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"Wenig Verständnis für die, die hassen"

1945 1960 1980 2000 2020

Der kürzlich verstorbene Yehudi Menuhin (Nachruf und Lebenslauf in Furche 11/1999) war nicht nur ein genialer Musiker. Es lohnt sich, ein in Österreich bisher unveröffentlichtes Interview zu lesen, das er vor einigen Jahren einer Furche-Mitarbeiterin gab.

1945 1960 1980 2000 2020

Der kürzlich verstorbene Yehudi Menuhin (Nachruf und Lebenslauf in Furche 11/1999) war nicht nur ein genialer Musiker. Es lohnt sich, ein in Österreich bisher unveröffentlichtes Interview zu lesen, das er vor einigen Jahren einer Furche-Mitarbeiterin gab.

dieFurche: Maestro, ein Traum Ihrer Kindheit bestand darin, den Menschen Frieden bringen zu wollen. Wie sehen Sie das heute?

Yehudi Menuhin: Ich bin mit diesem Traum völlig gescheitert.

dieFurche: Aber Sie haben einmal von der Hoffnung gesprochen, die Menschheit könnte sich von Pfeil und Bogen, zu Bogen und Geige hin entwickeln.

Menuhin: Wir müssen immer noch hoffen, daß es möglich ist, uns von jenen uralten Denkweisen zu befreien, die noch aus den archaischen Zeiten der Höhlenmenschen stammen. Damals galt es, um zu überleben, die eigenen Grenzen zu schützen. Heute müssen wir dagegen in ganz anderer Weise zusammenleben, wir sind aufeinander angewiesen. Wenn wir einander aber weiterhin mit Angst und Vorurteilen begegnen, dann können wir keine Bedingungen für eine bessere Welt schaffen. Dies kann nur durch gegenseitiges Vertrauen gelingen. Ich weiß aber wirklich nicht mehr, in welcher Form das glücken sollte. Manchmal scheint es zum Verzweifeln.

dieFurche: Halten Sie den Menschen, gerade auch nach den furchtbaren Erfahrungen unseres Jahrhunderts, überhaupt für friedensfähig?

Menuhin: Nein, eigentlich nicht. Aber ich halte ihn für begabt genug, um weiterhin für den Frieden zu kämpfen. Friede ist letztlich Streben nach dem Unerreichbaren - kein Zustand, bei dem nichts geschieht, bei dem alles harmonisch, wie von selbst weiterläuft. Friede ist ein Zustand der Auseinandersetzungen, wenn es sich vermeiden läßt - ohne Waffen. Es kann sein, daß man im Einsatz für den Frieden Standpunkte einnehmen muß, die kaum jemand unterstützt. Man kann also gezwungen sein, ziemlich allein dazustehen, von der Masse kaum verstanden.

Die Menschen können große Ideale haben. Alle Ideale werden aber gleich verfälscht, sobald man sie von der Theorie in die Praxis umzusetzen versucht. Allen bisherigen Friedensbemühungen zum Trotz bleiben Haßgefühle über Generationen hin unter den Völkern bestehen. Ich habe wenig Verständnis für die Hassenden.

dieFurche: Liegt in der Unterdrückung der kreativen Fähigkeiten bei Menschen, denen die Möglichkeiten fehlen, ihre Anlagen und Begabungen auszuleben, ein Keim für Gewalttätigkeiten?

Menuhin: Wenn man das Schöpferische nicht ausleben kann, wird es sehr leicht destruktiv. Der schnellste Weg, etwas zu verändern, liegt in der Zerstörung. Denken Sie zum Beispiel an die Mammutbäume, die tausend Jahre alt sind, wie die riesigen Sequoien in Kalifornien, sie können innerhalb weniger Minuten zerstört werden. Oder eine Kultur, die Hunderte von Jahren gebraucht hat, sich zu verfeinern, zu vertiefen, große Werke zu schaffen, kann während Minuten vernichtet werden. Die Zerstörung beschleunigt sich ständig, jedoch keine Digitaluhr der Welt vermag Schöpfungsprozesse zu beschleunigen.

dieFurche: Der westliche Mensch am Ende des 20. Jahrhunderts ist in vielen Lebensbereichen entwurzelt. Könnte ihm, wie Hofmannsthal meint, die Musik wieder "Heimat der Seele" sein?

Menuhin: Ja, natürlich. Man sucht, wenn man das Materielle verloren hat, immer nach dem Nicht-Materiellen. So wendet man sich der Musik zu, den Künsten überhaupt, der Philosophie, Gedanken und Theorien - mit einem Wort, man sucht nach Ersatzwerten; so als ob sich die Menschen aus einem Gefängnis zu befreien suchten.

dieFurche: Sie wollen mit der Musik in den Menschen eine empfängliche Saite berühren?

Menuhin: Ja, ich denke, wenn Menschen von Musik wahrhaft berührt werden, kann man sie erreichen, ihre Sympathien erwecken. Aber es ist die Frage, wie tief man in einer Botschaft - die wirklich vom Guten spricht, wie ein Lied von Schubert - in das menschliche Gewissen einzudringen vermag. Das Verständnis muß aus einer tieferen Schicht kommen. Wie ich immer sage: Der Mensch muß musikalisch denken. Das heißt, nach kontrapunktischen, nach harmonischen Regeln. Er muß zuhören, was andere Stimmen sagen, muß Gegenstimmen und Dissonanzen hören und die Erlösung einer Dissonanz. Das sind Regeln der Musik, die das Leben selbst zutiefst widerspiegeln. Aber man muß das Gehörte, die Kraft der Musik ins Leben einbringen. Schöne Musik ist in der Lage, vieles zu heilen und in Einklang zu bringen.

dieFurche: Für mich ist eine der schönsten Geschichten einer Heilung durch Musik die von David und König Saul ...

Menuhin: Ja, es ist ein wunderbares Bild, wie David auf der Leier für den schwermütigen Saul spielt. Auch Orpheus wirkt in dieser Weise. Der Musik wohnt eine heilende Kraft inne. Aber: Musik kann leider auch für Zwecke der Staatspropaganda zu einer Verdrehung der Wahrheit mißbraucht werden.

dieFurche: Es stimmt also nicht, daß Musik die einzige Sprache ist, die keine Lüge kennt?

Menuhin: Jetzt gibt es auch Musik, die lügt. Diese allgegenwärtige Berieselungsmusik, die man in Geschäften oder Autobussen hört, wie für eine Viehherde, die man beruhigen will. Solche Musik ist wie Gehirnwäsche. Ein Musiker braucht diese ständige Berieselung mit Musik schon gar nicht. Er kann selbständig an Musik denken. Das kann manchmal sogar lebensrettend sein: Als die Mutter eines bekannten Musikers in Budapest mit anderen Juden verhaftet wurde, haben sehr viele der Gefangenen den Verstand verloren. Ihr konnte das nicht geschehen, weil sie in ihrer eigenen Welt der Musik lebte. Sie kannte zum Beispiel jede Stimme eines Streichquartetts von Beethoven auswendig. In Gedanken hörte sie die erste Geige, die Bratsche und das Cello - und konnte das Schreckliche unbeschadet überstehen.

dieFurche: Es wird berichtet, Mozart soll, als Kind über sein musikalisches Talent befragt, geantwortet haben: "Ich bringe die Noten, die sich lieben, zusammen."

Menuhin: Ach, das ist eine schöne Geschichte, und sie stimmt auch. Für Mozart war das einfach, er hatte ein solches Talent, daß seine Werke schon in seinem Kopf perfekt waren, bevor er sie noch zu Papier gebracht hatte. Es ist schrecklich, daß man die Träume der Kinder, daß man die Schönheit der kindlichen Sicht der Welt, wie sie auch aus diesem Mozartwort zum Ausdruck kommt, zerstört und die Kinder zu einseitigen Verstandesmenschen werden. Das rührt an den Kern vieler Probleme. Wir haben es heute mit einer Erziehung zu tun, die auf der Eitelkeit der Erwachsenen fußt, die meinen, ihre Sicht der Dinge wäre die einzig gültige. Das Kind kann die Dinge oft viel treffender sehen.

dieFurche: Ihre Vorfahren waren Rabbis des osteuropäischen Chassidismus. Die chassidische Botschaft wollte die Trennung von "Leben in Gott" und "Leben in der Welt" überwinden. Das führte zu einer Einheit von Religion und Wissenschaft.

Menuhin: Die Chassidim versuchten sich Gott durch Musik und Tanz anzunähern, den Derwischen der Sufis ähnlich. Diese Einheit, die zur Zeit der Entstehung des Chassidismus noch möglich war, besteht heute nicht mehr. So ergeht es allen Theorien und Visionen, sie entfernen sich durch ihre Verwirklichung bald von der ursprünglichen Idee.

Das gleiche Schicksal hat auch die Kirche ereilt.

Dennoch denke ich, Religion und Wissenschaft müssen sich aufeinander zubewegen: Die Religion muß ihren Fundamentalismus, daß man sie ausschließlich nach dem Buchstaben deutet, überwinden. Die Wissenschaft hat bereits begonnen, einen Schritt auf das religiöse Weltverständnis hin zu tun.

Früher hat der Mensch aus Unkenntnis der Zusammenhänge die Verantwortung von sich abwälzen können. Wir sind mündig geworden und können die Verantwortung nicht mehr Gott zuschieben. Als freie Wesen müssen wir uns selbst entscheiden. In einem gewissen Sinn aber sind wir zugleich auch zu Waisenkindern geworden und stehen völlig allein da. Die Natur erscheint uns als Feindin. Weil wir uns selbst feindlich verhalten, dünken wir uns von Feinden umgeben. Wir müssen unbedingt ein neues, liebendes Verständnis zur Natur finden.

dieFurche: Der Sufi Hazrat Inayat Khan hat gesagt: Jeder Mensch komponiert die Musik seines Lebens. Wenn er einen anderen verletzt, zerstört der die Harmonie und bringt auch Mißklang in die Melodie des eigenen Lebens.

Menuhin: Das ist wahr. Weil wir uns stets in Gemeinschaft mit anderen Lebewesen befinden. Wir mögen zwar Individuen sein, mit unseren Begabungen, mit unserem eigenen Charakter, unserem Aussehen, aber wir hängen alle voneinander ab. Daher kann es ohne Harmonie kein Überleben geben.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn im Jahre 1992 am Genfersee.

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