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Vom Elend der Kirchenmusik

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Drastische Kritik: Nach der Liturgiereform des Konzils sind die katholischen Gottesdienste aus der Balance geraten - nicht nur in musikalischer Hinsicht.

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Drastische Kritik: Nach der Liturgiereform des Konzils sind die katholischen Gottesdienste aus der Balance geraten - nicht nur in musikalischer Hinsicht.

Unsere Gottesdienste sind lustlos geworden. Nur zwei-, dreimal im Jahr - vor allem zu Weihnachten und Ostern - raffen sich viele Gemeinden zu kirchenmusikalischen "Aufführungen" auf. Da werden häufig professionelle Musiker gemietet, die sich als Nebenverdienst in Hochämtern verdingen. Nach dem letzten Einsatz - beim Agnus Dei - können sie meist den uneinsehbaren Orgelchor durch eine verborgene Hintertreppe verlassen, weil zwar nicht der Gottesdienst, jedoch ihr musikalischer Dienst beendet ist.

Abseits der wenigen Hochfeste mit ihren aufgesetzten Glanzlichtern herrscht der liturgische Alltag: ein bemühter Geistlicher, gutwillige Ministranten, Lektoren, manchmal ein Liturgiekreis, der Lieder auswählt oder Texte vorbereitet. Die musikalische "Alltagsdekoration" der Sonntagsmesse ist meist bescheiden und kostengünstig: ein paar Liedstrophen mit möglichst knappen Vorspielen, ein lautes Nachspiel am Ende der Messe, währenddessen die Gläubigen schwätzend die Kirche verlassen. Manche Gemeinden beschäftigen Kantoren, deren Psalmen und Kehrverse wenigstens biblische Textqualität in die Liturgie bringen - die musikalische Qualität solcher Darbietungen bleibt meist dürftig. Auch das sogenannte "Neue geistliche Lied" - vom rhythmusbetonten Sacro-Pop bis zu den meditativen Gesängen von Taize - hat wenig am bescheidenen musikalischen "Dekor" der Gottesdienste geändert.

Die Atmosphäre der durchschnittlichen Gemeindegottesdienste bewegt sich zwischen liturgischer Hektik und gepflegter Langeweile. Liturgische Hektik entsteht dort, wo ein bemühter Liturge um den reibungslosen Ablauf bemüht ist, wo jede Ruhephase vermieden oder mit Gerede und Getue überbrückt wird, wo Stille als Panne erscheint und das Schweigen überhaupt nicht vorgesehen ist. Gepflegte Langeweile kommt auf, wo mit betulichen Worten immer wieder gesagt wird, was schon jeder weiß (etwa, daß wir Kinder Gottes sind - und deshalb wagen wir zu sprechen ...), wo die Gläubigen wohlwollend bevormundet und zu Selbstverständlichkeiten aufgefordert werden ("Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung!") und die vielen Klein- und Kleinstpredigten den gesamten Ablauf der Handlung wie ein Geschwür überwuchern: Sprachkrebs, Worträude, liturgischer Verpackungswahn.

Worte töten Symbole Unsere Gottesdienste sind seit der letzten Reform aus der Balance gekippt. Das früher in jahrhundertelangem Wachstum in vielen kleinen und wenigen großen Reformschritten enstandene subtile Geflecht von Wort und Symbol ist durch die Einführung der Landessprache ins Verbale gekippt. Deshalb wirken so viele Gottesdienste wie verkappte Glaubensstunden für Erwachsene. Der "literarische Plot" (die Wortliturgie) wird durch wenige und knappe Volksgesänge umrahmt und ein paar Mal unterbrochen. Auch diese Gesänge stehen unter der Dominanz des Wortes. Das Symbol führt ein Schattendasein und wird meist verbal kommentiert oder überwuchert.

Die Stille ist selten und kostbar geworden. Ebenso das Symbol. Ein Symbol, das kommentiert wird, droht zu verkommen. Wer würde schon einen Kuß kommentieren und dazu sagen, er bedeute, daß man den anderen liebt? Die verbale Selbstzerstörungstendenz in der Liturgie durch mangelnde Sprachdisziplin konnte erst durch die Einführung der Landessprache aufkommen. Wären die Priester und Bischöfe verpflichtet, ihre improvisierenden Gedanken im Ablauf der Liturgie lateinisch zu äußern, käme manch wohltuendes Schweigen auf. Das Übel liegt natürlich nicht in der jetzt allgemein verständlichen Liturgiesprache, sondern in der unbekümmerten Leichtfertigkeit freier Rede.

Kalt, rational, poesielos Der Grundirrtum der letzten 30 Jahre besteht darin, daß man unter "Sprache im Gottesdienst" immer nur die Verbalsprache verstand und deshalb nur die Alternative "lateinisch - deutsch" sah. Tatsächlich kennt jedoch die christliche Liturgie eine doppelte Sprachebene: die Sprache der Worte und die Sprache der Symbole. Solange die Liturgie lateinisch war, war der lateinische Text beides: Wort und Symbol - auf der verständlichen Ebene als Hinweis und Unterweisung - auf der unverständlichen als Verweis auf das Geheimnisvolle und Göttliche. Die Vermeidung, Eliminierung oder Erklärung alles nicht direkt Verständlichen im Gefolge der letzten Liturgiereform ist nur ein Zeichen der verspätet aufklärerischen Anstrengung dieser Reform: sie atmet den kalt-rationalistischen Hauch nüchterner Sachbezogenheit - etwa im poesielosen Duktus der im Gottesdienst verwendeten Einheitsübersetzung der Bibel.

In der "zweiten Sprache der Liturgie" - im Symbol - spielte seit den Anfängen des christlichen Kultes die Musik eine hervorragende Rolle. Sie ist nicht Dekoration und Ornament, sondern Sprache, Klangrede. Die Selbstverständlichkeit, in einer sonn- oder feiertäglichen Gemeinde Musik erklingen zu lassen, ist seit dem Konzil weithin verlorengegangen. Die sparsamen Häppchen Gemeindegesang und ein paar Takte trivialer Orgelmusik ändern nichts daran, daß die meisten Gemeindemessen durch und durch unmusisch sind - kalt, rational, wortübergewichtig bis zur Geschwätzigkeit. Wenn rund um Sonntagsmessen immer wieder von "feiern" die Rede ist, dann gehört das in den Bereich unerheblicher Sonntagsrhetorik. Die Realität ist eine andere: Die meisten unserer Gemeindegottesdienste werden nicht "gefeiert", sondern "gehalten", wenn nicht sogar bloß "gelesen". Unter anderem auch wegen der arg überlasteten - weil bloß männlich und ehelos zugelassenen - Geistlichkeit.

Die Drastik des eben Gesagten bedarf einer Begründung: Man stelle sich eine Hochzeitsfeier ohne Musik vor. In der Kirche keine Orgel, keine Gitarre, kein gesungener Ton - zum Festmahl keine Musik, keine Band, kein Tanz. Die Sparversion der durchschnittlichen Sonntagsmessen kommt einer solch traurigen Hochzeit nahe. Und das spüren die Menschen: Da kommt ein bemühter Geistlicher im pflegeleichten Treviragewand und schlichter Stola, spricht in pflegeleichter und schlichter Alltagssprache oder liest die trotz der Übersetzung aus dem Lateinischen fremdsprachigen Altargebete, die Gemeinde singt ein paar schlichte und pflegeleichte Lieder mit Orgel- oder Gitarrebegleitung.

Nach diesem traurigen Fest ist es eine Wohltat, wenn im Pfarrcafe guter Kuchen, dampfender Kaffee oder ein Glas Wein warten. Dann kann wenigstens nach "gehaltenem" Gottedienst "gefeiert" werden. Was vom Festsymbol der Eucharistie übriggeblieben ist, war ohnehin nur die dünne Oblate und der dem Priester vorbehaltene Wein. Es gibt Gemeinden, bei denen die Flohmärkte mehr Feiercharakter haben als die Sonntagsmessen.

Der Hinweis auf die beinahe verschwundene musikalische Feierkultur soll nicht im Sinn eines Rezeptes zur Hebung der Gottesdienstfrequenz mißverstanden werden. Das Scheitern solcher Erwartungen, mittels religiöser Popmusik Leute "anzulocken", ist eine doppelte Lehre: Es ist nicht nur unter der Würde der Liturgie und ihrer Musik, solcherart billig um Popularität zu buhlen, sondern es ist auch nutzlos.

Christen feiern selbst Das entscheidende Kriterium für gute Musik im Gottesdienst ist nämlich weder die künstlerische Qualität allein noch die allgemeine Akzeptanz auf der populärstmöglichen Ebene, sondern die Authentizität: Gläubige Menschen dürfen und sollen ihre Musik in ihrer authentischen Musiksprache in den Gottesdienst bringen. Zugekaufte Musik - ob Klassikermessen oder Sacro-Pop - ist letztlich unter der Würde der Feier und der Feiernden. Christen lassen nicht feiern, sondern feiern selbst.

Daß es ein Zeichen unserer Kultur ist, eher feiern zu lassen als selbst zu feiern, hat auch vor unseren Gemeinden und unseren Gotteshäusern nicht halt gemacht. Deshalb mag ein Blick in die Bibel angebracht sein: In der Geburtsgeschichte Jesu nach Lukas findet eine "himmlische Liturgie" statt. Die Engel verkünden ihre Botschaft in den beiden Sprachen der Liturgie: im Wort und im Gesang. Solange nicht nur zu Weihnachten, sondern auch im Sonntagsgottesdienst dieses "Gloria in excelsis Deo" gesungen wird, findet wenigstens in restlichen Spurenelementen das Fest Gottes unter den Menschen statt. Es wäre schön, wenn dieses wöchentliche Fest nicht völlig zu einer ungeliebten Pflichtübung verkäme.

Der Autor ist Akademiker- und Künstlerseelsorger in Linz sowie am Bruckner-Konservatorium lehrender Musiker. Sein jüngstes Buch: "Musica Sacra. Das große Buch der Kirchenmusik" (Verlag Styria 1999; vgl. Furche 49, Seite 7).

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