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Vinophilosophisches

Wo ein Papst, da sind auch Liturgien und heilige Schriften. Neben Literatur-, Lieder- oder auch Fitness- gibt es längst schon Gourmet- und Weinpäpste. Die zu Letzteren gehörigen Zeremonien sind Präsentationen und Verkostungen, als Kanon gelten die entsprechenden Nachschlagewerke. In diesem Dossier kommen ein renommierter Weinpublizist, einer der Spitzenwinzer des Landes und ein katholischer Liturgiewissenschafter zu Wort: Klaus Egle, Willi Bründlmayer und Erich Renhart. Redaktionelle Gestaltung: Rudolf Mitlöhner

Schlabber, schlabber - und runter mit dem Zeug!" So beantwortete Baron Philippe de Rothschild einst die Frage, auf welche besondere Weise er denn seinen edlen Mouton-Rothschild zu sich nehme. Der Weinmagnat wollte mit dieser legendär gewordenen Replik wohl nur einen Naseweis zurechtstutzen, denn tatsächlich war ihm sehr wohl bewusst, dass Wein - und gerade sein Wein - alles andere als einfach nur irgendein Gesöff darstellt. "Er ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste", fand der griechische Schriftsteller Plutarch. Doch auch damit ist noch nicht das gesamte Spektrum dessen abgedeckt, was Wein von alters her für die Menschen bedeutet. Neben seiner offenkundigen Bestimmung als Nahrungs- und Genuss- sowie natürlich auch als Rauschmittel galt er in der ganzen Geschichte der abendländischen Zivilisation als Quelle geistiger, religiöser und künstlerischer Kräfte.

"Im Feuerstrom der Reben ..."

Maler, Dichter und Musiker ließen sich von ihm inspirieren, huldigten dem Rebensaft in ihren Künsten und priesen ihn als Mittler zwischen irdischer Mühsal und himmlischer Freude - oder verteufelten ihn als den sicheren Weg in die Verdammnis. Erfreulich hedonistisch war hier der biblische Zugang, wurde die Bestimmung des Rebensaftes doch klar definiert: "Dass der Wein erfreue des Menschen Herz" (vgl. Jesus Sirach 31,27 f.). Zugegeben, es gibt da auch weniger eindeutige Passagen - aber fest steht, dass der Wein in der biblischen Geschichte einen hohen Stellenwert besaß und durchaus positiv bewertet wurde. Das kommt nicht von ungefähr: Wein war für die Menschen immer etwas ganz Besonderes, seine Heilkraft und seine Fähigkeit, das Bewusstsein zu verändern, gaben ihm eine mystische Komponente: Er wurde verehrt und seine Entstehung und Wirkung ist nicht selten den "Wundern" zugeordnet worden.

An Wunder mag heute kaum mehr jemand glauben und die Weinherstellung ist - wie ein Blick in einen modernen High-Tech-Keller rasch offenbart - stark entmystifiziert. Wenn überhaupt, dann handelt es sich dabei eher um ein Wunder der Technik als eines der Natur. Dennoch genießt der Wein heute mehr Verehrung denn je. Doch blicken wir kurz zurück in die Nachkriegszeit, von Kulinar-Historikern als Periode der "quantitativen Fresswelle" bezeichnet. Man war froh, endlich wieder volle Schüsseln auf dem Tisch und einen guten Schluck Wein im geschliffenen Römerkelch zu haben, wobei Qualität eine untergeordnete Rolle spielte. Trotzdem war der Wein allgegenwärtig und seine Bedeutung ging weit über die irgendeines anderen Getränkes hinaus. Man erinnere sich etwa an den legendären Bundeskanzler Figl, der den Grünen Veltliner als diplomatische "Waffe" einsetzte. Unterschrieben wurde der Staatsvertrag zwar mit Tinte, verhandelt und begossen hat man ihn jedoch mit einem guten Tropfen aus Kremser Rieden.

Bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein haftete dem Wein dann eher ein folkloristisches Image an. Hans Moser sang unermüdlich von der Reblaus und auf den weinlaubumkränzten Etiketten tummelten sich berauschte Weingötter, stille Zecher, fromme Weinheilige oder rotbackige Winzerköniginnen. Doch der oberflächliche Eindruck täuscht. Eine nähere Betrachtung der gebräuchlichen Weinnamen, die uns heute mehr erheitern als zwei Viertel Rot, lässt tiefer blicken. So weist der Name "Herztröpferl" auf den Gesundheitsaspekt des Weines hin, der "Seelenfreund" verheißt psychisches Wohlbefinden und das "Loibner Räuschl" - nun ja, wie gesagt, der Weinkonsum hat auch eine profane Komponente ...

Seit die "Generation X" ins trinkfähige Alter gekommen ist, hat die Folkore jedoch ausgedient. Begriffe wie "Weinseligkeit" oder gar "Gemütlichkeit" sind ins gesellschaftliche Out abgedriftet und wer heute noch Sprüche wie "Beim Essen und Trinken kommen d' Leut' z'samm'" zum Besten gibt, erweist sich damit automatisch als önophiler Museumswärter. Nicht etwa, dass diese alte Weisheit nicht mehr zutreffen würde, nur nennt sich das heutzutage "Meeting" oder - für konservative Charaktere - wenigstens "Businesslunch".

"Was sagst zu dem GrüVe?"

Der Rebensaft befindet sich dabei in aller Munde - und das nicht nur im wahrsten Sinn des Wortes. Egal ob beim Abendessen im gediegenen Restaurant mit Geschäftspartnern oder auf der Grillparty mit Freunden - man gilt im besten Fall als ziemlich uninformiert, wenn man nicht aus dem Stegreif über die Vorzüge des Barrique-Ausbaus gegenüber dem großen Holzfass zu parlieren weiß oder den biologischen Säureabbau noch immer für eine Bedrohung des ökologischen Gleichgewichts hält. Ohne Zweifel: Das Thema Wein hat sich zumindest innerhalb der vielzitierten A- und B-Schicht als wesentlicher Bestandteil des Small-Talks und damit quasi als bildungsbürgerliches Allgemeingut etabliert.

Der wesentlichste Grund dafür liegt auf der Hand: Der allgemeine Wohlstand ermöglicht es immer mehr Menschen, für einen guten Wein tiefer in die Tasche zu greifen, selbst wenn die momentane Wirtschaftslage diesen Reflex ein wenig bremst. Der Weinboom des vergangenen Jahrzehnts hat jedoch auch Ursachen, die nur indirekt mit dem Produkt selbst zu tun haben. Denn Wein passt perfekt in unsere extrem markenorientierte Wohlstandsgesellschaft. Nicht wegen seiner sozusagen immanenten Konsumfreundlichkeit, sondern vor allem, weil sich mit Wein hervorragend Labels und ein dazugehöriges Image aufbauen lassen. Schwere Flaschen, überlange Korken, elegante, möglichst von bekannten Designern gestaltete Etiketten und dazu ein professionelles Marketing, das jeder Flasche eine individuelle Geschichte mit auf den Weg gibt - so wird nach allen Regeln der Kunst ein perfektes Image "komponiert".

Doch auch eine noch so perfekte Vermarktungsmaschinerie ist keine hinreichende Erklärung für den Stellenwert, den Wein heute genießt. Es ist kein Zufall, dass ständig von "Kultweinen" gesprochen wird und wenn man mich und meinesgleichen respektvoll als "Weinpäpste" bezeichnet, so steckt dahinter eine tiefere Bedeutung. In einer Zeit, in der klassische Werte weitgehend verlorengegangen sind, hat sich Wein für viele Freaks - über den reinen Genuss hinaus - zum Statussymbol und geradezu zur Ersatzreligion entwickelt. Der gewölbte Weinkeller steht für den Dom, die vergitterte Nische mit den besten Weinen ist der Tabernakel und das Dekantieren eines besonderen Tropfens wird wie eine heilige Handlung zelebriert. Damit wird dem Wein in einer äußerst diesseitig orientierten Zeit seine mystische Bedeutung praktisch wieder zurückgegeben.

Verehrung und Anerkennung können sich dabei auf verschiedene Arten artikulieren. Spirituelle Typen wählen eher den sinnlichen Zugang, sie wollen Wein spüren, erleben und genießen - aber nicht unbedingt besitzen. Materiell orientierten Menschen geht es eher um die Inbesitznahme und das Sammeln an sich. Sie führen Buch über ihre kostbaren Schätze, haben aber Skrupel, ihren besten Weinen tatsächlich den Screwpull anzusetzen.

Teure "Kunstwerke"

Das hat, gelinde gesagt, zu einer ungesunden Entwicklung geführt. Viele private Weinfreaks - ich nehme mich da selbst nicht aus, zähle mich aber zu den harmloseren Vertretern dieser Spezies - haben Weinlager angehäuft, die eher dem Bedarf eines Luxusrestaurants als jenem eines "trinkfreudigen" Haushalts gerecht werden. Und der Wein selbst entwickelte sich durch die ihm entgegengebrachte, fast götzenhafte Verehrung zu einer Art Kunstgegenstand, der auf Auktionen oft zu Liebhaberpreisen jenseits jeder Vernunft gehandelt wird.

Als Weinfreund muss man solche Auswüchse schon allein deshalb mit Sorge betrachten, weil man sich dadurch seinen Lieblingswein möglicherweise bald nicht mehr leisten können wird. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn so kommt man erst gar nicht in die Verlegenheit, die teuer erworbenen "Kunstwerke" durch schnödes Austrinken entweihen zu müssen ...

So gesehen hat es eindeutig seine Vorzüge, wenn man praktisch-önophile Aspekte in den Vordergrund stellt. Denn bei aller Liebe zum Weinkult: Genuss bereitet nicht der Wein im Keller, sondern nur jener, der seinen Weg ins Glas gefunden hat.

Der Autor ist Weinexperte und freier Journalist.

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