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Wahlkampf mit "entspanntem" Islam

Ein schwül-heißer Tag in Indonesiens Hauptstadt Jakarta: Hupend biegen Geländewagen und Mopeds in einen Fußballplatz ein. Grüne Fahnen flattern im Fahrtwind -grün, die Farbe des Islam. Eine Parteiveranstaltung der PBB steht bevor, der Partei des Halbmonds. Sie ist eine von einem Dutzend indonesischer Parteien, eine von den drei religiösen Parteien. Bei den Parlamentswahlen im April sind diese jeweils einstellig geblieben.

Der Glaube an Gott ist in der Verfassung festgeschrieben. Damit sind die Religionen Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus in Indonesien anerkannt und geschützt. Mit einem Anteil von 86 Prozent bildet der Islam eine überwältigende Mehrheit. Indonesien ist der Staat mit den meisten Muslimen weltweit. Dass man den Christen aber die Verwendung des Namens "Allah" verbieten möchte, wie im Nachbarland Malaysia, hält man in Indonesien allerdings für undenkbar.

Die Kundgebung auf dem Fußballplatz hat inzwischen begonnen: Männer in grünen T-Shirts, Frauen mit schwarzem Kopftuch schwenken Transparente. Im Schatten sitzen ein paar Funktionäre auf einer Bank. Eine von ihnen ist Elma, eine pensionierte Lehrerin, mit Brille, Kopftuch und einem gütigen Blick. Sie möchte, dass das islamische Gesetz der Scharia in Indonesien eingeführt wird. Die anderen Religionen im Land würde das nicht beeinträchtigen, meint sie. In der Unruheprovinz Aceh etwa, wo die Scharia bereits eingeführt ist, könnten die christlichen Kirchen ungehindert weiter arbeiten. Im Gegenteil, sie würden sogar von der Scharia profitieren, meint Elma: "Die Kriminalfälle gehen zurück wegen der Gesetzesbestimmungen."

Beunruhigte Hardliner

Die Forderung scheint jenem konservativen Ruf nach härteren Gesetzen oder nach dem starken Mann in unseren Breiten zu ähneln. "Die Leute wissen oft gar nicht, was sie meinen, wenn sie die Scharia fordern", sagt ein Politikwissenschaftler aus Singapur wenig später außer Hörweite der Politikerin. "Sie würde es vermutlich nicht fordern, wenn sie wüsste, dass nach diesen Bestimmungen ein Mann mehrere Frauen haben darf." Seiner Meinung nach lässt sich am Islam ein "kulturelles Phänomen" ablesen: "Die Menschen im Nahen Osten sind härter, jene in Südostasien entspannter."

Hier seien selbst die Hardliner in den islamischen Parteien beunruhigt über die Aktivitäten von Salafisten im Land. Diese lehnen nämlich jeden demokratischen Prozess ab. Das bestätigt auch Pipit Apriani, Gründerin einer indonesischen Wahlbeobachtungskommission: "Der Fundamentalismus zerstört den Pluralismus", sagt die Mittdreißigerin, die selbst mit der PBB sympathisiert. "Die Leute stammen zwar aus Indonesien, werden aber im Nahen Osten geschult." Die Regierung sei demgegenüber machtlos. Erfolgreich wären die Salafisten in Indonesien nicht, "aber sie versuchen es", sagt Apriani.Der 53-jährige Yanuar Budiarso, der in Jakarta eine Sprachschule leitet, meint hingegen, dass alles unter Kontrolle sei. Er macht die soziale Ungleichheit im Land für so manche Radikalisierung verantwortlich.

Christliche Eindrücke

Das wird seitens der katholischen und der evangelischen Kirche bestätigt -wohl solange man die Spielregeln einhält. Am Sonntag ist die römisch-katholische Kathedrale von Jakarta schon eine halbe Stunde vor Beginn gesteckt voll. Die beiden Türme des neogotischen Baus stehen genau gegenüber der größten Moschee Indonesiens. Glocken läuten allerdings nicht. Mehrere hundert Besucher sitzen in den Bänken, an hohen Festen wird neben der Kirche auf Pfarrgrund ein Flugdach aufgezogen und der Gottesdienst auf einer Leinwand übertragen. Dann sind es mehr als 1000 Besucher. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 30 und 40 Jahren.

Die Menschen wirken fröhlich, lachen herzlich bei der Predigt, klatschen und singen aus vollem Hals. "Ja, natürlich sind wir eine wachsende Kirche", sagt der Zelebrant nach der Messe, der Jesuit Greg Soetomo. Er ist Herausgeber des wöchentlichen religiösen Magazins Hidup, das eine Auflage von 16.000 Stück hat. Er arbeitet an der Universität über Islamwissenschaften. Father Greg sieht seine Kirche in Indonesien "eher reformistisch". Er schätzt sie auf acht bis neun Millionen Mitglieder, die von an die 5000 Priestern betreut würden. Bei den Jesuiten gebe es jedes Jahr rund ein Dutzend Neueintritte. In der katholischen Kirche findet sich laut Father Greg "die obere Mittelklasse", speziell auf Java. Im Osten des Landes, auf der Insel Flores, wären die Katholiken hingegen sehr arm.

Vielleicht einen Kilometer von Jakartas Kathedrale entfernt steht ein weißer Kuppelbau hinter einer niedrigen Mauer: Hier ist die calvinistische Kirche daheim, die viertgrößte evangelische im Land. Die ganze Anlage wirkt ärmlicher als die katholische. Hinter dem Altarraum hängt ein Foto von Gemeindemitgliedern und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor zwei Jahren der Kirche einen Besuch abgestattet hat.

Am Sonntag werden hier fünf Gottesdienste gefeiert, auf Indonesisch, Englisch und Niederländisch -einer der wenigen noch verbliebenen Hinweise auf die frühere Kolonialzeit. Die Kirche wächst eigentlich nicht, sagt Reverend Henoch D. Matulapelwa. Denn sobald es neue Mitglieder gibt, werde eine neue Kirche gebaut. Dann allerdings wird es heikel, denn da müssen Christen die Gesetze genau einhalten. Sobald Christen Fehler machen, könnte dies Unruhe auslösen.

"Es gibt die moderaten Moslems, die über das christliche Programm und die Aktivitäten Bescheid wissen, und es gibt die Radikalen, die eine Kluft zwischen die Religionen treiben wollen", sagt Reverend Matulapelwa. Deren Stärke schätzt er auf zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung. "Es gibt auch Übertritte, aber wir behalten das für uns und propagieren es nicht", sagt der Reverend. Sich integrieren und als Beispiel leben, das sei das Bestreben der Christen in Indonesien, darin sind sich der katholische und der evangelische Kirchenmann einig.

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