Bergpredigt - © Foto: Getty Images / VCG Wilson / Cortis
Religion

Von Glück und Seligkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Sie sind keine Anleitung zum Glück, wie man sie als Dutzendware in Buchhandlungen findet. Aber sie zeigen die Richtung an, die das eigene Leben nehmen muss: Eine Meditation zu den Seligpreisungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie sind keine Anleitung zum Glück, wie man sie als Dutzendware in Buchhandlungen findet. Aber sie zeigen die Richtung an, die das eigene Leben nehmen muss: Eine Meditation zu den Seligpreisungen.

In Bielefeld gibt es eine Kirche, die von der Gemeinde aufgegeben worden ist und heute ein Restaurant beherbergt. Es heißt „Glück und Seligkeit“. Nicht nur von außen, sondern auch wenn man den Raum betritt, erkennt man, dass es sich um eine ehemalige Kirche handelt. Auch die bunten Kirchenfenster, die nicht entfernt wurden, erinnern daran. Doch wo einst Gottesdienste gefeiert, gebetet und das Abendmahl ausgeteilt wurde, lassen es sich heute die Gäste im modernen, kühlen Ambiente schmecken oder trinken an der Bar einen Whisky.

Nicht jedem, der das Lokal betritt, wird der höchst irdische Genuss ausgesuchter Speisen und Getränke ein Sinnbild für die himmlische Seligkeit sein, an die der Name des Restaurants noch erinnert. Und wem es dort gut schmeckt, muss darum nicht gleich in Verzückung geraten und sich im siebten Himmel wähnen. Aber ich finde es durchaus passend, über den Zusammenhang von irdischem Glück und himmlischer Seligkeit nachzudenken, und zwar gerade auch dann, wenn wir auf die Worte der Bergpredigt hören. Bei Lukas sind die Seligpreisungen in der sogenannten Feldrede ein wenig anders als bei Matthäus überliefert. Während Jesus nach der lukanischen Überlieferung die materiell Armen seligpreist, handelt es sich nach Mat­thäus um die Armen im Geiste. Das sind nun aber nicht intellektuell beeinträchtigte Menschen. Arm im Geiste kann entweder mutlos, verzweifelt oder aber demütig bedeuten. Jedenfalls beobachten wir bei Matthäus – und vor allem in der späteren Auslegungsgeschichte – einen Hang zur Spiritualisierung der Seligpreisungen.

Geistliches und Materielles

Doch auch bei Matthäus darf das Geistliche und das Materielle nicht auseinandergerissen werden. Die Seligkeit derer, die Jesus glücklich preist, soll doch auch ganz irdisch erfahrbar sein, heißt es doch, dass die Friedfertigen die Erde besitzen – wörtlich: die Erde erben – werden und dass die nach Gerechtigkeit Hungernden nicht nur im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich satt werden. Und so ist auch das Himmelreich, das Jesus denen verheißt, welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, nicht im Jenseits angesiedelt, sondern es umfasst auch das Diesseits. Es ist nicht erst im Jenseits nach dem Tod zu erwarten, sondern bricht schon hier und jetzt im irdischen Leben an.

Luther übersetzt das griechische Wort makarios mit „selig“. Aber das Wort bedeutet im Griechischen eigentlich soviel wie glücklich. Darum kann man die Seligpreisungen auch so übersetzen: „Glücklich sind“ oder „glücklich zu schätzen sind diejenigen, die …“
Das Streben nach Glück ist zutiefst menschlich. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung begründet dies aus dem biblischen Schöpfungsglauben. „Alle Menschen“, so sagt sie, „sind gleich geschaffen.“ Der Schöpfer habe ihnen bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen, nämlich das Recht auf Leben, die Freiheit und „das Streben nach Glück“. Das menschliche Streben nach Glück findet bei Jesus eine provozierende Antwort. Er preist nicht die Reichen, Schönen und Berühmten glücklich, sondern diejenigen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, die Armen und die Leidtragenden. Nicht die Mächtigen, sondern die Friedfertigen wie auch diejenigen, die unter Unrecht und Gewalt leiden und um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Nicht diejenigen, die mit allen Wassern gewaschen, sondern die reinen Herzens sind. Nicht die Gerechtigkeitsfanatiker und Besitzstandswahrer, sondern die Barmherzigen. Bei Jesus heißt es auch nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Das ist die Umwertung aller Werte, die in unserer Gesellschaft hoch im Kurs stehen.

In Bielefeld gibt es eine Kirche, die von der Gemeinde aufgegeben worden ist und heute ein Restaurant beherbergt. Es heißt „Glück und Seligkeit“. Nicht nur von außen, sondern auch wenn man den Raum betritt, erkennt man, dass es sich um eine ehemalige Kirche handelt. Auch die bunten Kirchenfenster, die nicht entfernt wurden, erinnern daran. Doch wo einst Gottesdienste gefeiert, gebetet und das Abendmahl ausgeteilt wurde, lassen es sich heute die Gäste im modernen, kühlen Ambiente schmecken oder trinken an der Bar einen Whisky.

Nicht jedem, der das Lokal betritt, wird der höchst irdische Genuss ausgesuchter Speisen und Getränke ein Sinnbild für die himmlische Seligkeit sein, an die der Name des Restaurants noch erinnert. Und wem es dort gut schmeckt, muss darum nicht gleich in Verzückung geraten und sich im siebten Himmel wähnen. Aber ich finde es durchaus passend, über den Zusammenhang von irdischem Glück und himmlischer Seligkeit nachzudenken, und zwar gerade auch dann, wenn wir auf die Worte der Bergpredigt hören. Bei Lukas sind die Seligpreisungen in der sogenannten Feldrede ein wenig anders als bei Matthäus überliefert. Während Jesus nach der lukanischen Überlieferung die materiell Armen seligpreist, handelt es sich nach Mat­thäus um die Armen im Geiste. Das sind nun aber nicht intellektuell beeinträchtigte Menschen. Arm im Geiste kann entweder mutlos, verzweifelt oder aber demütig bedeuten. Jedenfalls beobachten wir bei Matthäus – und vor allem in der späteren Auslegungsgeschichte – einen Hang zur Spiritualisierung der Seligpreisungen.

Geistliches und Materielles

Doch auch bei Matthäus darf das Geistliche und das Materielle nicht auseinandergerissen werden. Die Seligkeit derer, die Jesus glücklich preist, soll doch auch ganz irdisch erfahrbar sein, heißt es doch, dass die Friedfertigen die Erde besitzen – wörtlich: die Erde erben – werden und dass die nach Gerechtigkeit Hungernden nicht nur im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich satt werden. Und so ist auch das Himmelreich, das Jesus denen verheißt, welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, nicht im Jenseits angesiedelt, sondern es umfasst auch das Diesseits. Es ist nicht erst im Jenseits nach dem Tod zu erwarten, sondern bricht schon hier und jetzt im irdischen Leben an.

Luther übersetzt das griechische Wort makarios mit „selig“. Aber das Wort bedeutet im Griechischen eigentlich soviel wie glücklich. Darum kann man die Seligpreisungen auch so übersetzen: „Glücklich sind“ oder „glücklich zu schätzen sind diejenigen, die …“
Das Streben nach Glück ist zutiefst menschlich. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung begründet dies aus dem biblischen Schöpfungsglauben. „Alle Menschen“, so sagt sie, „sind gleich geschaffen.“ Der Schöpfer habe ihnen bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen, nämlich das Recht auf Leben, die Freiheit und „das Streben nach Glück“. Das menschliche Streben nach Glück findet bei Jesus eine provozierende Antwort. Er preist nicht die Reichen, Schönen und Berühmten glücklich, sondern diejenigen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, die Armen und die Leidtragenden. Nicht die Mächtigen, sondern die Friedfertigen wie auch diejenigen, die unter Unrecht und Gewalt leiden und um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Nicht diejenigen, die mit allen Wassern gewaschen, sondern die reinen Herzens sind. Nicht die Gerechtigkeitsfanatiker und Besitzstandswahrer, sondern die Barmherzigen. Bei Jesus heißt es auch nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Das ist die Umwertung aller Werte, die in unserer Gesellschaft hoch im Kurs stehen.

Das von Gott zu erwartende Glück ist und bleibt eine unverfügbare Gabe. Es besteht nicht darin, dass alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen, wohl aber alle Verheißungen Gottes.

Wer nur mit halbem Ohr hinhört, mag Jesus für zynisch halten. Den Armen und Leidtragenden, den um der Gerechtigkeit willen Verfolgten auch noch ein „Herzlicher Glückwunsch!“ zuzurufen, wirkt verstörend. Und klingen die Verheißungen, die Versprechungen, die ihnen Jesus macht, nicht nach billiger Vertröstung?

Das sind Jesu Worte keineswegs. Wie ernst es ihm mit seinen Zusagen ist, hat er durch seinen Weg ans Kreuz unter Beweis gestellt. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt, zwischen Gott und dem Glück steht im Alten Tes­tament als Zwischenbegriff der Segen. Er sei „die Inanspruchnahme des irdischen Lebens für Gott“. Während im Alten Testament der Segen auch das Kreuz in sich schließe, schließe das Kreuz im Neuen Testament auch den Segen in sich. Es ist dieser Segen des Kreuzes, in dem die Seligpreisungen der Bergpredigt ihren letzten Grund haben.

Die Seligpreisungen sind kein Ratgeber, keine Anleitung zum Glück, wie man sie als Dutzendware in den Buchhandlungen finden kann. Aber sie zeigen doch die Richtung an, die unser eigenes Leben nehmen muss, wenn wir an dem Glück teilhaben wollen, dessen Inbegriff Gott selbst ist. Das von ihm zu erwartende Glück ist und bleibt eine unverfügbare Gabe. Es besteht nicht darin, dass alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen, wohl aber alle Verheißungen Gottes. Wer dem Bergprediger nachfolgen will, der kreist nicht ständig um die Frage, was einen selbst glücklich macht, sondern was ich dazu beitragen kann, dass andere glücklich werden und ihnen geholfen wird. Wer bei Jesus in die Schule des Glaubens geht, der lernt, in erster Linie nicht zu fragen, wie er getröstet werde, sondern wie er andere trös­ten und aufrichten kann.

Acht christliche Tugenden

Der evangelische Theologe Christoph Markschies regt dazu an, aus den Seligpreisungen christliche Tugenden abzuleiten, die sich durch das achtspitzige Kreuz des Johanniterordens und des Malteserordens versinnbildlichen lassen: Bescheidenheit vor Gott – selig, die da geistlich arm sind; Geduld im Leben – selig, die da Leid tragen; Temperamentskontrolle – selig die Sanftmütigen; Zivilcourage in der Öffentlichkeit – selig, die da hungern und dürs­ten nach Gerechtigkeit; anderen verzeihen können – selig die Barmherzigen; Aufrichtigkeit sich selbst und anderen gegenüber – selig, die reinen Herzens sind; sich auf Deeskalation verstehen – selig, die Frieden stiften; Ungerechtigkeit aushalten können – selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.

Um bei der Tugend der Friedfertigkeit zu bleiben: Deeskalation, Abrüstung, das Umschmieden von Schwertern zu Pflugscharen, beginnt mit der Abrüstung von Worten und mit der Mäßigung unseres Urteils über andere Menschen. Abrüstung beginnt damit, sich nicht ständig im Recht zu wähnen und immer das letzte Wort haben zu wollen. Wer sich vor Gott um Christi willen gerechtfertigt und anerkannt weiß, kann sich aus der in unserer Gesellschaft verbreiteten Unkultur des Rechthabenwollens befreien. Dann werden auch wir, wie uns Jesus in der Bergpredigt verheißt, Gottes Kinder heißen.

Der Autor ist Prof. für Reformierte Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Uni Wien und Ordenspfarrer der österreichischen Kommende des Johanniterordens.