Gute eine Woche lang war der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in Österreich. Eine Bilanz seines ersten offiziellen Besuches - von ökumenischen Fragen bis zur EU-Erweiterung.

Bartholomaios I., das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie hat die ökumenischen Bemühungen in Österreich mit seinem Besuch in Wien - und anschließend in Rom - in einer Weise gewürdigt, wie kaum einer vor ihm: Der Weg der Ökumene zwischen Konstantinopel und Rom führt über Wien, so das Signal, in Worten des Kurienkardinals und langjährigen Ostkirchenexperten Achille Silvestrini ausgedrückt. Aber der Schwerpunkt der Reise war nicht die Ökumene.

Offiziellen Anlass des Besuchs bildeten die Feiern von "200 Jahre griechische Schule" in Wien und "200 Jahre Kirche St. Georg". Es zeugt von Geschick, dass Bartholomaios den Besuch für die Werbung für ein ihm besonders wichtiges Anliegen nutzen konnte: die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei. Über diese Frage wird die EU im Dezember entscheiden und Österreich gehört zu jenen Ländern, die einem solchen Verhandlungsbeginn zurückhaltend gegenüber stehen.

Ein Beitritt der Türkei oder auch nur Beitrittsverhandlungen, selbst die Aussicht auf Beitrittsverhandlungen sind zweifellos im Interesse des Ökumenischen Patriarchats. Die Beitrittsperspektive war sicherlich einer der wichtigsten Gründe dafür, dass die theologische Hochschule auf Chalki nun nach 33 Jahren wieder geöffnet werden soll - zu den politischen Kriterien, die vor dem Beginn von Verhandlungen erfüllt sein müssen, zählen der Umgang mit Minderheiten (in diesem Fall der griechisch-orthodoxen) ebenso wie die Religionsfreiheit.

Nur noch 3.000 Orthodoxe

Für die fernere Zukunft geht es aber noch um mehr: Ein EU-Beitritt der Türkei würde Personenfreizügigkeit bringen - und damit die Möglichkeit für Griechen, sich wieder in Konstantinopel anzusiedeln. Lebten in den siebziger Jahren noch etwa 70.000 Griechen in der Türkei (und zu Zeiten Atatürks noch über eine Million), so sind es jetzt nur noch etwa 3.000 - viele davon über 70 Jahre alt, deren Kinder ausgewandert sind. Im Falle eines EU-Beitritts der Türkei könnte sich jeder EU-Bürger, somit auch jeder Grieche, in der Türkei niederlassen, was die Zahl der Gläubigen wieder heben und auch die Möglichkeit schaffen würde, eine größere Kirchengemeinschaft zu schaffen.

Wichtig wäre ein solcher Beitritt aber auch unter einem anderen Aspekt: Gemäß türkischer Rechtslage darf nur eine Person, die in der Türkei geboren ist, Patriarch werden. Bei einer so geringen Zahl von Gläubigen in der Türkei beschränkt sich die Zahl der möglichen Kandidaten für das höchste Amt der Orthodoxie sehr stark.

Ein Beitritt der Türkei liegt also klar im Interesse des Ökumenischen Patriarchats, die Überwindung der zögerlichen Haltung Österreichs könnte zugleich auch seine Stellung gegenüber Ankara stärken.

Bartholomaios hat seine Sache zweifellos gut gemacht, nichtsdestoweniger musste seine Mission Grenzen haben. Wären die Bedenken Österreichs nur atmosphärischer Natur, sie wären wohl längst ausgeräumt.

Insgesamt muss dahingestellt bleiben, ob nach einem möglichen Beitritt wirklich große Zahlen von Griechen in die heutige Türkei zurückkehren würden: Die Vertreibungen von Griechen und Türken nach dem ersten Weltkrieg sind nun schon über 80 Jahre her, sicherlich ist die Heimat der Vorfahren noch in vielen Familien in Erinnerung, aber Fälle von Rückkehr nur aus Nostalgie sind selten. Wirtschaftlich stehen Griechenland und Zypern, die USA und Kanada (wohin viele Griechen auswanderten) viel besser als die Türkei und dies wird sich in den nächsten Jahrzehnten kaum ändern.

800 Jahre Plünderung

Neben diesem politischen Anliegen hat Bartholomaios zweifellos auch ökumenische Akzente gesetzt.

Die Bilanz fällt allerdings gemischt aus: Überraschend ungleichzeitig wirkte die Feststellung Bartholomaios bei einem Symposion von Pro Oriente in Wien, die Plünderung Konstantinopels 1204 durch die Kreuzfahrer (aber ausdrücklich gegen den Willen des Papstes und in Verkehrung des an sich schon fragwürdigen Kreuzzugsgedankens) sei ein ökumenisches Hindernis. Es steht außer Zweifel, Konstantinopel hat unter der fast sechzigjährigen Herrschaft der Kreuzfahrer viel mitgemacht, die Rolle von Papst Innozenz III. war ambivalent (zuerst Warnung an die Kreuzfahrer, dann Gratulation an den Eroberer Balduin I, dann wieder Kritik an den Plünderungen), die Eroberung hat in Byzanz das Bewusstsein der Kirchenspaltung vertieft und die Erinnerung an die Herrschaft der Kreuzritter war sicherlich ein Argument, warum das Nichteintreffen von Entsatztruppen aus dem Westen 1453 als nicht so belastend empfunden wurde. Aber ein ökumenisches Hindernis 800 Jahre später?

Grundsätzlich ist festzuhalten: Der europäische Einigungsprozess, für dessen Fortgang Bartholomaios bei seinem Besuch in Österreich vorrangig warb, wäre ohne einen Verzicht auf das wechselseitige Vorwerfen der Fehler der Geschichte nicht denkbar. Analoges gilt sicherlich auch für die Eroberung Konstantinopels.

Fragwürdige Argumentation

Aber vor allem vom theologischen Standpunkt scheint seine Argumentation fragwürdig.

Bartholomaios meinte, in den Ereignissen um 1204 sei der Unterschied zwischen West- und Ostkirche klar geworden, zwischen der Westkirche der Scholastik und der mit dem "Herzen betenden" Ostkirche, der Kirche des Hesychasmus*). Zum einen ist festzuhalten, dass zur Zeit des 4. Kreuzzugs der Hesychasmus durchaus noch umstritten war. Seine Kanonisierung erfolgte erst zwei Jahrhunderte später. Die Argumentation Bartholomaios zeigt aber vor allem, dass die großen Mystiker des Westens im Osten weitgehend unbekannt blieben. Die Westkirche des 12. und 13. Jahrhunderts war nicht ausschließlich eine, die sich philosophisch mit Gott beschäftigte. Erinnert sei an Franz von Assisi (1182-1226), Hildegard von Bingen (1098-1179) und allenfalls u.a. den für den 2. Kreuzzug predigenden Bernhard von Clairvaux (1090-1153); das 12. Jahrhundert, an dessen Ende zum 4. Kreuzzug aufgerufen wurde, ist der Zeitraum in dem die kluniazensische Reform die meisten Klöster erfasst hatte.

In der Kunst wäre die Rolle der Lichttheologie des Dionysios Areopagitas für die Gotik zu nennen, jenes Dionysios, der auch für die Anhänger des Hesychasmus im Osten von Bedeutung war. Bartholomaios zitierte auch zwei Mal Maximos Konfessor als ostkirchlichen Theologen, weist aber nirgends auf die Bedeutung Maximos im Westen hin (viele Schriften von ihm sind nur in lateinischer Übersetzung überliefert). Eine intensivere Beschäftigung mit wichtigen Heiligen und theologischen Strömungen der jeweils anderen Kirche könnte für die Ökumene von großem Wert sein. (Wie unbekannt ist - um ein umgekehrtes Beispiel zu nennen - etwa der im 13. Jahrhundert in der Ostkirche noch immer sehr wichtige Symeon der Neue Theologe im Westen.)

Es wäre sinnvoll, zu prüfen, ob beim Versuch eine Verbindung zwischen 1204 und Ökumene herzustellen, nicht unkritisch das Modell der byzantinischen Symphonie auf die Westkirche übertragen wurde.

Ökumene in Graz

Ein wichtiges ökumenisches Signal setzte Bartholomaios dagegen in Graz: In seiner Dankansprache nach der Verleihung des theologischen Ehrendoktorats der Grazer Universität ging Bartholomaios I. auf den Vorschlag Papst Johannes Pauls II. aus der Mitte der neunziger Jahre ein, über den Primat des Bischofs von Rom zu sprechen und schlug der Universität Graz und der Stiftung Pro Oriente vor, ein Symposion über dieses Thema und über die synodale Struktur der Kirche zu organisieren. Diese Frage bildet ein Haupthindernis in der ökumenischen Annäherung. Ein solches Symposion sollte "tragfähige Lösungsvorschläge vorbereiten, die im offiziellen theologischen Dialog hilfreich sein können". Bartholomaios I. erinnerte an eine Aussage Kardinal Ratzingers bei einem Vortrag in Graz, wonach Rom vom Osten "nicht mehr an Primatslehre fordern müsse als im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde": Damals sei der Papst als "Erster an Ehre unter uns" gesehen worden.

Zukunftsweisend könnte auch der Vorschlag sein, das Konzil von Konstantinopel 879/80 als achtes ökumenisches Konzil zu werten. Die Kirchenversammlung sei repräsentativ gewesen und habe die Versöhnung zwischen Papst Johannes VIII. und dem Patriarchen Photius von Konstantinopel besiegelt.

Insgesamt werden wahrscheinlich vor allem diese in Graz gemachten Vorschläge für die weitere Entwicklung der Ökumene von Bedeutung sein.

Der Autor, Theologe und Jurist, ist Ostkirchenexperte und arbeitet derzeit in der Politischen Sektion des Außenministeriums.

*) Der Hesychasmus ist eine im Mittelalter entstandene Strömung byzantinischer Mystik, die von einer Schau des göttlichen Lichtes ausgeht, und die ein Einswerden der menschlichen Seele mit Gott anstrebt. Zentrum des Hesychasmus ist bis heute der Athos.

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