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"Wehrhafte Intoleranz!"

Wer hat Angst vor Henryk Broder? Der umstrittene Journalist steht abseits des politischen Konsenses. Eine Gefahr sieht Broder in zu viel Toleranz gegenüber dem Islam.

Henryk Modest Broder, 62, polarisiert. Die Thesen des deutschen Publizisten sind alles, nur nicht gemäßigt. Und sie bringen ihn, was seine Warnungen vor dem Islam betrifft, in die Nähe der Rechtspopulisten. Broder im Interview über Strache, die Scharia und Österreichs Kollateralschaden in der Demokratie.

Die Furche: Ich liebe Österreich - haben Sie 2000 im Tagesspiegel geschrieben, nach Jörg Haiders Eintritt in die Regierung und den EU-Sanktionen. Und nach dieser Wahl?

Henryk Modest Broder: Ich liebe Österreich noch immer. Ich glaube, dass es so ein Bedürfnis in Europa gibt, von Zeit zu Zeit einen Ziegenbock mit allen Sünden beladen in die Wüste zu jagen. Dafür eignet sich Österreich ganz gut, weil es ein kleines, harmloses Land ist und politisch nicht allzu bedeutend. Im Übrigen ist der Wahlsieg dieser rechten Knalltüten auch ein Beweis für die absolute Ergebnislosigkeit der linken Politik. Wie heißen die zwei Parteien? FPÖ und Bündnis Zukunft Kaiserschmarrn in Österreich, oder?

Die Furche: Die Rechte rückt vor, das Finanzsystem kracht, manche Kommentatoren strapazieren den Vergleich mit 1933 …

Broder: Das ist Hysterie, ein Teil des nachgeholten Widerstandes. Oder ein Wunschdenken, dass alle wieder einmal etwas Ordentliches erleben wollen. Ich sehe keinen erheblichen Rechtsruck in Europa, ich sehe nur ein wahnsinniges Versagen der Linken. Was zunimmt, ist das demagogische Element.

Die Furche: Für Aufregung sorgte der Anti-EU Schwenk der SPÖ und deren Anbiedern an die "Krone". Wenn sich Politik und Medien Ressentiments bedienen, ist das Stickstoff für die Demokratie?

Broder: Schauen Sie, wie hemmungslos sich die SPD unter Schröder antiamerikanischer Ressentiments bedient hat. Die Demokratie ist eine Werkstatt, keine Luxusboutique. Dort stinkt und qualmt es, ab und zu muss gefegt werden. Demokratie ist permanentes Krisenmanagement. Im Übrigen etwas, wo Österreich offenbar eine Problemzone hat. Bei euch war Demokratie ja lange vor allem, sich im Hinterzimmer des Landtmann zu treffen und alles zu vereinbaren, was dann ins Parlament kam. Sind diese Zeiten vorbei, ist es nur gut.

Die Furche: Müssen wir Angst vor manchen Leuten haben, die ins Parlament drängen? Susanne Winter, FPÖ, hat gesagt, Mohammed sei ein Kinderschänder.

Broder: Wenn sie gesagt hätte, Mohammed hat eine seltsame Vorliebe für junges Mädchenfleisch, wäre es wahrscheinlich gar nicht so verkehrt gewesen. Aber im Prinzip ist natürlich das Personal, das jetzt auf die Bühne drängt, schon leicht bedrohlich oder lächerlich. Das ist der Kollateralschaden der Demokratie. Auf den zweiten Blick gibt es auch in Deutschland wahnsinnig viel Mittelmaß. Aber vielleicht seid ihr die Avantgarde.

Die Furche: Der Islam, vor dem Sie warnen, ist bei uns friedlich. Ist nicht die Krise des politischen Systems, die Verachtung der Politik, das Zerbröseln der Großparteien das Problem?

Broder: In Österreich hat es ja immer zwei Sachen auf einmal gegeben. Erstens einen imponierenden Mischmasch aus Nationen und Ethnien, zugleich einen extrem soliden Fremdenhass. Das hat sich immer auf bewundernswerte Weise die Waage gehalten. Und Sie können nicht sagen, dass der Islam in sich so friedlich ist. Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, aber neun von zehn Terroristen waren Moslems.

Die Furche: Strache sagt dasselbe wie Sie. Etwa dass der Islam eine kulturelle Affinität zur Gewalt hat.

Broder: Er sagt allenfalls die gleichen Sachen, zieht aber die falschen Schlüsse. Ich habe nichts dagegen, dass Moslems herkommen, ich habe auch nichts gegen den Bau von Moscheen. Ich bestehe nur darauf, dass es allgemeine Spielregeln gibt, an die sich alle halten müssen. Strache möchte diese Leute einfach loshaben.

Die Furche: Er sagt, wir haben nichts gegen Immigranten, aber sie müssen sich an Regeln halten, sonst …

Broder: Nur mit dem "aber" fängt es an. Das ist so, wie wenn einer sagt, ich habe nichts gegen Juden, aber. Und dann gehen die antisemitischen Äußerungen los. Also er möchte doch vermutlich ein reines, arisches Europa, und das gibt es nicht mehr. Sie können als Österreicher nicht mit Ihrer Familie vier Wochen in Antalya um den Preis eines Wochenendes in Bad Ischl verbringen, hinterher aber der Serviererin aus Antalya sagen, dass sie sich nicht um einen Job in Baden bewerben darf. Genauso gilt, wenn die Muslime hier Moscheen bauen, müssen die Christen in der Türkei Kirchen bauen dürfen.

Die Furche: Wie soll sich die Kirche im "Kampf der Kulturen" verhalten?

Broder: Als agnostischer Jude wäre ich der letzte, der einer zweitausend Jahre alten Einrichtung Ratschläge gibt. Man sollte vielleicht nicht wie der anglikanische Erzbischof Rowan Williams die Einführung der Scharia fordern. Wenn sie so was denken, sollten sie lieber die Klappe halten.

Die Furche: Er hat gefordert, britisches Recht mit Elementen der Scharia anzureichern. Vielleicht wollte er provozieren, genau wie Sie.

Broder: Man kann nicht einen mit dem Gedanken der Scharia in der aufgeklärten Welt akzeptieren. Man kann nicht ein System tolerieren, das die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die Frauen, automatisch diskriminiert. Man kann nicht ein System tolerieren, das über Prügel und Todesstrafe so nachdenkt, als ob das therapeutische Maßnahmen wären.

Die Furche: Aber ich kann einem muslimischen Land nicht sagen, was es tun soll.

Broder: Nein. Wenn, sagen wir morgen in Tunesien die Scharia eingeführt wird …, wobei Tunesien das falsche Beispiel ist, weil das Land eine relativ fortschrittliche Gesetzgebung hat. Da können sich sogar Frauen scheiden lassen. Tunesien ist ein gutes Beispiel, dass die Scharia auch für Moslems nicht zwingend ist. Ich kann mich natürlich nur in einem Land engagieren, in dem ich geographisch zu tun habe.

Die Furche: Ist Ihre Haltung also wehrhafte Toleranz?

Broder: Nein, wehrhafte Intoleranz! Es ist keine Frage der Toleranz, dass die Moslems am Freitag beten, die Juden am Samstag und die Christen am Sonntag - und Leute wie ich überhaupt nicht. Das ist selbstverständlich. Intolerant muss man da sein, wo in das Getriebe der Gesellschaft eingegriffen wird, das in den letzten 300 Jahren entstanden ist. Dieser Konflikt findet im politischen Rahmen statt, nicht im religiösen.

Die Furche: Die Menschen reagieren gemischt auf Sie. Negative Zuschriften geben Sie gerne auf Ihre Homepage …

Broder: Ich bin da wie ein Pathologe. Wenn der eine seltsame Krebserkrankung entdeckt, muss er das auch gleich mit seinen Kollegen bereden.

Das Gespräch führte Stefan Müller

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