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Weihnachten - eine Geschichte prekärer Menschlichkeit

Der verwundete Mensch, der verwundbare Gott: Christi Geburtsfest in einer gefährlichen und gefährdeten Welt zu feiern, birgt eine eminent politische Dimension in sich.

Ein Zauber geht von diesem Fest aus. Es bündelt Erinnerungen und konzentriert Hoffnungen. Weihnachten gibt Sehnsüchten einen Raum, die mit dem prekären Wunsch nach einer heilen Welt zu tun haben. In einer gefährlichen und gefährdeten Welt nimmt dieser Wunsch eine politische Dimension an, ohne die Intimität persönlicher Träume zu verlieren: Es geht um die humane Bestimmung der Welt, um menschliche Lebensbedingungen für alle Menschen.

Jedes Jahr erzählt dabei seine eigenen Geschichten. 2013 bleibt mit unverwechselbaren Bildern im Gedächtnis. Zwei Menschen unter vielen geben ihm ein sehr persönliches Gesicht: der im Frühjahr gewählte Papst, den das Time-Magazin zum "Mann des Jahres“ erklärt hat, und Nelson Mandela, der am Ende dieses Jahres gestorben ist. Der südamerikanische Pontifex und der südafrikanische Politiker bewegen die Menschen durch ihre Menschlichkeit. Beide lenken die Aufmerksamkeit auf die Menschen, die um ihre Rechte kämpfen müssen: um die notwendigsten Lebensressourcen, um Freiheit und Gerechtigkeit. Beide solidarisieren sich mit den globalen Verwundeten, beide setzen auf den Weg des Friedens, auf Überwindung von Hass.

Eine pure Utopie, will man meinen, angesichts der Geschichten, die das Jahr 2013 erzählt. In Syrien tobt weiterhin der Bürgerkrieg, im ukrainischen Winter gehen Hunderttausende für eine demokratische Ordnung auf die Straßen. In Griechenland demonstrieren Menschen für eine gerechtere Verteilung der Schuldenlasten, die das Land an den Rand nicht nur des ökonomischen, sondern auch des sozialen Bankrotts führt. In Lampedusa stranden die Toten, die afrikanische Migrationswellen fordern, und in Europa etablieren sich Formen moderner Versklavung: mit unterbezahlten Leiharbeitern auf der einen Seite, mit Zwangsprostituierten auf der anderen. Die ganze Verwundbarkeit menschlichen Lebens steht mit den entsprechenden Bildern vor Augen. Der Taifun auf den Philippinen drängte sie noch einmal anders ins öffentliche Bewusstsein. Aber auch der NSA-Skandal zeigt, wie angreifbar und verletzbar die Integrität des Menschen ist. Der Traum vom gelungenen Leben bleibt für einen großen Teil der Menschheit wie ein Stück aus einem jener Märchen, für die viele auch die Weihnachtsgeschichte halten.

Das Wagnis der Verwundbarkeit

Alles andere als eine Traumwelt tut sich freilich auf, wenn man sich auf die Geschichten einlässt, an denen Weihnachten hängt. Ein besonderes Buch geht dem nach, ein Solitär auf dem weihnachtsgeschäftlichen Buchmarkt. Die Autorin, Hildegund Keul, erzählt vom "Wagnis der Verwundbarkeit“ und geht den Weihnachtsgeschichten der Evangelien einmal anders nach (s. Buchtipp am Ende des Beitrags). Ihr Blick richtet sich auf das Risiko der Menschlichkeit. Was heißt es, Mensch zu sein? Zur Welt zu kommen? Keul setzt am sensibelsten Punkt der Weihnachtsgeschichte an: bei der Menschwerdung. Nie ist der Mensch verwundbarer als am Beginn seines Lebens, angewiesen auf fremde Hilfe, vor allem auf die Mutter, für die der Geburtsvorgang ein Risiko eigener Art darstellt. Das galt besonders für die antike Welt, in die jener Jesus hineingeboren wurde, an den das Weihnachtsfest erinnert. Ein gefährdeter Mensch, dessen Lebensgeschichte Walter Jens einmal unter den sprechenden Titel "Am Anfang die Krippe, am Ende der Galgen“ stellte. Kinder erscheinen als Inbegriff von Lebendigkeit, aber das Leben dieses Kindes beginnt im Zeichen von kaiserlicher Gewalt und ist von Anfang an bedroht, vom Tod umstellt. Das Matthäusevangelium erzählt dies konsequent: Kaum geboren, müssen die Eltern mit dem Baby fliehen. Eine ungeheure Aktualität geht von diesem Bild aus. Ein Migrantenkind steht uns vor Augen, und mit ihm gewinnt das dringende, oft übersehene Thema von Weihnachten Kontur: dass die Weihnachtsgeschichte die ganze Verletzlichkeit menschlicher Existenz zur Anschauung bringt. Keul nimmt die vielfältigen Stränge der wuchernden Vulnerabilitäts-Forschung auf, um ihr eine theologische Wendung zu geben: Was bedeutet die Verwundbarkeit des Menschen? Welche Gründe, welche Strukturen bestimmen verletzte Biographien?

Eins fällt dabei auf: Angesichts von zu viel Leid gibt es einen Impuls, sich selbst zu schützen, und den Blick zu wenden. Man hält nicht aus, was einen schon aus der Distanz der Bilder bedroht. Der christliche Glaube besagt demgegenüber, dass sich Gott selbst im Leben dieses Kindes zeigt. Im verletzlichen Menschen offenbart sich, wer Gott für uns ist: nahe bei den Verletzten dieser Welt. Weihnachten legt eine eigene Kultur des empathischen Blicks an.

Jesus, der verwundete Heiler

Eine Herausforderung! Denn es fällt schon schwer genug, die eigenen Verwundungen, die seelischen zumal, zu akzeptieren. Der "Utopie der Unverwundbarkeit“ stellt Keul die Perspektive Jesu entgegen. Er ist der "verwundete Heiler“, der sein Leben mit denen teilt, die selbst verletzt sind: den Armen, Kranken, den Lampedusa-Existenzen jeder Zeit. Das Teilen wird zum Schlüssel eines Lebens, das die Verwundbarkeit von Menschen zum Raum der Gottesgegenwart macht. Wer Leben teilt, muss selber Risiken auf sich nehmen - wie die Hirten der Weihnachtsgeschichte, die ihre Herden zurücklassen, oder wie die Weisen aus dem Morgenland, die in ein fremdes Land aufbrechen und die vertraute Heimat verlassen.

Eine Figur hinterlässt besonders nachhaltigen Eindruck, selbst ein eher Übersehener. Gemeint ist Josef, der Mann Marias. Was wird ihm nicht alles zugemutet - der Aufbruch in ein fremdes Land, mit einer Verlobten, die das Kind eines anderen austrägt. Als er das erfährt, verurteilt er Maria nicht; er will sich diskret zurückziehen, bis ihm aufgeht, dass er für die beiden Menschen Verantwortung übernehmen muss, weil sie ohne ihn nicht überleben.

Das Beispiel des Josef

Dieser Josef "gibt, was er hat, ohne danach zu fragen, was für ihn bleiben wird. Er geht Risiken ein um anderer Menschen willen, ohne sich zögerlich darum zu sorgen, womit er dies wird zahlen müssen.“ Der Josef, den uns Keul hier vorstellt, ist ein Grenzgänger entwaffnender Liebe, die sich der Menschen annimmt, die in ihrer existenziellen Verwundbarkeit am meisten auf menschliche Zuwendung angewiesen sind.

Grenzüberschreitung wird zum Emblem der Weihnachtsgeschichte, und sie offenbart die Möglichkeiten eines Handelns im Namen des Gottes, der die Verwundeten dieser Welt nicht aufgibt. Der sich vielmehr bis zum Äußersten mit ihnen solidarisiert. Menschwerdung Gottes, Inkarnation, liefert dafür das theologische Bild. Es enthält einen Handlungsimpuls, den Keul ans Ende stellt, um einen Anfang zu setzen: "Heute Weihnachten feiern - hingebungsvoll leben“.

Menschen wie der argentinische Franziskus und der Apartheidsüberwinder Nelson Mandela zeigen, dass solche Menschlichkeit keine Utopie ist, sondern Alltagswert besitzt. Der Gefangene von Robben Island hat aller Welt bewiesen, dass aus erlittenen Verwundungen nicht Hass entstehen muss. Er immunisierte sich nicht gegen seine persönlichen Verletzungen und die seines Volkes. Die verstörende, schier unglaubliche Menschlichkeit, die er verkörperte, bezwang am Ende seine Wärter wie seine Gegner. An Weihnachten wird man mit dem Glauben an jene grenzüberschreitende Menschenliebe konfrontiert, die Jesus von Nazaret für Christen verkörpert. Die Weihnachtsgeschichten buchstabieren die radikale Menschenliebe eines Gottes, der sich selbst auf die Geschichte verwundeter Menschlichkeit einlässt und sich im Leben jener verletzbaren Menschen durchsetzt, die sich zum vermeintlich niedlichen Gruppenfoto mit Krippe versammeln. Indes stehen sie für eine harte Wirklichkeit, das bedrängte Leben jedes und jeder einzelnen. Und so verpflichtet auch Weihnachten 2013 auf die Vision einer heilen Welt, die sich in Politik übersetzen lässt.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg

Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit

Von Hildegund Keul.

Patmos 2013. 144 Seiten, geb., e 13,40

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