Weiser, Krieger, Bauer: ein Gott

Wie aus weisen Gottheiten, Kriegsgöttern und Fruchtbarkeitsgeistern der Gott der Bibel wurde:Der Alttestamentler Bernhard Lang versucht, Jahwe, den Gott Israels, zu porträtieren.

Wenn man die Berichterstattung zu biblischen Themen in den vergangenen Wochen verfolgte, waren es zwei archäologische Funde, denen großes mediales Interesse zukam:

* Ein briefmarkengroßes Papyrusfragment aus Qumran beweist nach Ansicht einiger Forscher, dass das Markusevangelium älter als angenommen ist; daher sei die - historische - Glaubwürdigkeit der Evangelien bezeugt.

* Und eine Knochenkiste aus dem ersten Jahrhundert soll die Gebeine des leiblichen Bruders Jesu enthalten (vgl. vorige Furche, Seite 10).

Biblisches "Beweismaterial" ist zur Zeit in Mode, der Trend zu eindeutigen Antworten und Schlussstrichen unter so manche, noch offene Diskussion nimmt zu.

"Mitte" des Alten Testaments

Auch Bernhard Lang, Alttestamentler in Paderborn, verheißt mit seinem Buch "Jahwe, der biblische Gott. Ein Portrait" auf den ersten Blick vergleichbare Eindeutigkeit: Immerhin wird darin die Darstellung der "beispiellosen Karriere" des biblischen Gottes "zum monotheistischen Gott der westlichen Kultur" (Buchrückentext) angekündigt. Das Umschlagbild, das Gott als den "alten Mann mit Bart" zeigt, ergänzt diesen Eindruck.

Doch lässt sich Gott porträtieren? Lässt sich das kontrastreiche und vielseitige Gottesbild des Alten Testaments wirklich "auf einen Nenner" bringen?

Seit längerem gibt es in der Bibelwissenschaft Versuche, eine "Mitte" des Alten Testaments zu entdecken. Gemeint ist damit eine, die literarische und theologische Vielgestaltigkeit des Alten Testaments einigende Größe, die im manchmal unwegsamen Gelände der 46 Bücher des Alten Testaments Orientierung bietet. Dabei zeichnen sich vor allem zwei Tendenzen ab: Gehen die einen von einem zentralen Thema (Erlösung, Gnade, die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch) aus, das sie als roten Faden oder als Sinnmitte der Textsammlung der alttestamentlichen Schriften sehen, betrachten andere den "Urheber" der Schrift, nämlich Gott und sein Wirken als einigende Größe.

Auch das Buch von Bernhard Lang kann als Beitrag dazu betrachtet werden. Der Autor will eine Lücke schließen, die er in der Forschung zum Thema des biblischen Gottesbildes wahrnimmt. Die diesbezüglichen Forschungsergebnisse sind, so Lang, zwar "oft neu und eindrucksvoll, doch gewöhnlich zerfällt der Gegenstand ... in unstrukturierte, ohne Einordnung in größerer Zusammenhänge bleibende Details".

Als Ausgangspunkt seiner Darstellung wählt Lang die Gesellschaftstheorie des französischen Humanwissenschaftlers Georges Dumézil (1898 bis 1986). Dieser Theorie zufolge beruht ein harmonisches, gesellschaftliches Leben auf dem Zusammenwirken der drei Stände Priester/Weise, Krieger und Bauern, die jeweils eine ganz bestimmte Funktion ausüben, nämlich die Herrschaft, die Überlegenheit im Kampf und die Fruchtbarkeit bzw. die Beschaffung von Nahrung. Im Zuge seiner Analyse der Tradition indoeuropäischer Völker entdeckte Dumézil, dass nach dieser Dreigliederung nicht nur die menschliche Gesellschaft, sondern auch die Götterwelt organisiert ist (es gibt weise Gottheiten, Kriegsgötter und die Fruchtbarkeit fördernden Geister).

Lang zeigt auf, dass es in der Bibel zahlreiche Spuren dieses dreifunktionalen Denkens gibt, bzw. dass sich im hebräischen Gott Jahwe die genannten Funktionen - der Herr der Weisheit, der Herr des Krieges und der Herr der Fruchtbarkeit - ausmachen lassen. So erscheint ein von mehreren Seiten beleuchtetes "Porträt" des biblischen Gottes, der zum monotheistischen Gott wurde, indem er die Funktionen eines Pantheons in sich vereint.

Das zusammengetragene Text- und Bildmaterial ist beeindruckend. Trotzdem fehlt einiges: So gibt es in der Bibel ja nicht nur die gewonnenen Kriege, die Jahwe als den "Herrn des Krieges" charakterisieren, sondern auch die verlorenen, es gibt nicht nur Regen zur rechten Zeit, den gesegneten, fruchtbringenden Ackerboden, sondern auch die Dürre, den Hunger und das Exil. Textbeispiele zu letzteren sucht man nahezu vergeblich. Ob sich also wirklich von einem "Porträt" des bildlosen, biblischen Gottes sprechen lässt? Oder handelt es sich um Muster archaischer Gottesvorstellungen, die sich - natürlich - auch in den biblischen Schriften finden?

Von Göttern zum einen Gott

Im Epilog stellt Bernhard Lang diese, aus dem Alten Testament nachvollziehbare, heilsgeschichtliche Entwicklung eines monotheistischen Gottesbildes der weltgeschichtlichen gegenüber. Letztere hat nach Lang ihre eigene Entwicklungslinie zum Monotheismus, die mit der assyrischen Bedrohung des 9./8. Jahrhunderts vor Christus ihren Anfang nimmt und von hier aus die zunehmende Konzentration auf Jahwe als den einen Gott inmitten der polytheistischen Welt der kanaanäischen Kultur begründet.

Die Entwicklung vom hebräischen Polytheismus zum monotheistischen Jahwe-Glauben als Mitte des Alten Testaments ist eine interessante Spur, auf die Bernhard Lang aufmerksam macht. Ob es dazu allerdings der Vorlage der Theorie Dumézils bedarf, durch die der biblische Text auf Belegstellen reduziert wird, scheint aber fraglich.

Die Autorin ist wissenschaftlich pädagogische Mitarbeiterin bei den Theologischen Kursen.

JAHWE, DER BIBLISCHE GOTT. Ein Portrait. Von Bernhard Lang. C.H. Beck, München 2002. 320 S., geb., e 20,50

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