Digital In Arbeit

Vom Sonntag und anderen Kostbarkeiten

Benedikt XVI. im Stephansdom, in Heiligenkreuz und bei den Ehrenamtlichen.

Aufregung über eine Kundgebung der Plattform "Wir sind Kirche" auf dem Stephansplatz: "Benedikt, höre auf das Kirchenvolk" lautet die Aufforderung an Papst Benedikt XVI., das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Die "Worte an den Papst", die der ORF mittels DVD an den hohen Würdenträger übergeben wird, gehen in die gleiche Richtung: Immer wieder wird der Wunsch nach einer Ausweitung der Kriterien für die Zulassung zum Priesteramt und stärker ausgeprägte demokratische Strukturen in der Kirche artikuliert.

Der letzte Tag der Pilgerreise nach Österreich, der Sonntag, stand aber nicht im Zeichen des Dialogs oder der Fragen des Kirchenvolkes: Der feierliche Gottesdienst im Stephansdom galt der würdigen Feier der Eucharistie als Mittelpunkt christlichen Lebens. "Heute hat der Stephansdom keine Wände", sagte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn und verwies damit auf das große mediale Interesse, das den Wiener Stephansdom an diesem Sonntagvormittag zum Mittelpunkt der katholischen Welt machte.

Der wändelose Dom

"Gemeinsam bemühen wir uns, den Sonntag gegen verschiedene Aushöhlungstendenzen zu verteidigen", nannte Gastgeber Schönborn ein brennendes Thema, zu dem er Worte des Papstes an das Kirchenvolk erwartete. Vertreter der Gewerkschaften, der Wirtschaft und der Regierung waren anwesend. "Sine dominico non possumus - Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben", mit diesem Satz eröffnete Papst Benedikt XVI. seine Predigt. Mit diesem Satz haben im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien einem Richter geantwortet. Sie sind bei der sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt worden. Strafdrohung: der Tod. "Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer", strich Papst Benedikt die Bedeutung dieses historischen Ereignisses für die Gegenwart heraus: "Der Sonntag hat sich in unserer westlichen Gesellschaft gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit." Die freie Zeit wäre in der Hetze der modernen Welt etwas Schönes und Notwendiges, betonte der Papst: "Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte - die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und Ziel ist."

Kritik übte der Vorsitzende der Plattform "Wir sind Kirche", Hans Peter Hurka, bereits vor dem Papstbesuch an dessen Verlauf: "Auf Christus schauen ist zu wenig. Wenn damit gemeint sein sollte, wie Jesus leben, dann sollte das gesagt und getan werden." Beten und Wallfahren wäre gut, ohne Gespräche aber eine halbe Sache, schrieb Hurka zur mangelnden Dialogbereitschaft des Papstes in einer Presseaussendung. "Die Situation schreit förmlich nach Lösungen", so Hurka weiter. "Verheiratete Männer anderer Kirchen werden aufgenommen und zu Priestern geweiht, aber die römisch katholischen Priester müssen ihren Dienst verlassen, wenn sie heiraten wollen". Dass sich viele betroffene Gemeinden trotzdem für einen Verbleib ihrer Seelsorger aussprechen würden, berücksichtige die römisch-katholische Kirche nicht: "Die Hilferufe aus den Pfarren verhallen."

Liturgie nicht gestalten?

Die Bedeutung des kontemplativen Elements hob Papst Benedikt XVI. im Zisterzienserstift Heiligenkreuz hervor: "Ein solches zweckfreies Gebet, das reiner Gottesdienst sein will, wird daher mit Recht Officium genannt. Es ist der heilige Dienst der Mönche." Dass die Liturgie eine herausragende Bedeutung im Leben eines Christen haben muss, unterstrich er durch ein Zitat aus der Regel der heiligen Benedikt: "Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen." Die Schönheit einer solchen Gesinnung würde sich in der Schönheit der Liturgie ausdrücken.

"Bei allem Bemühen um die Liturgie muss der Blick auf Gott maßgebend sein", kritisiert Papst Benedikt XVI. allzu aufwändige Bemühungen um die Gestaltungsmöglichkeiten der Gottesdienste: "Wo immer man bei liturgischen Besinnungen nur darüber nachdenkt, wie man Liturgie attraktiv, interessant, schön machen kann, ist Liturgie schon verfallen." Mönche wären aber auch Menschen aus Fleisch und Blut, und daher gehöre zur Regel des heiligen Benedikts auch die Arbeit: Das Gestalten der Erde gemäß dem Willen des Schöpfers.

Dass nicht nur Mönche arbeiten, um dem Willen des Schöpfers zum Durchbruch zu verhelfen, wurde bei der nächsten Station im Wiener Konzerthaus deutlich. Im ehrenamtlich geleisteten Dienst, vor allem im sozialen und karitativen Bereich, würden Menschen Christus begegnen und so zur Würde des Menschen beitragen, die nicht nach ökologischen Gesichtspunkten zu bewerten ist. "Nächstenliebe ist nicht delegierbar, obwohl der Staat dafür einen guten Rahmen schaffen kann und muss." Roman Dietler

FURCHE-Navigator Vorschau