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Weihnacht – zwischen Flucht und Sehnsucht

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Die FURCHE-Herausgeber

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Da waren sie also wieder – die weißen Großplakate mit Goldtext: „Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren. Ein Fest der Freude für die Menschen.“ Bibelkunde für Anfänger – hoch über den Punschwolken großer Adventmärkte. Meinungsforscher wissen: Nur noch acht (!) Prozent der Österreicher bekennen sich in Umfragen zur besinnlich-religiösen Bedeutung des Festes. Und 40 Prozent der Kinder in Deutschland wissen den Anlass für Weihnachten nicht mehr.

Bis tief hinein ins christliche Milieu hat sich ein Stück Neo-Heidentum gefressen – mit Weihnachtsmann, Jingle Bells und – wenn’s hoch kommt – ein wenig Friede, Freude und Familienidylle.

Zerrissenheit wird spürbar

Und nimmt man’s genau, ist ja sogar die Plakat-Kampagne der katholischen Kirche nur eine abgespeckte Version der eigentlichen Weihnachtsbotschaft: Gott ist Mensch geworden, damit sich der Mensch seiner Gottesnähe neu bewusst wird. Wer von uns weiß und spürt das noch?

Trotzdem: Weihnachten setzt viele religiös gehörig unter Druck – gesellschaftlich, familiär und persönlich. Eine tiefe Zerrissenheit wird spürbar: Da ist die Flucht ins Äußerliche, Unverbindliche – zugleich aber die unzerstörbare Sehnsucht nach einer verlorenen Tiefe. Nach Mythos und Mystik. Einmal noch Kind sein. Einmal noch dem Wunder nachspüren. Einmal noch durch die Dunkelheit zur Mette gehen – samt Alleluja und Aufbruch der Herzen.

Gläubige haben es gut in diesen Weihnachtstagen. Sie fühlen sich dort seelisch zu Hause, wo so viele nicht mehr sein können oder wollen. Wo für viele andere Erwartung und Erfüllung nicht deckungsgleich zu bringen sind. Zu oft neigen die religiös Gebliebenen dazu, ihre eigenen Ansprüche an das Fest auch auf andere zu übertragen. Als gäbe es in diesen heiligen Stunden noch einen Standard verpflichtender Religiosität.

Aber Glaube ist und bleibt ein Geschenk. Eine Gnade. Und mehr denn je muss er heute ohne jede Phrase und Dünkel gelebt sein. Gerade zu Weihnachten, wenn die Kirchentore so weit offen stehen, muss es spürbar werden: Zur Kirche gehören auch die Sünder und Verlaufenen, die Enttäuschten und die Skeptiker. Und wer zählt da letztlich nicht dazu?

Gläubige Menschen haben in diesen Tagen also allen Grund, auch jene zu respektieren und anzunehmen, die weit weniger anstreben und erleben als eine Gottesbegegnung. Denen Weihnachten als „Fest der sanften Werte“ genügt.

Überforderung bedroht das Fest

Ich denke: Nicht nur die Entfremdung – die vielzitierte Entkirchlichung, Entchristlichung und die tausendfach beklagte Konsumwut – bedroht dieses schönste Fest des Jahres, sondern auch die Überforderung: mit Ansprüchen und Erwartungen aller Art.

Mit Weihnachten ist es wohl so wie mit dem (wieder im Trend liegenden) Pilgern. Beide rühren einen so tiefen Urgrund des Menschlichen, Mitmenschlichen und Mitgöttlichen auf, dass – Umfragen hin oder her – die These gewagt sei: Tief in (fast) jedem von uns wird dabei zumindest etwas von der Unzerstörbarkeit des Religiösen spürbar. Anders gesagt: Zu Weihnachten geschieht „nie nichts“.

Ihnen allen ein gesegnetes Fest!

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