Weltkulturerbe "hinter Spanien im Ozean"

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Teneriffa für Kunstliebhaber: "Die sehr edle und treue Stadt San Cristobal de la Laguna"

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Teneriffa für Kunstliebhaber: "Die sehr edle und treue Stadt San Cristobal de la Laguna"

In schwarze Capes gehüllte Herren schreiten würdig mit Fackeln in der Hand hinter dem gotischen Christus, der an einem riesigen Kreuz aus getriebenem Silber hängt. Das Kreuz ist von prachtvollen silbernen Leuchtern und silbernen Vasen umgeben und wird in Begleitung zweier Musikkapellen auf einem Wagen durch die Hauptstraße von La Laguna gezogen. In die schrillen Trompetentöne mischt sich das Glockengebimmel der Kathedrale. Die ganze Insel Teneriffa ist auf den Beinen, erst, um andächtig hinter der hohen Geistlichkeit an der Prozession des Allerheiligsten Christus teilzunehmen, dann am einstündigen Feuerwerksfest, um schließlich auf offener Straße nach Mitternacht zu schmausen und zu trinken. Beim höchsten Inselfest, am 14. September, ist man unter sich, wie sich auch während des gesamten Jahres nur wenige Touristen in die 500 Jahre alte Stadt verirren.

Die Sonnenhungrigen - viereinhalb Millionen kommen jedes Jahr auf die größte Insel des Kanarischen Archipels - braten auf den Stränden des wüstenähnlichen Südens. Nur 80 Kilometer nordöstlich der Playa de las Americas, auf 550 Meter Meereshöhe, befände sich das lohnendste Ausflugsziel Teneriffas, die einstige Inselhauptstadt La Laguna, die am 2. Dezember 1999 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Sie sei eine "Stadt des Friedens", hieß es in der Begründung. La Laguna war die erste spanische Stadt ohne Stadtmauern.

Gegründet 1496, entwickelte sich La Laguna zu einem Modell für die Stadtarchitektur jenseits des Atlantiks. Bis 1723 war die Stadt Residenz des Archipels. Heute ist sie zwar nicht mehr Hauptstadt - diesen Rang hat ihr Santa Cruz mit seinem geschäftigen Hafen abgelaufen - , aber mit ihrer Universität das geistige Zentrum und durch den Bischofssitz das geistliche.

Klöster und Klausen In ihrer Altstadt läuft kein Gässchen krumm. Beleuchtet werden die schachbrettartig angelegten Straßen von wappentragenden schmiedeeisernen Laternen. Kein einziges Haus beleidigt das Auge. Alle sind elegant proportioniert, weiß getüncht, mit schweren Portalen aus geschnitztem Holz. Schwarzrote Lavasteine umranden Fenster und Türen - Zeugnis des vulkanischen Ursprungs der Inseln des ewigen Frühlings, wie Ovid sie in seinen "Metamorphosen" nennt. Die Häuser stammen aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert und bergen fast alle eine Überraschung: Patios, Innenhöfe, in denen Brunnen plätschern, Statuen und Steinvasen moosbewachsen, schimmern, und von deren umlaufenden Holzbalkonen Farne an langen Ketten frei zu schweben scheinen. Nichts ist hier überrestauriert oder behübscht, aber alles in gutem Zustand.

Keine Stadt der Kanaren hat so viele Kirchen, Kapellen, Klöster und Klausen auf so engem Raum wie La Laguna. Ein früherer Bischof soll verfügt haben, für jedes Lokal müsse eine Kirche oder Kapelle errichtet werden. Von der Frömmigkeit und dem Wohlstand der Kanarier zeugen in den Kirchen silberne Altäre, goldüberzogene Retabei, flämische Gemälde des 16. Jahrhunderts und prachtvolle Holzdecken, die in ihrer Wölbung an Schiffsrümpfe erinnern.

La Laguna lässt das Herz jedes historisch Interessierten höher schlagen. Das vorzügliche "Museo de Historia de Tenerife" führt ihn nämlich in eine neue Welt historischen Denkens, in die atlantische Geschichte. 1495 unterlagen die Ureinwohner nach erbitterten Kämpfen den spanischen Eroberern.

Die Guanchen waren Steinzeitmenschen. Von den Spaniern eingeschleppte Infektionskrankheiten - wie die Grippe - rafften viele dahin. Jene, die Kämpfe und Krankheiten überlebten, sich aber in die neue Gesellschaft nicht einfügen wollten, wurden auf dem Sklavenmarkt von Sevilla verkauft. Die übrigen vermischten sich mit den neuen Herren. Die Spanier, die die Kanaren besiedelten, stammten vorwiegend aus Andalusien. Ihre Sprache wandelte sich geringfügig auf den Kanaren; hört man sie, glaubt man, man sei in Kuba.

Tatsächlich waren es Bewohner Teneriffas, die in großer Zahl nach Kuba, Venezuela, Puerto Rico, Santo Domingo, Florida, Texas, Urugay auswanderten, um Gebiete zu besiedeln, die von der spanischen Krone anempfohlen worden waren. Der Atlantik wurde zum Mittelmeer der Neuzeit: 400 Jahre, vom ersten zögerlichen Ausgreifen der Portugiesen und Spanier nach Süden, zuerst an der afrikanischen Westküste, dann zu den Kanaren, Kapverden, Azoren, nach Madeira, dauerten diese Kulturbegegnungen. Erst im 18. Jahrhundert war diese atlantische Welt voll ausgebildet. Am Anfang standen Kriege mit den Einheimischen; es folgte die europäische Besiedlung, die Übertragung europäischer Formen von Administration, von Politik; die Missionierung; auf den Zuckerrohrplantagen wurde eine neue Wirtschaftsform ausprobiert, und dem Arbeitskräftemangel half man mit schwarzen Sklaven ab. Was im kleinen Labor auf den Kanaren so erfolgreich versucht worden war, fand jenseits des Atlantiks dann zwar einen größeren Rahmen, aber das Muster stand bereits fest. Im Historischen Museum von Teneriffa in La Laguna sowie im Archiv der "Königlichen Wirtschafts-Gesellschaft der Freunde des Landes" liegen die schriftlichen Zeugnisse des Wachsens der atlantischen Welt.

Kanarier gingen nach Europa, Reisende und Händler importierten Gedanken der Aufklärung, gebildete Bürger gründeten eine Freimaurerloge. Schon 1701 beauftragte Papst Clemens XI. den Augustinerorden mit der Gründung einer Universität, die sich allerdings auf Philosophie, Scholastik und Morallehre beschränkte. Heute werden 26.000 Studenten von 1730 Professoren an der Universität von La Laguna unterrichtet. Es gibt alle Fakultäten. Mit berechtigtem Stolz weist der Rektor, D. Jose Gomez Soli~no, darauf hin, dass bei einer nationalen Bewertung seine Universität von den 36 spanischen Hohen Schulen an 6. Stelle gereiht wurde. Ganz vorne allerdings sind das Institut für Meeresbiologie und die Dolmetscher- und Übersetzerausbildung. Die jährliche Prüfung nehmen Dolmetscher ab, die eigens dazu aus Brüssel anreisen und die erfolgreichen Kandidaten auch gleich in die EU-Zentrale mitnehmen. Für EU-Bürger ist der Zugang zu einem Studium besonders einfach: Was für ein Traum, im Schatten des höchsten Berges Spaniens, des 3.718 Meter hohen Teide, zu studieren, im milden Klima von La Laguna, wo die Temperatur im Winter nie unter 15 Grad sinkt und im Sommer nicht über 25 Grad steigt, in der kilometerlangen und autofreien Palmenalle zu flanieren oder im Kunstmuseum Instituto Cabrera Pinto jene Bilder aus dem Prado zu betrachten, die vor 60 Jahren nach einer Ausstellung nicht mehr nach Madrid zurückgingen.

Überhaupt: Malerei und Plastik sind hoch im Kurs, ebenso wie die Musik. Man hat ein eigenes Symphonieorchester, das weit über die Inseln hinaus bekannt ist. Die neueste Attraktion ist ein dreiwöchiger Kurs an der Universität, der im August angeboten wird. Die Studiengebühren sind human; wohnen kann man bei Familien, in einem Studentenheim oder in zwei Hotels, die dafür günstigste Preise anbieten. Vier Stunden Unterricht täglich am Vormittag in Gruppen zwischen fünf und 15 Studenten - eine wichtige Zielgruppe sind Senioren. Wer es sprachlich schafft, kann Vorlesungen über Architektur, Geologie, Geschichte und die prächtige Flora Teneriffas besuchen. Nachmittags kann man sich geführten Touren durch die Museen anschließen, Wanderungen machen, kanarischen Volsktanz üben. Die "sehr edle und treue Stadt" La Laguna - den Titel gestand ihr die spanische Krone bereits 1534 zu - hat eine herrliche grüne Umgebung. Wege führen ins Gebirge und ans Meer, und der neun Kilometer entfernte Hafen von Santa Cruz de Tenerife lockt zum Inselhüpfen.

Auskünfte über Sommerkurse: http://www.feu.ull.es

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