutes Stück Geschichtsaufarbeitung vor sich haben.

Noch viel aufzuarbeiten

Einer, der aufmerksam den Referaten folgte, war der bekannte bosnische Franziskaner Mile Babi´c, der auf der Franziskanischen Theologischen Hochschule in Sarajewo lehrt. Die Schwierigkeiten vieler Geistlicher einiger Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, die unheilvolle Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimes aufzuarbeiten, sieht Mile Babi´c in der fehlenden politischen Unabhängigkeit der katholischen Kirche in diesen Ländern. Tendenzen eines neuen politischen Katholizismus - besonders im aktuellen Kroatien - würden, so Babi´cs Meinung, das freie Denken verhindern und den Blick auf die Geschichte trüben. Fragen - etwa auch über den vor fünf Jahren selig gesprochenen kroatischen Kardinal Alojzije Stepinac, der als die kroatische Widerstandsfigur gegen das Tito-Regime gilt und der an den Folgen der Verfolgung 1960 verstorben war: Was hatte Stepinac selbst über das unter dem Ustascha-Regime errichtete Konzentrationslager Jasenovac gewusst und wie war sein Verhalten vor der Machtübernahme der Kommunisten zu beurteilen? Auch solche Fragen hätten diskutiert werden können und nach eigenem Selbstverständnis auch diskutiert werden sollen - prangte doch über den Teilnehmern das Motto der Tagung: "Die Geschichte verpflichtet zur Verantwortung". Doch unangenehme Fragen wurden aufgespart.

Für jede Gemeinschaft gilt eben: Über die Helden und Lichtgestalten braucht man nicht viele Worte verlieren, schwierig wird es, wenn "menschliche Schwächen mit großer Dimension" aufzuarbeiten sind. Der "kritische Philosoph" und Ordensmann Mile Babi´c dazu: "In der Verurteilung des Kommunismus können unsere Kirchen nicht weit genug gehen, aber der neuen Nationalismus als Gefahr wird aber trotz der potenziellen Infektion' mit diesem Virus gering geschätzt."

Noch viel Reinigungs-Arbeit

Die "Reinigung der Erinnerung" - Motto des Symposiums, eher noch eine Arbeitsaufgabe für die Zukunft? Der in Österreich lebende polnische Kirchenhistoriker und Priester Jan Mikrut bemühte sich in seinem Vortrag, ein realistisches und adäquates Geschichtsbild der schwierigen Tage der katholischen Kirche vor und nach dem "Anschluss" Österreichs ans Dritte Reich zu zeichnen. Er zählte die Illusionen, denen der damalige Kardinal Theodor Innitzer erlegen war, auf. Innitzer hatte versucht, die Kirche einigermaßen unbeschadet durch die Zeit des Nationalsozialismus zu führen. Nicht unerwähnt blieb, dass - auf Geheiß Innitzers - anlässlich des "Anschlusses" überall in Österreich die Glocken geläutet wurden und dass Innitzer seine anbiedernden Schreiben an NS-Größen mit "Heil Hitler" unterzeichnete. Aber auch über Innitzers "Weckrufe" an die Jugend, dass ihr "Führer" Jesus Christus und nicht Adolf Hitler sei, sprach Jan Mikrut. Ein differenziertes Geschichtsbild, bei dem man das eigene Erkenntnisinteresse - um mit Theodor Adorno zu sprechen - nur insofern zu spüren meinte, als die positiven Seiten umstrittener Kirchenmänner doch stark unterstrichen wurden.

Ein weiteres Thema des Tagung in Sarajewo: Wie sollte der Begriff des Märtyrers in einer zukünftigen demokratisch-pluralistischen Gesellschaft bestimmt werden? Keine leichte Frage - hatte man doch vorher vernommen, was ein Märtyrer ist: Ein Glaubenszeuge, der nach dem Vorbild Jesu Christi lebt - und dafür auch den Tod in Kauf nimmt. Für die kroatische Ordensfrau und Theologin Veronika Nela Gaspar, die auf der Tagung zu diesem Thema sprach, bedeutet christliches Martyrium etwas anderes als das bloß passive Erleiden eines gewaltsamen Todes. Gaspar unterstrich dabei auch den friedensstiftenden Aspekt christlichen Martyriums: "Der Märtyrer stirbt nicht für die Vertiefung des Hasses, sondern für die Wiederherstellung der Liebe."

In indifferenter Gesellschaft

Doch was, wenn solch ein Opfer nicht mehr gefordert und auch nicht von Nöten ist? Weil die Gesellschaft ihre unterdrückerische Politik eingestellt hat und gegenüber Glaubensfragen einfach indifferent geworden ist? Hier war theologische Ratlosigkeit zu spüren. Schnell war der Verweis zu hören, dass es in den Entwicklungsländern weiter viele Märtyrer geben würde.

Mile Babi´c blieb auch hier kritischer Beobachter: "In unserer Kirche besteht die Gefahr der so genannten Victimisierung', das heißt, dass wir uns gegenüber der Außenwelt als Opfer sehen und in eine Art Jammerrolle über die Schlechtigkeit der Welt verfallen, anstatt Verantwortung wahrzunehmen und - wenn auch unspektakulär - einfach nur ein gutes Beispiel geben."

Der Autor ist Religionsjournalist beim ORF-Fernsehen.

TV-Tipp: ORIENTIERUNG

Klaus Ther berichtet über das Symposium "Die Geschichte verpflichtet zur Verantwortung" aus Sarajewo.

Sonntag, 16. November, 12.30, ORF 2

*) Kooperation der Furche mit der Österr. Bischofskonferenz. Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei der Furche.

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