Münster, Westfalen - Mehrere Hundert Frauen und Männer versammelten sich am 12. Mai zur Mahnwache "Maria 2.0" vor dem Dom.  - © APA/dpa/Carsten Linnhoff
Religion

Wenn die Frauen streiken...

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Eine Woche lang „bestreikten“ katholische Frauen in Deutschland Kirchen und Gottesdienste: Die Initiative „Maria 2.0“ stößt auf sehr große Resonanz – auch bei den Bischöfen. Es gibt aber auch Widerstand.

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Eine Woche lang „bestreikten“ katholische Frauen in Deutschland Kirchen und Gottesdienste: Die Initiative „Maria 2.0“ stößt auf sehr große Resonanz – auch bei den Bischöfen. Es gibt aber auch Widerstand.

Es war eine ungewöhnliche Initiative: Im Rahmen der Aktion „Maria 2.0“ haben Katholikinnen in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz eine Woche lang aus Protest gegen den Umgang mit sexueller Gewalt und die Ausgrenzung von Frauen in der Kirche kein Gotteshaus betreten und ihre ehrenamtlichen Dienste niedergelegt. Der spektakuläre „Streik“, der auf sehr große Resonanz stieß – nach eigenen Schätzungen beteiligten sich etwa 1000 Gruppen an der Initiative – , hatte seinen Ursprung in der Pfarre Heilig Kreuz im westfälischen Münster.

Andrea Voß-Frick, eine der Initiatorinnen der spektakulären Aktion, erinnert sich gut daran, wie die Idee geboren wurde. In einem Lesekreis der Pfarre setzte sie sich im Januar zusammen mit sechs anderen Frauen intensiv mit der Enzyklika „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus auseinander, als auf einmal das Thema „Missbrauch in der Kirche“ aufkam. „Angesichts des Schweigens unserer Hirten haben wir dann über gar nichts anderes mehr reden können“, sagt Voß-Frick. „Mindestens genauso wie die sexualisierte Gewalt selbst hat uns die Systematik der Vertuschung empört, die den Schutz der Täter und der Institution über den Schutz der Opfer gestellt hat.“ Schnell stellte sich damit für die Frauen auch die Frage, wie sie ihre Kirchenmitgliedschaft angesichts des Skandals noch vor sich und ihren Familien rechtfertigen könnten. „Nach jedem größeren Vorfall haben sich Protestgruppen gebildet und Papiere veröffentlicht, aber wirklich passiert ist nie etwas.“

Also beschlossen die sieben Frauen aus der Pfarre Heilig Kreuz, einen offenen Brief mit Beschwerden und Forderungen an den Papst zu schreiben (was dann auch geschehen ist) – bis auf einmal die Idee des Streiks geboren wurde. „Das ist ein politisches Mittel“, ist sich Voß-Frick der Problematik des Begriffs „Streik“ durchaus bewusst. Den Initiatorinnen sei klar gewesen, dass die Kirchen bei einem solchen Boykott leer bleiben würden, da die große Mehrzahl der Gottesdienstbesucher Frauen seien. „Viel wichtiger, als dass wir die Kirchen boykottieren, ist aber das, was draußen geschieht.“ Deswegen fanden nicht nur in Münster, sondern überall in Deutschland in der vorigen Woche Mahnwachen, Gottesdienste und Andachten draußen vor den Kirchen statt.
Die riesige Resonanz, die fast pausenlosen Anrufe und E-Mails, die sie aus ganz Deutschland bekam, haben nach Meinung von Andrea Voß-Frick vor allem mit zwei Dingen zu tun: Unmut und Sehnsucht bei ganz vielen Frauen – und auch etlichen Männern. „Viele denken und sagen: Wenn sich jetzt nicht endlich was tut, gehe ich raus aus der Kirche“, erklärt die 48-jährige Psychologin, die alles andere als eine geborene Revolutionärin ist und eher sanftmütig daherkommt. „Worum es uns vor allem geht und was noch wichtiger ist als der Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, das ist eine geschwisterliche Kirche, in der alle auf Augenhöhe die frohe Botschaft in die Welt tragen.“ Von Augenhöhe sei aber momentan nicht viel zu sehen, weil die Entscheidungsmöglichkeiten total von Weiheämtern abhingen, die sämtlich in der Hand von Männern seien.

Die Reaktionen von Seiten der deutschen Bischöfe auf die öffentlichkeitswirksame Initiative fielen sehr unterschiedlich aus. In einem Interview mit der ARD räumte der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz Matthias Kopp ein, dass die Bischöfe die Unruhe der Frauen verstünden und für einen Dialog seien. „Streiks aber sind nicht das richtige Mittel“, so Kopp. Gleich zu Beginn der Kirchenstreik-Woche stellte sich der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hinter die Initiative „Maria 2.0“. „Ich finde die Aktion gut, um ein Zeichen zu setzen für mehr Beteiligung in der Kirche“, sagte Bode dem Evangelischen Pressedienst.

Uns geht es um eine geschwis­terliche Kirche, in der alle auf Augenhöhe die frohe Botschaft in die Welt tragen.

Zugleich äußerte der Vorsitzende der Pas­toralkommission der deutschen Bischofskonferenz aber auch Kritik daran, dass Frauen die Eucharistiegemeinschaft am Sonntag aufkündigten („die Eucharistie kann kein Instrument eines solchen Protests sein“), entschuldigte das allerdings mit der „tiefen Ungeduld vieler Frauen“. Ähnlich wie Bode zeigte auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße Verständnis für die Aktion („ein Impuls für den Dialog“) und warb für eine Beteiligung von „Maria 2.0“ an dem synodalen Weg, einen von den Bischöfen geplanten Gesprächs- und Reformprozess. Als „Ausdruck echter Sorge“ interpretierte ebenfalls der Würzburger Bischof Franz Jung die Initiative und suchte das Gespräch mit einer Mahnwache vor dem Neumünster in Würzburg.
Dagegen ließen der Aachener Bischof Helmut Dieser (weil das Format für ihn geistlich und theologisch nicht nachzuvollziehen sei), der Trierer Bischof Ackermann („Ich kann die Ungeduld vieler Frauen verstehen. Ich sage aber offen, dass ich diese Streikaufrufe, diese Streikaktionen nicht für hilfreich halte“) und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer („führt uns keinen Millimeter weiter“) Ablehnung erkennen. Durch beredtes Schweigen fiel Münsters Bischof Felix Genn auf, der allerdings indirekt Kritik übte, indem er in einer Predigt vor „Verzweckung der Gottesmutter“ warnte.

Unterstützung und Ablehnung

Ausdrücklich unterstützt wurde die Aktion jedoch von den beiden katholischen Frauenverbänden, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands und dem Katholischen Frauenbund. Dagegen forderte das erzkonservative Forum deutscher Katholiken zum Austritt aus dem Frauenbund auf, weil der Aufruf „eine neue Qualität in der Auseinandersetzung innerkirchlicher Kräfte gegen die Lehre der katholischen Kirche“ darstelle. Darüber hinaus bildete sich als Gegenreaktion auf „Maria 2.0“ eine neue Bewegung katholischer Frauen, die unter dem Leitmotiv „Maria. Mutter der Kirche“ zu einer einwöchigen Frauengebetsaktion einlud. Auf ihrer Internetseite rief die Gruppe Frauen dazu auf, in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag „überzeugtkatholisch“ Fotos herunterzuladen, den Rosenkranz zu beten, einen Wallfahrtsort zu besuchen und eine Maiandacht zu gestalten. Eine zweite Gegeninitiative präsentierte sich auf der neuen Internetseite www.mariaeinspunktnull.de.
Und „Maria 2.0“? Kann die erfolgreiche Aktion weitergehen – und wenn ja, wie? Das sind die Fragen, die zuletzt immer wieder an die Initiatorinnen herangetragen wurden. Dass der „Kirchenstreik“ keine Eintagsfliege, kein Strohfeuer bleiben darf, sondern irgendwie eine Fortsetzung finden muss, weil er einen Stein ins Rollen gebracht hat, steht für Andrea Voß-Frick und ihre Mitstreiterinnen fest. „Wir brauchen Geduld, aber man kann etwas verändern“, ist Voß-Frick überzeugt.

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