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Weiß Gott, was die Menschen glauben ...

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Steht die moderne Welt der Religion doch nicht feindlich gegenüber? Gibt es die "Wiederkehr des Religiösen"? Ein Auszug aus "Die McGesellschaft".

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Steht die moderne Welt der Religion doch nicht feindlich gegenüber? Gibt es die "Wiederkehr des Religiösen"? Ein Auszug aus "Die McGesellschaft".

Populäre Auffassungen über das Schicksal der Religion in der modernen Gesellschaft haben etwas gemeinsam: Sie sind zum Großteil falsch. Auch die Sozialwissenschaftler haben erst in jüngerer Zeit ihre Irrtümer korrigiert.

Als solche Irrtümer werden heute Aussagen angesehen wie etwa: Die moderne Welt sei der Religion feindlich gesonnen, und diese schmelze dahin. Der Prozeß der Moderne sei ein Säkularisierungsprozeß. Je moderner eine Gesellschaft, desto weniger religiös sei sie; und dies sei belegbar durch Daten über Kirchenmitglieder, Gottesdienstbesuche und Glaubensauffassungen.

Aber alles das stimmt nicht. Mittlerweile bringt kein informierter Sozialwissenschaftler mehr die These von der Säkularisierung über die Lippen. Gerade in den modernsten Gesellschaften, wie in den USA, bestehen unleugbar intensive religiöse Gefühle. Daß die erwähnten Daten Auskünfte über die Religiosität der Menschen geben, glauben nur noch die Entwerfer von Fragebögen.

Mittlerweile erregt auch die These vom "Wiederaufstieg religiöser Potentiale" Interesse. Gibt es gar eine Rechristianisierung? Brauchen die Menschen doch die Religion? Gehen wir zurück ins Mittelalter?

Unser Problem beginnt schon mit der Frage, was wir unter "Religion", "Religiosität" oder "religiösen Gefühlen" verstehen wollen.Wenn wir mit dem Begriff der "Religion" (erstens) die etablierten Denominationen (in Europa, also die dominierenden christlichen Kirchen) meinen, ist die These vom Wiederaufstieg religiöser Potentiale eine kecke, aber tröstliche These für Bildungshausbesucher, aber sie trifft nicht die Wirklichkeit.

In Wahrheit gibt es wenig Indizien dafür, daß mit dem Blick auf die "großen Kirchen" die Säkularisierungsthese in Frage gestellt werden muß, wie sehr sie auch als pauschale Beschreibung allgemeingesellschaftlicher Tendenzen falsch sein mag.

Womit sind wir denn konfrontiert? Ohne Zweifel mit einem voranschreitenden Bedeutungsverlust der Kirchen, einer Abdrängung des Religiösen in die Privatheit, einem Unsichtbarwerden der Religion. Weiters sind tatsächlich immer weniger Mitglieder der Kirchen und immer weniger Teilnehmer an den religiösen Ritualen zu verzeichnen. Die Funktion der Kirchen beschränkt sich darauf, Rituallieferanten für die "großen Schwellen" des Lebens - für Heirat, Taufe und Tod - zu sein. Schließlich schwinden die Glaubensinhalte der Kirchenmitglieder, wie empirisch immer wieder festgestellt wird. Alle Befunde sprechen von der Erosion katholischer Subkulturen, vom Abschmelzen der Kernmitgliedschaften, von der fortschreitenden Entzauberung der Welt selbst im Bewußtsein kirchentreuer Stammgruppen ...

... Es bröckelt an allen Ecken und Enden. Gläubige und Kirchenfunktionäre mögen sich damit trösten, daß sie mit diesem Schicksal nicht allein sind: Die "großen Institutionen" der Gesellschaft erleiden ein gemeinsames Schicksal: Die Institutionsverdrossenheit richtet sich gegen politische Parteien, große Kirchen, Gewerkschaften und Interessenverbände. So wie das politische Leben in den großen Parteien erlahmt und diese ihre Botschaften nicht mehr über die Rampe bringen, so schläft auch das Gemeindeleben in den christlichen Kirchen ein, und besonders jene Glaubensgemeinschaften, die als Staatskirchen eingerichtet waren, haben nicht mehr die Kraft, ihre Botschaft massenwirksam zu machen. Mit dem Bröseln des Staates bröselt auch die Religion.

Wir können (zweitens) die Sekten und Mythen, den Okkultismus und die New-Age-Bewegung, den Hexenglauben und die fernöstlichen Versatzstücke religiöser Provenienz mit dem Begriff der "Religion" bezeichnen, und deren Resonanz nimmt offenbar zu. Hier kann keine Rede sein von Säkularisierung.

In dieser Kategorie werden allerdings sehr unterschiedliche Phänomene erfaßt: zum einen die hierarchisch strukturierten, auf Umkehr und Bekehrung setzenden, das "ganze Leben" ihrer Mitglieder erfassenden Sekten; sodann die loseren, pluralistischen, sich oft als diffus-christlich verstehenden Denominationen, wie sie etwa in den Vereinigten Staaten gedeihen, einschließlich der sonderbaren Erscheinungen wie der Fernsehprediger und Wunderheiler; schließlich die sich entfaltende religiöse Konsumkultur, die sich willkürlich aus den historisch-religiösen Beständen der Welt bedient. Darunter fallen etwa ethno-romantische Lehren (Castaneda) und psychologische Bewegungen (transpersonale Psychologie), ein esoterisch-mythologischer Feminismus und die Anthroposophie, Kelten- und Hexenmeetings, Adaptionen fernöstlicher Lehren und andere Strömungen. Da gedeiht ein mythischer Dschungel.

Als "Religionen" sind (drittens) auch säkularisierte Ideen, Ideologien und Institutionen des politischen Lebens bezeichnet worden. Auch die Politik schafft ideale Gesellschaftsbilder: Man denke an die marxistische Lehre und die etablierten kommunistischen Staaten, die sich als "Heilsbringer" verstanden haben. Es gibt Ursprungsmythen: den "Mythos der Revolution" im Kommunismus, den "Mythos des Partisanenkampfes" im Jugoslawismus, den "Mythos des langen Marsches" in China, den "Mythos des Generalstreiks" bei Sorel.

Auf den Spuren Emile Durkheims können wir (viertens) die Kategorie des Religiösen auch im Gemeinschaftserleben verankern: Religion wäre dann als eine Selbsttäuschung zu verstehen, hinter der das Integrations- und Machterleben der Gesellschaft steht.

Das Gemeinschaftsbedürfnis wird ursprünglich in überschaubaren Lebensstrukturen, in Stämmen und Dörfern, jedenfalls in face-to-face-Beziehungen, befriedigt, und je größer die Gesellschaften werden, desto schwieriger gelingt die Integration: Die Religion hat sich über lange Zeit als geeignete Grundlage dafür erwiesen. In ihrer integrativen Funktion geht Religion dieser Perspektive zufolge völlig auf: Sie ist die Quelle von Kohäsion und Legitimität in einer Gesellschaft und hält den individuellen und den Gruppenegoismus in Schach.

Aber funktionale Äquivalente sind offenbar auch andere gemeinschaftsstiftende Strömungen; wenn Religion nicht mehr ist als ein Mittel zur Gemeinschaftsstiftung, dann ist sie gleichwertig mit Rassismen oder Nationalismen, und nationalistische Ausbrüche wären dann als Aufschwünge "religiöser" Gefühle zu verstehen. In ihrem Eifer, ihrer Begeisterung, ihrer Unversöhnlichkeit, ihrer Blindheit, ihrer Opferbereitschaft sind nationalistisch "aufgeheizte" Massen natürlich religiös eifernden Massen sehr ähnlich. Der aufstrebende Nationalismus ist Sinnstiftung, Außeralltäglichkeit, Zukunftshoffnung, Freiheitssymbol, Verheißung eines ganz anderen Lebens - also "religiös".

Schließlich sind (fünftens) selbst Wissenschaft, Vernunft und Fortschritt als "Religionen der Moderne" bezeichnet worden. Unter dem Gesichtspunkt des aufklärerischen Programms ist Religion zwar alles, was noch nicht "rational" geworden ist; aber es schimmert doch immer wieder durch, daß die Vernunft die religiöse Eschatologie geerbt hat. Die charismatische Verklärung der Vernunft (bei Robespierre) ist, wie Max Weber sagt, die letzte Form des Charismas. Selbst Auguste Comte ist mit seiner neuen Superwissenschaft, der Soziologie, bekanntlich geradewegs bei der Religion gelandet. Die Wissenschaft, ursprünglich selbst als "Gottesdienst" konzipiert (wie Robert Merton für die frühe Neuzeit gezeigt hat), hat sich gegen ihre Ziehmutter, die Religion, gewendet, ihre Potentiale aber übernommen: Sie reproduziert zeitweise sogar den christlichen Dogmatismus in ihren Wahrheitsansprüchen, ihrem Universalismus, ihrer Heilsverkündigung ...

... Sicher ist von einer Wiederkehr der Kirchen nicht zu sprechen, auch wenn religiöse Konflikte wieder häufiger zu einem politischen Thema, einem Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit und Konflikthaftigkeit, werden. Solche Konflikte sind jedoch häufig in der gestiegenen Mobilität, der ethnisch-kulturellen Mischung und den damit verbundenen Identitätsproblemen begründet: So mag der Streit um die Kopftücher der islamischen Mädchen in den französischen Schulen eskalieren, aber dies bedeutet nicht, daß der Glaube in den öffentlichen Raum zurückkehrt. Religiöse Konflikte dieser Art haben mit neuen sozialstrukturellen Konstellationen zu tun.

In manchen Situationen wird die religiöse Frage auch bewußt und mit politischen Absichten forciert, um Gruppenzusammenhalt zu erzeugen; das mag sogar in "Religionskriege" münden. Aber die "Glaubensspaltung" am Balkan läßt sich ebenfalls nicht durch einen Bedeutungsgewinn der Religion erklären. Politische Führer stützen sich in turbulenten Zeiten auf unterschiedliche kulturelle Ressourcen, um Folgebereitschaft bei ihren Anhängern zu erzeugen, und in geeigneten Fällen können auch religiöse Potentiale (in anderen Fällen etwa ethnische, ökonomische und sprachliche Spaltungen) als Instrumente im politischen Machtkampf eingesetzt werden. In diesen Fällen wird der Bedeutungsgewinn der Religion bewußt geschaffen, und er signalisiert keine "echte", dauerhafte Entwicklung ...

... Religion kann also dahinschwinden, und nicht in jedem Fall gibt es passende Ersatzelemente. Gerade in der individualistisch-pluralistischen Gesellschaft schwinden mit ihr gemeinsam-sinnstiftende Ressourcen. Die Annahme, daß es eine konstante Quantität an Sinnstiftungsbeständen geben muß, ist irrig; insofern ist auch die Fragestellung falsch, was an die Stelle der Religion getreten ist. Vielmehr mag es auch Zeiten geben, in denen alle Quellen der Sinnstiftung ausdörren, in denen keine automatische Substitution erodierender Potentiale durch andere erfolgt. Das mag unter dem Etikett der "Orientierungskrise" - beklagt, oder es mag - unter dem Etikett der "Postmoderne" - als Freiheitsgewinn bejubelt werden ...

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