Digital In Arbeit

Vorwärts, wir gehen zurück!

Nach Jahrzehnten des Gesprächs wird ein theologischer Dialog der freundlichen Oberflächlichkeit schlicht langweilig und überflüssig. Zornige jüdische Anmerkungen zum - derzeitigen - Verhältnis zur katholischen Kirche.

Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für den alten katholischen Messritus hat gerade in Deutschland große Irritation auf jüdischer Seite und bei Vertretern des christlich-jüdischen Dialogs ausgelöst (die Furche berichtete). Prominente jüdische und katholische Stellungnahmen, die sich mit der neuen "alten Fürbitte" kritisch auseinandersetzen, sind in dem dieser Tage erscheinenden Diskussionsband ",… damit sie Jesus Christus erkennen' - Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden" nachzulesen. Die Herausgeber des Buches, Furche-Kolumnist Rabbiner Walter Homolka und der katholische Alttestamentler Erich Zenger, konnten in kurzer Zeit äußerst kompetente Stimmen versammeln, um die Dimensionen der Kontroverse darzustellen. Auch der Beitrag des katholischen Theologen John T. Pawlikowski, der am 10. Jänner in der Furche erschienen ist, findet sich in erweiterter Form in diesem Band. Nachstehend ein - gekürzter - Auszug aus einer der jüdischen Stimmen in diesem Buch. ofri

Ich wurde in Innsbruck geboren. Meine Eltern hatten die letzten beiden Jahre des Krieges oberhalb der Schneegrenze in den Ötztaler Alpen überlebt. Nahe Innsbruck liegt Judenstein, das eine Geschichte erzählt, die aufs engste mit einer Theologie des Karfreitags verbunden ist, wie sie nun einmal in der katholischen Kirche bis zum Schock von Auschwitz beheimatet war.

Es ist eine Ritualmordlegende. In grausamsten Bildern und Personengruppen wurde die Ermordung des armen Tagelöhnerknaben Andreas (Anderl) von Rinn illustriert. Ein Jude reckt das Messer hoch, ein anderer hält den Kelch, um das Blut aufzufangen, und der gedruckte Kirchenführer - der erste, de nach dem Dritten Reich erscheinen darf - klärte mit bischöflicher Imprimatur versehen den Besucher auf, dass durchreisende jüdische Kaufleute das Kind der Tagelöhnerfamilie aus Hass auf Christus gemartert und getötet hätten. In dieser Region wurde ich geboren! Die Wirkung dieser Legende war so stark, dass meine Eltern aus dem schönen Tirol flüchten mussten, als meine Einschulung nahte.

Heute sind Figuren und Fresken in Judenstein entfernt, erinnert eine Tafel an die Schuldgeschichte der Kirche. Doch wurde Judenstein auch zum Symbol nicht weniger Traditionalisten, denen der Papst jetzt mit der Wiedereinführung der lateinischen Messe entgegenkommen will. Judenstein ist zum Eckpfeiler einer Theologie geworden, die das jüdische Feindbild braucht (vgl. Bild oben; Anm. d. Red.). Vor diesem Hintergrund erschüttert es, dass der Nachfolger auf dem Stuhle Petri ausgerechnet diesen Strömungen jetzt entgegengekommen ist und ihnen den Weg (welchen?) in die Mutter Kirche zurück ebnen will.

Aufbruchsstimmung vorbei

Nun wäre nichts unfairer und ungerechneter, wollte man verkennen, was sich in den letzten Jahrzehnten zum Guten hin verändert hat. Doch die Aufbruchsstimmung ist vorbei. Der Generationenwechsel in den Kirchen hat den Elan gebremst.

In der Osternacht 2008 hat der Papst in Rom Menschen getauft. Nichts, was man hier erwähnen müsste, wäre nicht einer der Täuflinge ein zuvor prominenter Muslim gewesen. Was veranlasst einen Papst, der von Frieden und Dialog spricht, zu solch einem dramatischen Schritt, an diesem Tag, vor aller Welt? ... So wenig diese medial inszenierte Taufe ein Schnellschluss war, der auch als Provokation verstanden werden kann, so wenig war die Einführung der modifizierten Karfreitagsfürbitte für die Juden in der lateinischen Messe unüberlegt.

Was aber will der Vatikan? Welche Zeichen werden hier gesetzt? Warum - und das macht mir nicht weniger Sorgen - schweigt Rom zu den vorsichtig und zurückhaltend formulierten jüdischen Anfragen. Warum reagieren abgeklärte Kardinäle jetzt so genervt, so gereizt? Sollen das die Antworten auf die jüdischen Befürchtungen sein? Kurienkardinal Walter Kasper wird von der Katholischen Nachrichtenagentur KNA wie folgt zitiert: "Die Bibel sei für die Christen ein normativer Text. Niemand könne es als Beleidigung verstehen, wenn sich die Christen an ihre Heilige Schrift hielten …" (7. 2. 2008)

Kein "Missverständnis"!

Und sein Amtsbruder, Paul Josef Cordes, reagiert auf seine Weise auf die Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Ja, einerseits verstehe ich es, dass die Menschen, die Juden in Deutschland, immer wieder Gelegenheit nehmen, nehmen müssen, auf sich aufmerksam zu machen und die vergangene Geschichte wieder ins Licht zu rücken, dass man nicht vergessen darf, was sie erlitten haben, und dass man, sagen wir mal, auch die Spannungen, die zwischen den Juden und der Gesellschaft sind oder sein können, anspricht …" (Deutschlandfunk, 20. 3. 2008)

Das ist geradezu deprimierend. Mag sein, dass die Kurie Schwierigkeiten hat, jüdische Bedenken zu verstehen. Doch die Deutlichkeit, mit der jüdische Einwände auf irrationale Empfindlichkeiten oder gar, wie in der Erklärung Roms vom kurzerhand zu einem "Missverständnis" heruntergestuft werden, ist bemerkenswert.

Oder hat Kardinal Cordes hier schon die Richtung gewiesen? "Andererseits verstehe ich es also nicht, denn, wenn Christus gekommen ist, um den Menschen Heil zu bringen - und es gibt ja interessanterweise auch im Judentum eine messianische Bewegung, die dahin zielt, Christus anzuerkennen, (Hervorhebung durch den Verfasser) dann, meine ich, darf man es uns Christen nicht vorwerfen, dass wir für eine Zuwendung der Juden zu Jesus Christus beten."

(K)eine neue Epoche

Viele Juden, die in den letzten Jahren zu Gesprächen im Vatikan waren, glaubten wirklich an den Beginn einer neuen Epoche in den jüdisch-katholischen Beziehungen. War endlich eine katholische Antwort auf Auschwitz in einer Theologie der Gleichberechtigung von Juden und Christen gefunden worden? In der Anerkennung der Unterschiede?

Einer Akzeptanz des jeweiligen gottgewollten Auftrags und des So-Seins (um Gottes Willen), was in Bezug auf die Juden, wie zuvor bereits angedeutet, nichts weniger bedeutet als die Anerkennung ihrer Treue zum Bund: Von Sinai bis heute, Kinder, die beim Vater waren und dort auch geblieben sind. Keine Rede mehr, wer besser, schlechter, näher, ferner sei!

Doch Kundige ernüchterte bereits der Synagogenbesuch von Papst Benedikt XVI. am Rande des Weltjugendtags in Köln 2005. Die Geste war weitreichender als der theologische Wille. Denn das zu erwartende Bekenntnis des Pontifex zum "ungekündigten Bund" blieb aus. Dennoch waren viele Juden gerührt. War die große, mächtige Ecclesia nicht zu Besuch bei ihrer alten, so oft verletzten und geschmähten Mutter Synagoga?

Jetzt der Absturz. Warum fand Rom nicht den Mut oder den Willen, die Fürbitte in der lateinischen Messe zur Gänze zu streichen, oder einfach die nachkonziliare Fürbitte zu verwenden? Man kann es drehen und wenden: Die gewählte Formel birgt das Potenzial, dass sich jene ermutigt fühlen, die schon immer das Zweite Vatikanum und vor allem die Annäherung an die Juden als Sündenfall verdammten. Denn mit der alten Liturgie handelte man sich eben auch die alte Theologie ein.

Sicher, die offensichtlichen, plakativen Antijudaismen wurden entfernt, doch auch die bereinigte Fassung weckt unter Juden schlimme Erinnerungen. Der Wunsch, Juden mögen sich - meinetwegen endzeitlich gedeutet - auf den Weg zu Christus machen, musste jüdische Abwehr auslösen.

Beispiel Faulhaber

In den Anfängen unseres Dialogs stand eine Frage im Mittelpunkt: Warum hat die Kirche im Dritten Reich weitgehend geschwiegen? Weil sie in einer Theologie gefangen waren, die jetzt zurückzukehren droht. Ich denke da an das Beispiel von Kardinal Faulhaber, München. Er war ein mutiger Streiter gegen die NS-Weltanschauung. Und so fühlte er sich im Jahr der "Machtergreifung" in der "Hauptstadt der Bewegung" verpflichtet, dem Nationalsozialismus eine katholische Position entgegenzusetzen.

1933 hielt er seine berühmt gewordenen Adventspredigten. Für viele Christen sind sie ein Beispiel für Widerstand, was sie ja auch waren. Er bekannte sich zur Liebe zum "Alten Testament", verteidigte es gegen das neuheidnische Germanentum. Das zu lesen ist ungemein eindrucksvoll.

Und nach dem 1. April 1933, dem ersten reichsweiten "Judenboykott", den Ausgrenzungen, Verleumdungen und der beginnenden Entrechtung und offenen Verfolgung fühlte er sich auch berufen, ein Wort zu den Juden zu sagen Da wurde er ganz österlich: "Wir müssen … unterscheiden zwischen dem Volk Israel vor dem Tode Christi … und der Fülle der Zeiten … Nur mit diesem Israel der biblischen Zeiten" (der Propheten und der Offenbarung) befasse er sich, nicht mit den hier und heute lebenden Juden: "Denn nach dem Tode Christi wurde Israel aus dem Dienst der Offenbarung entlassen …. Sie hatten den Gesalbten des Herrn … ans Kreuz geschlagen: Damals zerriß der Vorhang im Tempel auf Sion und damit der Bund zwischen dem Herrn und seinem Volk. Die Tochter Sion erhielt den Scheidebrief …" Die Juden blieben zwar ein Geheimnis, doch jetzt stelle sich die Frage: "Entweder sind wir Jünger Christi, oder wir fallen in das Judentum der biblischen Vorzeit … zurück."

Wem nützt es?

Derlei würde man heute wohl nicht mehr so wie einst Kardinal Faulhaber formulieren. Und doch weist der Auslöser der aktuellen Kontroverse auf das Grundsätzliche hin, vom vergleichsweise Kleinen kann auf Ganze geschlossen werden, und das wirft die Frage auf, ob sich tatsächlich in den Grundeinstellungen so viel geändert hat. Sowohl die revidierte Karfreitagsfürbitte wie die spätere "Erläuterung" zeigen, dass die Kräfte in Rom stark zu sein scheinen, die für ein "katholisch Allein" plädieren.

Nach Jahrzehnten des Gesprächs wird allerdings ein theologischer Dialog der freundlichen Oberflächlichkeit schlicht langweilig und überflüssig. Ein Gespräch, das über freundliche Worte, die Verurteilung des Antisemitismus, die Betonung der Nähe und die folgenlosen Besuche in den Gotteshäusern des je anderen nicht hinausgeht, wem nützt es?

Eine für mich bittere Frage, denn sie zeigt, dass die Dinge offensichtlich der Bewährungsprobe nicht standhalten: In einer Zeit der generell wachsenden, oft politisch motivierten Spannungen unter den Kultur- und Religionsgesellschaften ist das eine, gelinde gesagt, groteske Entwicklung. Sie weist in die völlig falsche Richtung.

Der Autor ist Publizist und jüdi-scher Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Buchtipp:

"... damit sie Jesus Christus erkennen." Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden

Hg. Walter Homolka, Erich Zenger

Verlag Herder, Freiburg 2008, 224 Seiten, kt., €12,30

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau