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Syrischer Kreuzweg

gemüse - © Foto: ICO
Religion

Viele Wahrheiten

1945 1960 1980 2000 2020

Von Damaskus über Homs und Aleppo wieder nach Damaskus: Wo in Syrien die Regierung (wieder) herrscht, ist Wiederaufbau im Gang. Not und ungewisse Zukunft sind aber mitnichten verschwunden.

1945 1960 1980 2000 2020

Von Damaskus über Homs und Aleppo wieder nach Damaskus: Wo in Syrien die Regierung (wieder) herrscht, ist Wiederaufbau im Gang. Not und ungewisse Zukunft sind aber mitnichten verschwunden.

Ein „furchtbarer Tornado“ wüte seit Jahren in der Region, erklärt Mario Zenari der kleinen Gruppe von Journalisten und Mitarbeitern des Hilfswerks „Initiative Christlicher Orient (ICO)“, die sich Anfang September in Syrien ein Bild der Lage zu machen versuchen*. Zenari, seit 2008 Apostolischer Nuntius in Damaskus, wurde vor drei Jahren vom Papst ins Kardinalskollegium aufgenommen – als ein Zeichen dafür, für wie brisant und zentral Franziskus die Arbeit seines Vertreters in Syrien einschätzt: Kein Land habe der Papst so oft genannt wie Syrien … Im Zentrum des genannten Tornados sei Syrien, so Zenari weiter: Aus dem ursprünglichen Bürgerkrieg von 2011 sei schnell ein Stellvertreterkrieg geworden. Fünf Welt­ bzw. Regionalmächte nennt der Nuntius – die USA, Russland, die Türkei, den Iran und Israel. Die täglichen Nachrichten zeigen, was er meint: Erst Anfang dieser Woche haben sich die Präsidenten Russlands, des Iran und der Türkei in Ankara getrof­ fen, um sich zu Syrien zu verständigen. Aber der Nuntius geht auch weit in die Geschichte zurück: Die Wurzeln des Krieges von heute ortet er vor 1400 Jahren, als es zum blutigen Konflikt zwischen den Sunniten und Schiiten und der Trennung der beiden islamischen Richtungen gekommen ist. Dieser Konflikt spiegle sich auch im aktuellen Syrienkrieg, so der Mann des Papstes in Damaskus.

Welche Realität ist wahr?

Die Analyse des Nuntius stellt eine der vielen Wahrheiten dar, denen sich die österreichischen Reisenden in Syrien gegenübersehen. Auch die von zu Hause mitgebrachten, durch die medialen Darstellungen geprägten Anschauungen von einem Land und einem Krieg und einem Nichtkrieg in weiten Landesteilen scheinen andere Realitäten zu sein als jene, welche die Besucher vorfinden: Im Großteil Syriens hat die Regierung Assad das Sagen, an jeder Straßenecke und in vielen Häusern und Institutionen lächelt der Präsident von unzähligen Plakaten entgegen. Aber man kann reisen und erlebt eine Art Normalität. Auch wenn kaum jemand mit den brutalen Zahlen hinterm Berg hält: 5,7 Millionen Flüchtlinge haben das Land verlassen, 6 Millionen Binnenflüchtlinge gibt es im Land – bei einer Bevölkerung von 21 Millionen, bevor der Krieg 2011 begann.

Ein „furchtbarer Tornado“ wüte seit Jahren in der Region, erklärt Mario Zenari der kleinen Gruppe von Journalisten und Mitarbeitern des Hilfswerks „Initiative Christlicher Orient (ICO)“, die sich Anfang September in Syrien ein Bild der Lage zu machen versuchen*. Zenari, seit 2008 Apostolischer Nuntius in Damaskus, wurde vor drei Jahren vom Papst ins Kardinalskollegium aufgenommen – als ein Zeichen dafür, für wie brisant und zentral Franziskus die Arbeit seines Vertreters in Syrien einschätzt: Kein Land habe der Papst so oft genannt wie Syrien … Im Zentrum des genannten Tornados sei Syrien, so Zenari weiter: Aus dem ursprünglichen Bürgerkrieg von 2011 sei schnell ein Stellvertreterkrieg geworden. Fünf Welt­ bzw. Regionalmächte nennt der Nuntius – die USA, Russland, die Türkei, den Iran und Israel. Die täglichen Nachrichten zeigen, was er meint: Erst Anfang dieser Woche haben sich die Präsidenten Russlands, des Iran und der Türkei in Ankara getrof­ fen, um sich zu Syrien zu verständigen. Aber der Nuntius geht auch weit in die Geschichte zurück: Die Wurzeln des Krieges von heute ortet er vor 1400 Jahren, als es zum blutigen Konflikt zwischen den Sunniten und Schiiten und der Trennung der beiden islamischen Richtungen gekommen ist. Dieser Konflikt spiegle sich auch im aktuellen Syrienkrieg, so der Mann des Papstes in Damaskus.

Welche Realität ist wahr?

Die Analyse des Nuntius stellt eine der vielen Wahrheiten dar, denen sich die österreichischen Reisenden in Syrien gegenübersehen. Auch die von zu Hause mitgebrachten, durch die medialen Darstellungen geprägten Anschauungen von einem Land und einem Krieg und einem Nichtkrieg in weiten Landesteilen scheinen andere Realitäten zu sein als jene, welche die Besucher vorfinden: Im Großteil Syriens hat die Regierung Assad das Sagen, an jeder Straßenecke und in vielen Häusern und Institutionen lächelt der Präsident von unzähligen Plakaten entgegen. Aber man kann reisen und erlebt eine Art Normalität. Auch wenn kaum jemand mit den brutalen Zahlen hinterm Berg hält: 5,7 Millionen Flüchtlinge haben das Land verlassen, 6 Millionen Binnenflüchtlinge gibt es im Land – bei einer Bevölkerung von 21 Millionen, bevor der Krieg 2011 begann.

Die Regierung beschneidet die Kirchen nicht in der humanitären Hilfe. Und die ist das Wichtigste.

Kardinal Mario Zenari

30 Prozent des Territoriums, vor allem der ölreiche Osten sind nicht unter der Kontrolle der Regierung, in der Provinz Idlib im Nordwesten wird bis heute gekämpft – die Nächte der Bombardements der Rebellenhochburg durch die syrische Armee und ihre russischen Verbündeten reichen bis an die südlichen Ausläufer der Metropole Aleppo, die ansons ten wieder unter Regierungskontrolle ist – die Altstadt mit dem weltberühmten Suk zerstört, aber der Wiederaufbau ist im Gang. Aber Wiederaufbau bleibt ein Schlagwort, solange die wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht vorhanden sind. Die Wirtschaftssanktionen des Westens treffen das Land, und zwar die Armen besonders, so fast unisono die Einschätzung vieler Gesprächspartner im Land. Nuntius Zenari nennt das Ölembargo, weswegen im letzten, besonders strengen Winter kein Kerosin zum Heizen da war, „verheerend“. Laut Berechnungen der UNO leben, so Zenari, 83 Prozent der Syrer unter der Armutsgrenze. Und die Lücke, die die Geflüchteten hinterließen– vor allem Jüngere und besser Gebildete –, sei ein Aderlass, der nicht zu ersetzen sei.

Dazu kommen Maßnahmen der Regierung, die gleichfalls nicht zum hoffnungsvollen Neuanfang beitragen. Insbesondere das Gesetz Nummer zehn, nach dem, vereinfacht gesagt, Eigentümer von Grund und Boden und von Immobilien sich neu registrieren und ihren Besitz neu nachweisen müssen, wird im Westen stark kritisiert: Flüchtlinge würden so um ihren Besitz gebracht werden, die Regierung verteile Grund und Boden an die ihr Loyalen, so der Vorwurf. Die Gesprächspartner im Land wollen das nicht in dieser Schärfe bestätigen, wer hier lebe und nicht weggegangen sei, könne das auch meist regeln. Aber glücklich scheint man mit diesem Gesetz nicht zu sein.

Die Klagen des Großmuftis

Einer, der sich bei den Reisenden aus Österreich beklagt, dass er vom Westen nicht gehört werde, ist Ahmad Badr Aldin Hassoun, der Großmufti von Syrien. Die oberste muslimische Autorität gilt in religiösen Fragen und auch beim Verhältnis zu Christen als „liberal“. Er artikulierte dies etwa schon im Jahr 2008 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, 2009 war er diesbezüglich auch in Wien. Den Reisenden aus Österreich gegenüber spricht der Großmufti viel von Jesus und benennt Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen. Hassoun spricht viel von Frieden und dass er für einen laizistischen Staat eintrete. Und er erzählt den Österreichern vom Beginn des Krieges, als 2011 sein 21­jähriger Sohn, unbewaffnet und nichts mit Politik zu tun habend, von islamistischen „Terroristen“ kaltblütig erschossen worden sei. Er, der Großmufti, habe bei der Beerdigung die Hände auf den toten Sohn gelegt und gebetet, Gott möge denen verzeihen, die den Sohn getötet hatten.

In westlichen Medien kursiert fast aus den gleichen Tagen aber auch ein anderer Ausspruch von Hassoun, der mit diesen Worten zu Selbstmordattentaten aufgerufen habe: „Wenn die erste Bombe auf Syrien und den Libanon geworfen wird, werden alle Söhne und Töchter des Libanon und Syriens losziehen, um Märtyrer in Europa und auf palästinensischem Boden zu werden.“ Es ist schwer, in den vielen Wahrheiten Syriens den Überblick zu bewahren.

Exodus ist das Problem der Christen

In einem treffen sich die Einschätzung des Großmuftis und aller christlichen Gesprächspartner auf dieser Reise: Die Lage der Christen ist von Seiten des Regimes nicht in Gefahr. Das bestätigt auch Kardinal Zenari: „Die Regierung beschneidet die Kirchen nicht in der humanitären Hilfe.“ Und die sei, so der Nuntius, das Wichtigste. Antoine Audo, Jesuit und chaldäisch­katholischer Bischof von Aleppo, beschreibt das noch unverblümter: Wenn im Westen von „Christenverfolgung“ in Syrien gesprochen werde, so sei das eine politische Agenda, „um den Krieg zu verkaufen“. Das Problem der Christen sei vielmehr der Exodus vieler durch den Krieg.

Kardinal Zenari zieht auch einen Vergleich mit dem Nachkriegseuropa, als eine Generation junger Politiker, er nennt etwa den Italiener Alcide de Gasperi, einen der Väter der Europäischen Union, die eine Vision hatten. So etwas gebe es aber heute in Syrien einfach nicht. Auch von daher relativiert der Nuntius die Hoffnungen auf eine ver­ nünftige Alternative zum System Assad. Und der Vertreter des Papstes weist noch einmal auf die globale Dimension der syrischen Tragödie hin: Man müsse auf den UN­Sicherheitsrat in New York und die politischen Konstellationen darin schauen, um des erwähnten „Tornados“ Herr zu werden. Denn, so Zenari: „Dort wird über den Frieden in Syrien entschieden.“

*) Die Reise wurde von der „Initiative Christlicher Orient (ICO)“ unterstützt.