Vieles richtig, trotzdem enttäuschend

Konrad Paul Liessmann hat sich in den letzten Jahren als Kulturkritiker und scharfer Polemiker gegen die zeitgenössische Kompetenzorientierung, gegen den Bolognaprozess, gegen die Reformwut im so genannten Bildungswesen einen Namen gemacht. Auch sein neues Buch "Bildung als Provokation" setzt im ersten Teil diese Angriffe fort. Verschiedene Aspekte des pädagogischen Zeitgeistes werden dabei aufs Korn genommen: neben den Fragwürdigkeiten der kompetenzorientierten Lernkultur etwa die Versuche einer "Professionalisierung" des Lehrberufs, die Abwertung von Faktenwissen oder die fortschreitende Marginalisierung der Muße.

Verglichen vor allem mit Liessmanns "Theorie der Unbildung" ist das neue Buch freilich enttäuschend, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens handelt es sich um eine sehr heterogene Arbeit. Der zweite und dritte Teil haben gar nichts mehr mit dem Thema Bildung zu tun. Neben dem ersten Abschnitt "Zur Sache der Bildung" gibt es eben auch eine Fülle von weiteren überarbeiteten Vorträgen, Essays und Texten, die in früheren Jahren verfasst wurden und "sich im weitesten Sinn Aspekten und Dynamiken unserer Kultur und ihrer Ästhetik widmen". So finden sich Reflexionen über den Wert des Abfalls, über Selfies und Narzissmus, über Wissenschaft und Kunst, über politische Revolutionen, Grenzen oder Intellektuelle.

Systematische Schwächen

Aufgrund der Heterogenität der einzelnen Texte fehlen dem Buch insgesamt auch systematische Erörterungen. Das zeigt sich etwa am Bildungsbegriff selbst. Liessmann macht zwar deutlich, was er selbst unter Bildung versteht - sie hat für ihn mit Belesenheit, mit literarischer Bildung, mit Muße, "immer auch" mit Inhalten und "nutzlosem Wissen", mit Reflexion und mit einem differenzierten historischen und sprachlichen Bewusstsein zu tun. Wie verhält sich diese Bildung aber zum Begriff der Aufklärung, der auch ein kurzes Kapitel gewidmet ist? Wie verhält sie sich zur individuellen Autonomie, die zwar genannt, aber nicht definiert und diskutiert wird? Ist damit die "moralische Selbstgesetzgebung" - wie bei Kant oder Humboldt -gemeint oder die eigenständige Wahl unterschiedlicher Lebensformen?

Daran schließt sich gleich die nächste Frage an: Wie verhält sich Bildung zur praktischen Philosophie bzw. Ethik? Die Bildungstheorien der Aufklärung und des Neuhumanismus von Basedow über Kant bis Humboldt verstanden Bildung ja vor allem als Teil der praktischen Philosophie -davon ist bei Liessmann nicht die Rede.

Das Buch enthält -drittens - neben diesen systematischen Schwächen fallweise auch bloße Vermutungen, Ungenauigkeiten und Unschärfen. Eine bloße Vermutung ist etwa die Behauptung, dass die gegenwärtige "Schnelllebigkeit und Beliebigkeit der aktuellen Medienkultur" die "Sehnsucht" nach fundierter Bildung wachsen lasse. Hinter dem zeitgenössischen Bildungsdiskurs verberge sich in Wirklichkeit "die Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand". Der Kompetenzgedanke habe einen "pietistischen Grundzug", nämlich die "unablässige Erforschung der eigenen Befindlichkeit mit dem Ziel der kontrollierten Selbstbezichtigung". Das sind drei psychologische Behauptungen oder Unterstellungen, die sich jeder Überprüfung entziehen und von Liessmann auch nicht in Ansätzen begründet oder nachgewiesen werden. Für fragwürdig halte ich auch die Charakterisierung von Bildung als "säkularisierte Religion" und "Religionsersatz". Der ganze Abschnitt ist witzig formuliert und bezeichnet etwa die Forschungsreisen in das (Noch-)PISA-Wunderland Finnland als "Pilgerreisen". Abgesehen vom durchaus vorhandenen Unterhaltungswert des Textes: Welcher Religionsbegriff wird hier vorausgesetzt? Wie sinnvoll ist der Vergleich zwischen völlig unterschiedlichen Phänomenen, nämlich Wissenschaftsbetrieb einerseits und Religion oder Religiosität andererseits?

Zu den Kennzeichen der Bildung gehört nach Liessmann ein 'differenziertes historisches Bewusstsein'. Genau dieses lässt seine Arbeit manchmal vermissen.

Bloße "Vernunftgläubigkeit"?

Zu den Kennzeichen der Bildung gehört nach Konrad Paul Liessmann auch ein "differenziertes historisches Bewusstsein". Genau dieses lässt die Arbeit manchmal vermissen. Das trifft zunächst auf den Bildungsbegriff selbst zu, der natürlich mittlerweile seine eigene Geschichte hat, die Liessmann aber nicht reflektiert. Ähnliches gilt für den Aufklärungsbegriff, der in üblicher Manier auf das Klischee "Vernunftgläubigkeit" reduziert wird. Nun gibt es in der europäischen Aufklärung tatsächlich rationalistische Strömungen, aber genauso die verstärkte Wendung zur Erfahrung, zur Esoterik oder zur "höheren Vernunft", wie die neuere Aufklärungsforschung gezeigt hat (siehe einführend etwa Annette Meyers Buch "Die Epoche der Aufklärung").

Ebenso anachronistisch ist es, die europäische Aufklärung auf Religionskritik zu reduzieren. Liessmann schreibt: "Wären die Aufklärer und Religionskritiker, von Voltaire über Feuerbach bis zu Marx, Nietzsche und Freud ähnlich wie wir von der Besorgnis getragen gewesen, nur ja keine religiösen Gefühle zu verletzen, hätte es keine Aufklärung, keine Menschenrechte, keine Evolutionstheorie, keine moderne Lebenswelt gegeben." Die Behauptung ist in mehrfacher Hinsicht zu hinterfragen. Die Ursprünge der modernen Menschenrechte gehen auf die Spätscholastik zurück, etwa auf Theologen wie Francisco de Vitoria. Die weitere Ausgestaltung der Menschenrechte erfolgte durch Aufklärer wie John Locke, die stark im Christentum verankert waren (das zeigte sich etwa daran, dass sich ihre Toleranzforderung meist nicht auf Atheisten erstreckte). Das von Liessmann reproduzierte Klischee von der gottlosen und den Religionen gegenüber feindlich eingestellten Aufklärung wird in der neueren Forschung massiv in Frage gestellt. Die Historikerin Helena Rosenblatt stellt die einschlägigen früheren Behauptungen von Paul Hazard oder Peter Gay gleichsam auf den Kopf: "It is becoming increasingly evident that in a great many [ ] places in Europe, the Enlightenment was [ ] not at war with Christianity. Rather, it took place within the Christian churches themselves." Mich überzeugt auch die Behauptung wenig, dass politische Revolution und Terror notwendig miteinander verknüpft sind. Die amerikanische Revolution nach 1776 ist meiner Meinung nach ein passendes Gegenbeispiel.

Kompetenzorientierte Unkultur

All diese Kritik soll freilich nicht den Blick darauf verstellen, dass Konrad Paul Liessmanns neue Arbeit sehr viele Passagen bereithält, die ich für durchaus richtig und zutreffend halte. Er verweist auf die zahlreichen fragwürdigen Auswüchse einer kompetenzorientierten Lernkultur -oder besser -unkultur. Texte werden tendenziell nur noch unter dem Aspekt ihrer Verwertbarkeit -nämlich als Mittel zur Einübung bestimmter Kompetenzen -gesehen. Der Eigenwert literarischer Texte geht weitgehend verloren. Eine Individualisierung von Bildung findet nur noch auf dem Papier statt. Diese würde nämlich bedeuten, "dass Vieles nur für Wenige bedeutsam werden kann".

Ich stimme Liessmann generell zu, dass die gegenwärtige "kompetenzversessene und technikgläubige Bildungspolitik" als "ein Akt der Barbarei" gewertet werden sollte. Aber einzelne wertvolle Einsichten machen noch nicht ein gutes Buch.

| Der Autor ist Lehrbeauftragter für Philosophie der Universität Wien und Lehrer am Wiener Wasagymnasium |

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