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Was „heiliger Krieg” bedeutet

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Gewaltherrscher entsprechen zwar nicht den Richtlinien ihrer Religion, ob Islam oder Christentum, aber sie geben sich oft, hier wie dort, gerne religiös.

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Gewaltherrscher entsprechen zwar nicht den Richtlinien ihrer Religion, ob Islam oder Christentum, aber sie geben sich oft, hier wie dort, gerne religiös.

Religion des Schwertes versus Religion der Sanftmut. Welcher westliche Medienkonsument täte sich schwer, Christentum beziehungsweise Islam der entsprechenden Kategorie zuzuordnen? Ist es nicht bequem, die Friedfertigkeit der eigenen Tradition (an die man nicht so recht glauben mag) wenigstens durch die Identifizierung des Islam als aggressiv, gewalttätig und machtorientiert quasi aus dem Negativen zu beweisen? Wie wüßten wir, was wir sind, wüßten wir nicht, was der andere ist?

Dabei geht es dem Islam nicht besser und nicht schlechter als uns. Es scheint das Schicksal der Offenbarungsreligionen zu sein, im Widerspruch zwischen einer friedensbetonten religiösen Dogmatik und einer gewalttätigen Geschichte zu leben. Die Forderung, entweder „diesen Widerspruch zu akzeptieren oder anzuerkennen, daß jede Offenbarungsreligion Gewalt ist”, stellt der Berliner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze auf.

Mißverständnis oder böser Wille, jedenfalls wäre das Wahrnehmungsproblem mit einer ebenso einfachen wie effizienten Formel zu beseitigen: Man darf nicht das Dogma einer Tradition zur Geschichte beziehungsweise die Geschichte zum Dogma machen. Das eine tun die Apologeten, das andere die Kritiker des Islam.

Die mittlerweile zum „bon ton” gehörende Medien- und Orientalistenbeschimpfung reicht aber natürlich zur Erklärung der Wahrnehmung des Islam als gewalttätig und machtlüstern nicht aus. Die westlichen Gesellschaften nehmen eben am ehesten die wahr, die am meisten Lärm machen: Radikale Islamisten, die Gewalt aus ihrer Religion heraus rechtfertigen (dazu später), und an sich knochentrocken säkulare Regime - wie etwa das von Saddam Hussein im Irak -, die den Islam ausschließlich zur Legitimation ihrer eigenen Gewaltherrschaft bemühen.

Auch die durch die westliche öffentliche Meinung zu Recht beleidigten „normalen” Muslime müssen zugeben, daß es vom „Publikum” etwas viel verlangt ist, diese Verkettungen -Islam ist radikal, Radikalität produziert Despoten - stets richtig aufzulösen. Wenn Saddam den Islam - als Dschihad, den heiligen Krieg - auf seine Fahnen schreibt, warum sollte ihm das der westliche Durchschnittsbürger eigentlich nicht glauben? Der orientalische Durchschnittsbürger glaubt ja auch fest an die Existenz „christlicher” Staaten und Regierungen, obwohl es sie-noch viel weniger gibt. Die Projektion von Politik auf Religion ist da und dort die gleiche.

Die Debatte um den Begriff des „Dschihad” ist symptomatisch. Unbestritten, die historische Erfahrung des Dschihad als Krieg mit Waffen kam in der islamischen Geschichte sehr früh. Aber gehört sie wirklich zum Dogma? Schon in den frühen in Mekka verkündeten koranischen Suren (Abschnitte), als der Prophet Muhammad noch nicht Stadtoberhaupt von Medina und schon gar kein Staatsoberhaupt war, findet sich der Begriff. Krieg oder Eroberungen standen für die kleine mekkanische islamische Gemeinde, die sich arg in der

Defensive befand, gar nicht zur Debatte. Unschwer ist der „mekkanische” Dschihad dogmatisch als ethisches Prinzip des inneren „Sich-Ab-mühens” für den Islam zu bestimmen.

Später, als der bewaffnete Kampf dazukam - nicht für den Islam, sondern „für die Sache der islamischen Konföderation”, wie Schulze in seinem bereits zitierten Aufsatz sagt -wurde dieser innere Dschihad in der dogmatischen Literatur als der „Große Dschihad”, der Kampf mit Waffen als der „Kleine Dschihad” festgeschrieben. Aber auch für die Muslime wurde dieser immer mehr zu einem Synonym für den „gerechten Krieg” im allgemeinen.

Interessanterweise gab es noch im Mittelalter einige christliche Autoren, die die islamische Praxis als der friedfertigen Dogmatik des Islam zuwiderlaufend kritisierten. Auch der Prophet Muhammad, sagten sie, habe mit feiner gewalttätigen Behandlung etwa der jüdischen Stämme in Medina das Friedensgebot des Islam gebrochen! Das heißt, sogar in der Zeit der heftigsten Konfrontation zwischen Christentum und Islam war Platz für durchaus differenzierte Sichtweisen. Nur heute scheint das nicht mehr möglich zu sein.

Genau diese Differenzierung zwischen dem Glaubensführer Muhammad und dem Staatsmann und Gesetzgeber (aus dem Koran, der göttlichen Offenbarung, kommt nur ein kleiner Teil des praktischen Bechts her) nehmen auch moderne islamische Denker vor, um den Islam quasi von der Politik zu befreien.

Andererseits stützen sich gerade radikal-islamische Kreise sehr wohl auf die „Gewalt” im Leben des Propheten, während diese vom Durchschnittsmuslim etwas verschämt verschwiegen wird: etwa, daß Muhammad ihn verspottende Dichter ermorden ließ. Immerhin berufen sich Muslime aller Zeit und aller Welt auf die Gestalt des Propheten als das Beispiel mustergültiger Lebensführung - und 99,9 Prozent meinen natürlich den Heilsbringer Muhammad, nicht den machtbewußten Bealpolitiker. Die Muslime leben in der Spannung zwischen Dogma und Geschichte, nicht viel anders als wir.

Zu diskutieren wäre auch die Frage, ob sich eine religiöse Gemeinschaft anders verhält, je nachdem, ob sie stark oder schwach ist. Machtgelüste des Christentums würden - als völlig illusorisch - hierzulande keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Gibt es da vielleicht eine Art Zensur der Vernunft? Die standardisierte Antwort wäre natürlich: Nein, das Christentum eignet sich besser als „Privatglaube”, der Islam hingegen ist eben gleich Gesellschaftssystem -ist gleich Politik, ist gleich Macht, ist gleich Gewalt. W7ir sind eben doch die besten Kunden des islamischen Fundamentalismus - wobei das Wort hier mit Absicht gebraucht ist, sieht er doch seinen protestantischen und katholischen (Lefebvre!) Brüdern zum Verwechseln ähnlich. Die Autorin ist Islamexpertin und Journalistin.

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