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Religion

Wärmender Hauch poetischer Bilder

1945 1960 1980 2000 2020

Sie ist einem avantgardistischen Konzept verpflichtet und verzichtet doch auf Dogmatik und Sendungsbewusstsein: Die Lyrikerin Waltraud Seidlhofer.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie ist einem avantgardistischen Konzept verpflichtet und verzichtet doch auf Dogmatik und Sendungsbewusstsein: Die Lyrikerin Waltraud Seidlhofer.

Der 2008 gegründete Klever Verlag betreut auch eine kleine, feine Lyrik-Reihe, in der so unterschiedliche Autoren wie Adelheid Dahimène, Waltraud Haas, Günther Kaip oder Christian Loidl vertreten sind. Seit 2009 präsentiert der Verlag auch Bücher der 1939 in Linz geborenen Waltraud Seidlhofer. Nach den beiden Prosabänden "Tage, Passagen"(2009) und "Singapur oder der Lauf der Dinge"(2012), erscheint nun der Gedichtband "Langsame Figuren".

Lyrik hat es in der kritischen Öffentlichkeit prinzipiell nicht leicht, wahrgenommen zu werden. Ihren Charakter und ihre Eigenart beschreibend zu vermitteln ist ein schwieriges Unterfangen. Das fachspezifische Vokabular dafür ist technisch-spröde, was Kritiker im Gegenzug nicht selten zu einem hohepriesterlichen Ton verleitet. Diese Lyrik aber hat es noch um einiges schwerer, denn sie ist einem avantgardistischen Konzept verpflichtet und verzichtet doch auf Dogmatik und Sendungsbewusstsein.

Zu den Leisen im Land

Das hat mit der Autorin zu tun, die mit Fug und Recht als Doyenne der österreichischen Konzeptliteratur bezeichnet werden könnte, was freilich noch niemandem eingefallen ist. Zu den Leisen im Lande zu zählen, ist für eine Avantgarde-Künstlerin besonders inopportun, denn zum Programm gehört hier eine entsprechende Selbstpräsentation, mit der Seidlhofer nicht dienen kann. Freilich sind im Lauf der Jahre Zeichen der Anerkennung nicht ausgeblieben. Bereits 1973 erhielt sie den Förderungspreis der Stadt Wels, 1991 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich, 2008 folgt der Heimrad Bäcker-Preis und 2014 schließlich der Georg-Trakl-Preis. Heimrad Bäcker war es auch, der immer wieder auf ihr poetisches Werk hingewiesen hat. Es seien "eingeengte sätze, denn einengungen nehmen staendig zu", schrieb er 1976 über Seidlhofers "fassadentexte", und sie wage es, darauf mit "sprachlicher einengung" zu reagieren. Doch diese Komprimierung geht bei ihr immer auch einher mit überraschenden Blickausweitungen, das Instrumentarium dafür kommt aus einer ganz eigenen Form von Interdisziplinarität.

Scharf konturierte Bilder

Bildende Kunst, Architektur, Mathematik und vor allem geometrische (Denk-)Formen bilden den diskursiven Pool, aus dem Seidlhofer ihre poetischen Miniaturen zusammenbaut. Geometrie ist ein Ordnungsprinzip, das helfen kann, den Blick ebenso zu klären wie die Struktur eines Textes. Formale Klärungsprozesse aber machen eine Verbindung von unterschiedlichen Ebenen und Sphären möglich, ohne ins Diffuse oder Verwaschene abzugleiten. "Zumindest in der Lyrik", so Seidlhofer in einem Interview im Jahr 2000, "sollte man versuchen, herauszugehen aus dieser Sprache, die in Floskeln erstarrt und zu Schlagworten im schlimmsten Sinne" geworden ist. Denn sonst "werden die bruecken / zwischen den dingen / und ihrer bedeutung /kaum noch /auf tragfaehigkeit /ueberprüft"

So ist nun im neuen Gedichtband zu lesen, der sich in manchem als Fortschreibung früherer Arbeiten verstehen lässt. Die diszipliniert knappe Beschreibung von Stadtund Flusslandschaften verweist in scharf konturierten Bildern immer auf die Historizität und damit Veränderbarkeit der wahrgenommenen Partikel aus der Umgebungsrealität. Das Beschriebene reflektiert dabei im Beschreiben zugleich die eingesetzten poetischen Mittel mit einem leisen Augenzwinkern in Richtung der Maxime russischer Formalisten von der "Entblößung der Kunstmittel":"bindewoerter /werden gestrichen /und attribute /um weite / fuer die beschreibung /zu garantieren". Zwei Hommagen, die Seidlhofer in diesen Band einbaut, haben in ihren Texten strukturell schon manche sichtbare Spuren hinterlassen. Abschnitt zwei trägt den Titel "interventionen /nach gebaeudeschnitten von gordon matta-clark". Der New Yorker Konzeptkünstler schuf mit seinen "Cuttings" durch Abrissgebäude programmatisch neue Sichtweisen und Perspektiven, neue Licht- und Größenverhältnisse, die sich nur in ihrer Dokumentation, also in Fotos und Filmen wie "Splitting"(1974) erhalten haben.

"haeuser /werden geteilt /und auseinander gerueckt /um dahinter / platz zu schaffen /fuer exakt geschnittene baeume": Freilich, auch ein Hochhaus teilt "wie ein keil in die stadtansicht geschnitten die strasse", aber aus Stadtprospekten "herausgeschnittene Kegel" verunsichern, auch weil sie einen Freiraum schaffen, wo vorher keiner war. Sie öffnen das Auge für andere (Ein)Blicke und lüften gleichsam das Denken und die Bilder, in denen wir Welt wahrnehmen. Das Exakte, Kantige der von Menschen geschaffenen Ein-Bauten samt den zugehörigen Um- und Zwischenräumen definieren die Bewegungs- und Handlungsoptionen der Menschen. Jede Ver-Rückung in dieser gewohnten Ordnung mit poetischen Mitteln ist auch eine gesellschaftspolitische Intervention. Denn Literatur - auch in experimentellen oder sperrigeren Formen - erzählt immer Geschichten über den Zustand der Welt.

Abschnitt drei bringt Reaktionen "zu forlani, intruders urban explorers". Luca Forlanis Bilder von verlassenen (Industrie-)Architekturen dokumentieren das Treiben der "Eindringlinge", also den Prozess der Rückeroberung durch die Natur. Seidlhofer eröffnet diesen Abschnitt mit Eindrücken von Erdbebenschäden in Italien, Natur wie ihre kulturelle Überformung durch den Menschen sind zunächst nicht konnotiert, es ist die jeweilige Konkretion des Gesehenen, aus dem sich eine Aussage formt.

Seidlhofers Gedichte umgibt ein kühler, rationaler Wind, sie sind mit Sprache gebaut wie die Landschaft der Architektur, aber sie enthalten immer auch einen wärmenden Hauch aus der Kraft ihrer poetischen Bilder, ihre Texte sind komponiert, nicht konstruiert. Und sie zeigen, dass Literatur, die sich als künstlerische Weltaneignung versteht, Grenzen und Funktionsweise unserer Sprach-und damit Denk-Gewohnheiten immer neu verrechnen und austesten muss.

Langsame Figuren

Gedichte von Waltraud Seidlhofer

Klever 2016 112 S., geb., € 15,90

Singapur oder der Lauf der Dinge

Prosa von Waltraud Seidlhofer

Klever 2012 152 S., geb., € 16,90

Der 2008 gegründete Klever Verlag betreut auch eine kleine, feine Lyrik-Reihe, in der so unterschiedliche Autoren wie Adelheid Dahimène, Waltraud Haas, Günther Kaip oder Christian Loidl vertreten sind. Seit 2009 präsentiert der Verlag auch Bücher der 1939 in Linz geborenen Waltraud Seidlhofer. Nach den beiden Prosabänden "Tage, Passagen"(2009) und "Singapur oder der Lauf der Dinge"(2012), erscheint nun der Gedichtband "Langsame Figuren".

Lyrik hat es in der kritischen Öffentlichkeit prinzipiell nicht leicht, wahrgenommen zu werden. Ihren Charakter und ihre Eigenart beschreibend zu vermitteln ist ein schwieriges Unterfangen. Das fachspezifische Vokabular dafür ist technisch-spröde, was Kritiker im Gegenzug nicht selten zu einem hohepriesterlichen Ton verleitet. Diese Lyrik aber hat es noch um einiges schwerer, denn sie ist einem avantgardistischen Konzept verpflichtet und verzichtet doch auf Dogmatik und Sendungsbewusstsein.

Zu den Leisen im Land

Das hat mit der Autorin zu tun, die mit Fug und Recht als Doyenne der österreichischen Konzeptliteratur bezeichnet werden könnte, was freilich noch niemandem eingefallen ist. Zu den Leisen im Lande zu zählen, ist für eine Avantgarde-Künstlerin besonders inopportun, denn zum Programm gehört hier eine entsprechende Selbstpräsentation, mit der Seidlhofer nicht dienen kann. Freilich sind im Lauf der Jahre Zeichen der Anerkennung nicht ausgeblieben. Bereits 1973 erhielt sie den Förderungspreis der Stadt Wels, 1991 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich, 2008 folgt der Heimrad Bäcker-Preis und 2014 schließlich der Georg-Trakl-Preis. Heimrad Bäcker war es auch, der immer wieder auf ihr poetisches Werk hingewiesen hat. Es seien "eingeengte sätze, denn einengungen nehmen staendig zu", schrieb er 1976 über Seidlhofers "fassadentexte", und sie wage es, darauf mit "sprachlicher einengung" zu reagieren. Doch diese Komprimierung geht bei ihr immer auch einher mit überraschenden Blickausweitungen, das Instrumentarium dafür kommt aus einer ganz eigenen Form von Interdisziplinarität.

Scharf konturierte Bilder

Bildende Kunst, Architektur, Mathematik und vor allem geometrische (Denk-)Formen bilden den diskursiven Pool, aus dem Seidlhofer ihre poetischen Miniaturen zusammenbaut. Geometrie ist ein Ordnungsprinzip, das helfen kann, den Blick ebenso zu klären wie die Struktur eines Textes. Formale Klärungsprozesse aber machen eine Verbindung von unterschiedlichen Ebenen und Sphären möglich, ohne ins Diffuse oder Verwaschene abzugleiten. "Zumindest in der Lyrik", so Seidlhofer in einem Interview im Jahr 2000, "sollte man versuchen, herauszugehen aus dieser Sprache, die in Floskeln erstarrt und zu Schlagworten im schlimmsten Sinne" geworden ist. Denn sonst "werden die bruecken / zwischen den dingen / und ihrer bedeutung /kaum noch /auf tragfaehigkeit /ueberprüft"

So ist nun im neuen Gedichtband zu lesen, der sich in manchem als Fortschreibung früherer Arbeiten verstehen lässt. Die diszipliniert knappe Beschreibung von Stadtund Flusslandschaften verweist in scharf konturierten Bildern immer auf die Historizität und damit Veränderbarkeit der wahrgenommenen Partikel aus der Umgebungsrealität. Das Beschriebene reflektiert dabei im Beschreiben zugleich die eingesetzten poetischen Mittel mit einem leisen Augenzwinkern in Richtung der Maxime russischer Formalisten von der "Entblößung der Kunstmittel":"bindewoerter /werden gestrichen /und attribute /um weite / fuer die beschreibung /zu garantieren". Zwei Hommagen, die Seidlhofer in diesen Band einbaut, haben in ihren Texten strukturell schon manche sichtbare Spuren hinterlassen. Abschnitt zwei trägt den Titel "interventionen /nach gebaeudeschnitten von gordon matta-clark". Der New Yorker Konzeptkünstler schuf mit seinen "Cuttings" durch Abrissgebäude programmatisch neue Sichtweisen und Perspektiven, neue Licht- und Größenverhältnisse, die sich nur in ihrer Dokumentation, also in Fotos und Filmen wie "Splitting"(1974) erhalten haben.

"haeuser /werden geteilt /und auseinander gerueckt /um dahinter / platz zu schaffen /fuer exakt geschnittene baeume": Freilich, auch ein Hochhaus teilt "wie ein keil in die stadtansicht geschnitten die strasse", aber aus Stadtprospekten "herausgeschnittene Kegel" verunsichern, auch weil sie einen Freiraum schaffen, wo vorher keiner war. Sie öffnen das Auge für andere (Ein)Blicke und lüften gleichsam das Denken und die Bilder, in denen wir Welt wahrnehmen. Das Exakte, Kantige der von Menschen geschaffenen Ein-Bauten samt den zugehörigen Um- und Zwischenräumen definieren die Bewegungs- und Handlungsoptionen der Menschen. Jede Ver-Rückung in dieser gewohnten Ordnung mit poetischen Mitteln ist auch eine gesellschaftspolitische Intervention. Denn Literatur - auch in experimentellen oder sperrigeren Formen - erzählt immer Geschichten über den Zustand der Welt.

Abschnitt drei bringt Reaktionen "zu forlani, intruders urban explorers". Luca Forlanis Bilder von verlassenen (Industrie-)Architekturen dokumentieren das Treiben der "Eindringlinge", also den Prozess der Rückeroberung durch die Natur. Seidlhofer eröffnet diesen Abschnitt mit Eindrücken von Erdbebenschäden in Italien, Natur wie ihre kulturelle Überformung durch den Menschen sind zunächst nicht konnotiert, es ist die jeweilige Konkretion des Gesehenen, aus dem sich eine Aussage formt.

Seidlhofers Gedichte umgibt ein kühler, rationaler Wind, sie sind mit Sprache gebaut wie die Landschaft der Architektur, aber sie enthalten immer auch einen wärmenden Hauch aus der Kraft ihrer poetischen Bilder, ihre Texte sind komponiert, nicht konstruiert. Und sie zeigen, dass Literatur, die sich als künstlerische Weltaneignung versteht, Grenzen und Funktionsweise unserer Sprach-und damit Denk-Gewohnheiten immer neu verrechnen und austesten muss.

Langsame Figuren

Gedichte von Waltraud Seidlhofer

Klever 2016 112 S., geb., € 15,90

Singapur oder der Lauf der Dinge

Prosa von Waltraud Seidlhofer

Klever 2012 152 S., geb., € 16,90