Vom Leben in der Stadt der Toten

El Qarafa ist nicht nur der größte Friedhof der Millionenstadt Kairo. Er ist auch Heimat für mehrere Hundertausend Menschen. Eine Reportage.

"Allahu akhbar!“ Schon der erste "Gott ist groß“-Ruf, dem noch viele an diesem Freitagnachmittag folgen werden, dringt aus den blechernen Lautsprechern in Mark und Bein. Ein dunkelhäutiger Bub bemüht sich, den Muezzin mit seinem den raren weiblichen Totenstadt-Besucherinnen gewidmeten "I love you“ zu übertönen. Sekunden später verschwindet er blitzschnell hinter einer erdigen Hausmauer, um gleich darauf mit Altersgenossen kichernd vor einem Mausoleum stehenzubleiben. Seine Freunde gratulieren zum Quäntchen Mut, das nicht nur nötig ist, um den Besucherinnen anzügliche Bemerkungen hinterherzurufen, sondern das den jungen Totenstadt-Bewohner mit seinen Geschlechtsgenossen "draußen“ verbindet. Draußen, das ist die Welt außerhalb von El Qarafa, dem größten Friedhof der 18-Millionen-Metropole Kairo.

El Qarafa ist viel mehr als nur der größte Friedhof der Millionenmetropole Kairo. Wohnen, arbeiten, demonstrieren: Was in vielen Teilen des politisch umbrüchigen Ägyptens an der Tagesordnung steht, findet man auch in der so genannten "Stadt der Toten“.

El Qarafa ist eine schnell wachsenden Nekropole, deren exakte Einwohnerzahl niemand kennt. Ägypter außerhalb des Friedhofsbezirks sprechen von nahezu einer Million Menschen.

Das Bewohnen von letzten Ruhestätten hat in Kairo Tradition. Bereits im neunten nachchristlichen Jahrhundert gründeten islamische Mystiker ein Kloster auf dem Friedhofsareal und richteten sich zwischen den Gräbern ein.

Später kamen Friedhofbedienstete hinzu, die als Totengräber oder Grabpfleger arbeiteten und sich aus Gründen der Praktikabilität gleich an ihrem Arbeitsplatz niederließen. Der Zuzug ihrer Familien forderte neuen Wohnraum. "Der Staat allerdings baut lieber großflächige Zweitwohnungen für die reiche ägyptische Oberschicht als bescheidene Unterkünfte für die stark wachsende Unterschicht“, kritisiert Salam Arafah von der "American University of Cairo“ die noch unter Langzeitpräsident Hosni Mubaraks forcierte Baupolitik.

Wohnungen und Grabsteine

Spekulationen am Immobiliensektor würden die Wohnungspreise zudem in die Höhe treiben. Für die steigende Zahl der schlecht verdienenden Jungfamilien seien Wohn-Silos am Stadtrand vorgesehen, die vor allem durch fehlende Infrastruktur und unzureichende Verkehrsanbindung glänzen würden. Einzige Alternative angesichts dieser Wohnungsmisere: das Umfunktionieren von Grab-arealen in Wohnraum.

Wer finanziell dazu in der Lage ist, realisiert den auch am Friedhof geträumten Traum vom Eigenheim. Bestehende Gräber, die mitunter bis ins siebente Jahrhundert zurückgehen, werden im Zuge von Bautätigkeiten elegant umschifft und vorzugsweise mittels Garten voneinander getrennt.

Die Umgebung scheint die Bewohner kaum zu stören - schließlich dient der Raum zwischen den Grabanlagen den nunmehrigen Hausbesitzern als Ruheplatz und Wohnzimmer an der mehr oder minder frischen Luft.

Würden zwischen den Wäscheleinen und den kühlenden Bäumen nicht Grabsteine hervor lugen, so könnte kaum ein Unterschied zu einem herkömmlichen Wohngebiet ausgemacht werden - im Gegenteil: Wer je eine der Kairoer Nekropolen besucht hat, zeigt sich zumeist angenehm überrascht. "Mir sind sofort die breiten Straßen aufgefallen“, erinnert sich der 25-jährige Blogger Ahmed Zidan, der schon mehrmals Journalisten hierher geführt hat, an seinen ersten Besuch am Friedhofsareal.

Dem Umstand der hier vorherrschenden Armut verdankt die Totenstadt ihre einzigartige Architektur: Zwischen den zumeist ebenerdigen Häusern ragen Mausoleen wie das des sunnitisch-islamischen Rechtsgelehrten Imam es-Shafii aus dem 12. Jahrhundert in die Höhe. Ganz allgemein sei Religionszugehörigkeit hier kein Thema, weiß der 28-jährige Maschinenbau-Absolvent Jossef Abd el Rachman. "Moslems und Christen haben hier eine lange gemeinsame Geschichte. Wir akzeptieren einander. Zusammenstöße sind die Ausnahme.“

In der Hand der Militärs

Was Friedhöfen im Allgemeinen zugeschrieben wird, findet sich auch in der Totenstadt nahe dem Muqattam-Gebirge: Abgeschiedenheit und Ruhe. Unterbrochen wird die Stille an Wochentagen nur von vereinzelt wahrnehmbaren Schlägen auf Metall - ausgeführt von Mechanikern, die sich etwas Kleingeld dazuverdienen. Andere Bewohner halten sich mit dem Verkauf von Früchten, Taschentüchern und Süßigkeiten außerhalb der Friedhofsmauern finanziell über Wasser.

In Zeiten der täglichen Proteste und des Widerstandes gegen die Militärregierung wurden Marktsteher wie sie häufig rekrutiert, um Feindseligkeiten unter den Demonstranten zu schüren. Da die wenigsten dieser Kleinst-Unternehmer eine Standlizenz besaßen, war es dem Militär ein Leichtes, Druck auszuüben und sie vor die Wahl zu stellen, als "Schläger“ gegen die gewaltlos demonstrierende Bevölkerung vorzugehen oder sich ein Verkaufsverbot einzuhandeln.

"Il Scharmut, ibn Il Scharmutta!“ Ein Sechzigjähriger nutzt die Aufmerksamkeit einiger Totenstadt-Besucher, um seinem Unmut über Mohammed Mursi wild gestikulierend Ausdruck zu verleihen. Die unvollendete Revolution des 25. Januar 2011 hat das politische Bewusstsein der Menschen hier erweckt.

Wenngleich nicht alle den umstrittenen Präsidenten als "Hure“ beschimpfen, so hat demokratiepolitisch bedingtes Aufbegehren auch im informellen Slum hinter den Muqattam-Bergen Einzug gehalten und das vor über 30 Jahren unter Mubarak verhängte Schweigen zu Tagespolitik und Wirtschaft gebrochen.

Und selbst jene, die nicht gerne politische Parolen skandieren, scheinen Zivilcourage für sich entdeckt zu haben. "Mamnu’a! Haram!“, ruft ein Bewohner der Totenstadt beim Zücken einer Digitalkamera von der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf die Frage, warum das Fotografieren denn "verboten“, ja sogar "Sünde“ sei, entgegnet er, dass von Toten und deren Gräbern keine Bilder gemacht werden dürfen. Dass die Lebenden die eigentliche Attraktion der "Stadt der Toten“ sind, scheint ihm dabei zu entgehen.

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