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Weckte das Konzil nur trügerische Hoffnungen?

Die katholische Kirche Österreichs steht am Scheideweg. Sie muß sich überlegen, ob sie die Trauer und Empörung weiter Kreise über die Vorwürfe gegen Kardinal Groer und den Umgang damit ernstnehmen will oder nicht. Dabei ist es so, daß auch außerhalb kirchlicher Kreise die Sorge um die Folgen einer Demontage des Ansehens der Kirche weitaus gegenüber der Schadenfreude weniger überwiegt. Niemand kann verstehen, daß der Kardinal zu den schweren Vorwürfen, die gegen ihn erhoben werden, schweigt. Dafür gibt es keine andere plausible Erklärung, als daß die Vorwürfe der Wahrheit entsprechen. Der beste Dienst, den der Kardinal sich und der Kirche erweisen könnte, wäre, selbst zurückzutreten.

Die Kirche kann nun entweder Konsequenzen ziehen oder die Angelegenheit weiter herunterspielen und vertuschen. Wenn sie das tut, verliert sie jede Glaubwürdigkeit. Man kann nicht eine überstrenge Sexualmoral verkünden und gleichzeitig das Gegenteil tun. Schließlich handelt es sich ja nicht um „Lausbubengeschichten”, sondern um Handlungen, die schwer psychische Schäden zur Folge haben. Jeder, der hier mitspielt, macht sich selbst schuldig. Wenn man versucht, diese Sache zu verdrängen, wird sich die Kirche davon lange nicht erholen. Nach der Pressekonferenz von Erzbischof-Koadjutor Christoph Schönborn ist freilich zu hoffen, daß die Signale verstanden worden sind.

Die Unruhe im Kirchenvolk stammt allerdings nicht erst von heute. Eine große österreichische Zeitung kommentierte die Vorgänge folgendermaßen: „Die römische Kirche ist gefangen in ihren jahrhundertealten Strukturen, die ausschließlich der Macht dienen. Daran hat auch das Zweite Vatikanische Konzil nichts geändert, außer daß es trügerische Hoffnungen geweckt hat.” Es ist sicher eine völlig einseitige und unhaltbare Sicht, die geschichtlich gewachsenen Strukturen auf Machtpolitik zu reduzieren. Doch der zweite Satz macht nachdenklich. Hat sich nicht die Kirche in den letzten Jahren wirklich vom Konzil entfernt?

Einer der wichtigsten Texte des Konzils, die Konstitution „Gaudium et spes”, beginnt mit den Worten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.” Man hat heute den Eindruck, daß die führenden Kreise der Kirche die geistige Entwicklung des Abendlandes in den letzten 200 Jahren ausschließlich negativ beurteilen. In merkwürdigem Widerspruch dazu beruft man sich immer wieder auf die Menschenrechte, die aus diesem Geiste hervorgegangen sind, einst aber von der Kirche bekämpft wurden.

Viel differenzierter urteilt das Konzil: „Einerseits läutert der geschärfte kritische Sinn das religiöse Leben von

einem magischen Weltverständnis und von noch vorhandenen abergläubischen Elementen und fordert mehr und mehr eine ausdrückliche personal vollzogene Glaubensentscheidung, so daß nicht wenige zu einer lebendigeren Gotteserfahrung kommen. Andererseits geben breite Volksmassen das religiöse Leben praktisch auf.” Das Konzil vertritt durchgehend einen Personalismus, der die Würde des Menschen betont, der in der Aussage gipfelt: „Das Gewissen ist die verborgene Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.” Bekanntlich hat noch Papst Gregor XVI. die Lehre von der Freiheit des Gewissens eine „irrige und absurde Auffassung” genannt. Heute ist immer wieder die Tendenz spürbar, kirchliche Vorschriften über das Gewissen zu setzen.

Selbstverständlich ist der Mensch kein bloß auf sich allein gestelltes Wesen, sondern auf die Gemeinschaft, hier konkret die Kirche, bezogen. Die Konstitution über die Kirche spricht vom „Volk Gottes”. Damit ist die Gesamtheit der Gläubigen gemeint, nicht nur die Apostel und ihre Nachfolger. Es heißt: „Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das Priestertum des Dienstes sind einander zugeordnet.” Den Laien wird ein „prophetisches Amt” zugesprochen. Das schließt die Verpflichtung zur

Mündigkeit und das Becht auf Kritik ein (Propheten waren immer unbequeme Zeitgenossen).

Eine zentrale Forderung des Konzils ist die Bereitschaft zum Dialog. Gemeint ist ein Dialog innerhalb und außerhalb der Kirche. Das Konzil ist dabei sehr weit gegangen. Es hat den positiven Wert der nichtchristlichen Religionen anerkannt und ein völlig neues Verhältnis zum Judentum eingeleitet (nach so viel Haß und Unverständnis in der Geschichte!). Wenigstens in diesem Punkt hat das Konzil tatsächlich etwas bewirkt. Und nicht nur, was das Judentum anlangt: „Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen.” Hier ist viel geschehen und geschieht noch heute viel.

Der ökumenische Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen dagegen ist ins Stocken geraten. Und innerhalb der Kirche merkt man oft wenig von einem Dialog zwischen „Oben” und „Unten”. Viele Aussagen des Konzils sind Papier geblieben, und viele seiner Forderungen sind unein-gelöst. Und doch hängt die Zukunft der Kirche - soweit sie in menschlicher Hand liegt - entscheidend davon ab, daß das Konzil umgesetzt wird.

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