Es lässt sich wohl kaum ein Titel eines kirchlichen Dokuments denken, der mehr programmatische Prägnanz besäße als "Humanae vitae". Um was sonst sollte es der katholischen Kirche in ihrer Botschaft und ihrem Handeln zu tun sein, als um das menschliche Leben - in all seinen Phasen, vom Anfang bis zum Ende, in all seinen Schattierungen, in seiner Größe und Weite wie in seinem Elend und seiner Tragik?

Umso schmerzhafter muss es für die Kirche sein, dass die Enzyklika dieses Namens in der allgemeinen Wahrnehmung, auch unter Katholiken und Wohlmeinenden, ziemlich genau für das Gegenteil all dessen steht: für Enge des Geistes und Herzens, doktrinäre Menschenfeindlichkeit, abgehobene Weltfremdheit. Das betreffende Empörungspotenzial ist freilich in den vierzig Jahren seit Erscheinen des päpstlichen Rundschreibens stark geschrumpft. Wie bei allen anderen innerkirchlichen Streitthemen gilt auch hier: Kirche regt kaum noch auf. Selbst die diversen Sex- bzw. Missbrauchsskandale seit Groër I wurden mit abnehmender Intensität rezipiert.

Der "heilige Rest"

Daher hat auch die erst jetzt bekannt gewordene Predigt von Kardinal Schönborn, in der er die mangelnde Unterstützung der damaligen Bischöfe für "Humanae vitae" als Sünde brandmarkte (die FURCHE berichtete, siehe auch Seite 19f. dieser Ausgabe), über den harten Kern der Katholiken bzw. professionellen Kirchenbeobachter hinaus kaum Wellen geschlagen. Manchen mag das durchaus recht sein: Es kommt jenen zupass, die sich vom Konzept und Anspruch einer "Volkskirche" längst verabschiedet haben. Dieses Modell von Kirche, das auch die Lauen, Suchenden oder Verunsicherten umfasst, jene, die - wörtlich wie metaphorisch verstanden - im Seitenschiff hinter der Säule stehen, franst zwangsläufig an den Rändern aus, ist unscharf konturiert. Demgegenüber ziehen manche Hirten den Rückzug auf die kleine Herde, den "heiligen Rest" der 150-Prozentigen vor.

Entlang eben dieser Linie verläuft freilich auch die Rezeptionsgeschichte von "Humanae vitae" wie überhaupt die gesamte Diskussion zur kirchlichen Sexualmoral: Dem Anspruch auf Unmissverständlichkeit und Klarheit der Botschaft steht das Ringen um Plausibilität und Vermittelbarkeit, um den Brückenschlag zwischen Ideal und Lebensrealität(en) gegenüber.

Leben in Fülle

Nun ist schon richtig: Über den Szenen und Worten Jesu, die davon zeugen, wie hier einer Maß einzig am Menschen nimmt und mit denen sich die Forderungen nach einer "barmherzigen" Kirche gut begründen lassen, sind die Gerichts- und Nachfolgereden mit ihrer frappierenden Eindeutigkeit und Radikalität nicht zu vergessen. Aber kann daraus etwas anderes folgen als das Bestreben, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, um sie dort hinzuführen, wo man sie haben will?

Für dieses Ideal müsste die Kirche freilich offensiv werben, anstatt den Eindruck zu erwecken, ängstliche Rückzugsgefechte zu führen. Sie müsste plausibel machen, dass es ihr nicht um Restriktion, gar aus verschwitzten Männerphantasien im Lauf der Jahrhunderte gewachsene Leib- und Lustfeindlichkeit geht, sondern um das, was die Bibel das "Leben in Fülle" nennt. Es gälte zu zeigen, dass das menschliche Leben durch Reduktion - also Zurückführung - reicher wird, nicht verliert.

Diese Herausforderungen nicht zu erkennen, die "Zeichen der Zeit" nicht zu verstehen, auch das wäre "Sünde" - wider den Geist.

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