Zwischen Verzicht und sozialem Engagement: Über Kurzschlüsse und Missverständnisse rund ums Fasten – und den Versuch einer zeitgemäßen Annäherung an das Thema. – Kleine Predigt zum Auftakt der österlichen Bußzeit.

In der ORF-Sendung Seitenblicke Gourmet waren zuletzt – wohl auch in Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags – zwei Geistliche zu Gast: ein erst seit Kurzem amtierender Abt und ein bekannter Landpfarrer. Schließlich, man war bereits vom Weiß- zum Rotwein übergegangen und das Dessert bereits aufgetragen, kam – wie bei solchen Gästen gegen Ende des Faschings nicht anders zu erwarten – die Rede auf die Fastenzeit. Da ließ der Landpfarrer mit der Ankündigung aufhorchen, er habe sich für die österliche Bußzeit vorgenommen, sich um mehr Energieeffizienz bei der Heizung im Pfarrhof zu kümmern, als Beitrag zum Klimaschutz – das sei sinnvoller, als auf das eine oder andere Glas Wein zu verzichten …

Mit Verlaub, aber das ist doch recht bescheiden gedacht. Es erinnert ein wenig an basisbewegte Wortgottesdienste, bei denen in den Fürbitten um die richtige Mülltrennung gebetet wird. Nichts gegen ökologische oder sonst wie engagierte Gesinnung – und dass umgekehrt Fasten sich nicht im bloßen Verzicht auf bestimmte Genussmittel erschöpfen kann, versteht sich von selbst.

„An ihren Früchten …“

Aber man darf vermuten, dass die beiläufige Bemerkung des Pfarrers auf ein weit verbreitetes grundlegendes Missverständnis verweist (das freilich der konkreten Person selbst nicht unterstellt werden soll). Es wurzelt in einer vordergründigen Auslegung des viel zitierten Bibelsatzes „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16) und scheint gedeckt durch Passagen wie jene aus dem Buch Jesaja, wo dem heuchlerischen Fasten der bloßen Form nach das „Fasten, wie ich (Gott; Anm.) es liebe“ gegenüber gestellt wird: „die Fesseln des Unrechts zu lösen, / die Stricke des Jochs zu entfernen, / die Versklavten freizulassen, / jedes Joch zu zerbrechen, / an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, / die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, / wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden / und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen“ (Jes 58,6 f.).

Das sind deutliche Worte – und sie gelten unvermindert (auch wenn die Meinungen, wie denn Freiheit und Gerechtigkeit am ehesten herzustellen wären, bekanntermaßen divergieren). Aber sie sind, ebenso wie die Worte Jesu, an Adressaten gerichtet, denen Glaube, Gebet und Ritus selbstverständlich waren. Diese Selbstverständlichkeit muss sich immer wieder befragen lassen – auch hinsichtlich ihrer Konsequenzen auf die je eigene Lebensführung –, will sie nicht zur (scheinheiligen) Pose verkommen.

Heute freilich ist nicht erstarrte, bloß äußerliche Frömmigkeit das Problem, sondern die Frömmigkeit selbst, das, was der Grazer Bischof Egon Kapellari als den „Grundwasserspiegel des Glaubens“ bezeichnet. Wo sind die geistigen und spirituellen Ressourcen, aus denen heraus Menschen die Kraft finden, ihr Leben in Verantwortung für sich und andere zu gestalten? Wo ist jener Vor- und Überschuss einer vom Menschen selbst nicht verfügbaren Welt- und Lebensbejahung, die trägt und auch ertragen lässt?

Vergewisserung über den Kurs

Das sind Fragen, denen in der Fastenzeit nachzuspüren sich lohnte. Weil Fasten ein inneres Sich-Fest-Machen meint, eine Klärung des Blickes, eine Schärfung der Achtsamkeit für sich selbst und die anderen. Auf dem Programm dieser Wochen müsste eine Vergewisserung über den Kurs stehen, den man halten will, aber im banalen Getriebe allzu oft aus den Augen verliert. Dazu kann Verzicht gewiss hilfreich sein – aber er ist nur Mittel zum Zweck, nicht selbst das Ziel. Ebenso mag die Realisierung eines für sinnvoll erachteten Projekts (Heizung) ein redlicher Fastenvorsatz sein – aber das Fasten erschöpft sich nicht darin, Glaube ist mehr als religiös überhöhtes Engagement.

Er hat vielmehr mit jenen Begriffen zu tun, mit denen der Jesuitenpater (und FURCHE-Kolumnist) Gustav Schörghofer seine diesjährigen Fastenexerzitien überschrieben hat: Schönheit und Luxus.

* rudolf.mitloehner@furche.at

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