Wallfahrten im Schatten des Großglockners - 29. Juni 1931: Pinzgauer Wallfahrerinnen und Wallfahrer auf dem Rückweg von Heiligenblut über den Tauern ins Salzburgerische. Neben religiösen Bitten boten Wallfahrten auch die seltene Gelegenheit, einmal woanders hinzukommen und neue Gesichter kennenzulernen. - © Kaprun Museum

Wallfahrten als Widerstand – politisch und religiös

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Mit Wallfahrtsorten und den Wallfahrten dorthin geht das Versprechen eines direkten Drahtes zu Gott einher. Das ist aber auch subversiv und stellt Autoritäten in Frage.

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Mit Wallfahrtsorten und den Wallfahrten dorthin geht das Versprechen eines direkten Drahtes zu Gott einher. Das ist aber auch subversiv und stellt Autoritäten in Frage.

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Dem Gendarm war seine Amtshandlung peinlich. Viele Wallfahrer kannte er persönlich, mit einigen war er in die Schule gegangen, aber Dienst ist Dienst: „Eure Wallfahrt ist heuer verboten!“, sagte er zu den 94 Pinzgauern, die sich am 28. Juni 1940, so wie jedes Jahr am Vortag des Kirchfestes Peter und Paul, auf den Weg über den Tauern nach Heiligenblut machten.

„Da wir aber lauter ‚bocksbeinige Sakara‘ zusammen waren, haben wir diese heilsamen Ermahnungen in den Wind geblasen und uns einstimmig entschlossen, den althergebrachten Bittgang nach Heiligenblut doch durchzuführen, da ja auch das Wetter zu allem eher günstig war, als zur Erntearbeit“, ist in den Erinnerungen von Franz Kirchner, Bergführer aus Hollersbach und einer der damaligen Wallfahrer, als Grund für den Akt des Ungehorsams gegen die NS-Behörde zu lesen. Die Anzeige gegen die Trotzdem- Wallfahrer folgte gleich nach ihrer Rückkehr: Aufgrund der Kriegslage und der fehlenden Arbeitskräfte für Erntearbeiten sei das „Spazierengehen auf Wallfahrten“ nicht gestattet. Alle mussten Geldstrafen zahlen, die Rädelsführer wurden bis zu drei Wochen lang eingesperrt.

Regen, Sturm und Schnee hatten die Wallfahrer Ende Juni 1940 auf ihrer Alpenüberschreitung begleitet. Der Hochtortunnel auf 2500 Meter war noch zugeschneit. Die Pilger mussten also – wie vor dem Bau der Glocknerstraße – bei dieser seit 1544 urkundlich erwähnten Pinzgauer Wallfahrt noch einmal hundert Höhenmeter zum Pass hinaufstapfen, bis sie ins Kärntner Mölltal hinunterrutschen konnten. 1683 gab es noch schlimmeren Unbill mit dem Wetter, neun Wallfahrer erfroren damals beim Rückweg im Schneesturm. Abschrecken konnte das Unglück nicht, im Jahr darauf wurde wieder gegangen und so weiter – alpine Gefahren hin, politische Repressionen her.

Orte wie Magnete

Wallfahrtsorte sind wie Magnete; Wallfahrtstraditionen und Wallfahrtswege sind wie Schienen; und Wallfahrerinnen und Wallfahrer sind – wie Bergführer Kirchner sich und die anderen beschrieben hat – „bocksbeinige Sakara“, also im Einsatz für ihr heiliges Ziel mit teuflischer Sturheit gesegnet. Laut Definition sind Wallfahrten körperliche Annäherungen an die Gottheit – wahrscheinlich seit vorgeschichtlicher Zeit. Und in allen Religionen wird dieses „Näher mein Gott zu dir“ nicht nur gesungen, sondern auch gegangen.

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