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"Wenn es wirklich um ,Ruhm' geht, gibt es weniger Frauen"

Nicht nur "42plus", der Diagonale-Eröffnungsfilm, wurde von einer Regisseurin gemacht. In Österreichs Filmschaffen spielen Filmemacherinnen eine zunehmend markante Rolle. Ein runder Tisch mit Sabine Derflinger ("42plus"), Anita Natmessnig ("Zeit zu gehen") und Mirjam Unger (Vienna's Lost Daughters") zum Thema Frauen und Filmemachen.

Die Furche: Es gibt in Österreich auffallend viele Frauen, die erfolgreich Filme machen.

Mirjam Unger: Es ist eine allgemeine Tendenz, dass viele Frauen das Gefühl haben, sie können jetzt auch Filme, Regie machen - und dass sie auch beachtet werden. Ist das ist in Österreich speziell?

Sabine Derflinger: Nein. In einem besonders frauenfeindlichen, machistischen Land würde es die Wahrheit ins Gegenteil verkehren. Dort, wo es stärker in den Kunstbereich geht, sind mehr Frauen zu finden, weil sie kreativ sind, und etwas zu sagen haben. Wo es um viel Geld geht, findet man immer weniger Frauen …

Die Furche: … weil man ihnen das nicht zutraut?

Derflinger: Frauen kommen weniger zum Zug, denn je größer ein Film, desto größer der Anteil, der da heißt: sich durchboxen, Machtspiele aushalten.

Unger: Aber im Independent-Bereich …

Derflinger: … da stoßen die Frauen vor, weil sie etwas Interessantes zu sagen haben, weil sie interessante Filme machen …

Anita Natmessnig: … und ein neues Selbstbewusstsein haben. Ich denke, das ist auch eine Frage unserer Generation. Eine Filmemacherin wie Agnès Varda in Frankreich war lange eine Ausnahme …

Die Furche: … aber auch in Europas Filmland Nummer eins findet man vor allem männliche Filmemacher.

Derflinger: Nein, es gibt eine Menge französischer Regisseurinnen. Aber auch dort gibt es die "gläserne Decke": Wenn es wirklich um Ruhm geht, gibt es weniger Frauen .

Unger: Ich erlebe das anders: Ich habe hier hauptsächlich zu Filmerinnen Kontakt, zu Produzentinnen, Kamerafrauen und eigentlich sehr wenig zu Männern.

Die Furche: Also mehr eine Generationen-, als eine Geschlechterfrage.

Derflinger: Ja. Ich kenne die Filmemacherinnen, die es Anfang der 80er Jahre schwer gehabt haben - Käthe Kratz, Karin Brandauer … Ich erinnere mich an die Filmakademie, wo es noch alte Professoren gab, die den Kamerafrauen unter den Rock geschaut haben …

Unger: … da hat es auch geheißen: Ich weiß, ihr versteht es nicht, ich erklär es euch noch einmal viel, viel langsamer …

Die Furche: Ist es ein gutes Zeichen, dass mit Ihrem Film "42plus" eine Regisseurin die diesjährige Diagonale eröffnet?

Derflinger: Natürlich!

Natmessnig: Mich freut das sehr. Es werden ja nicht 50 Prozent der Filme von Frauen gemacht.

Die Furche: Auch wenn man in die Filmnation USA schaut: Noch nie hat eine Frau den Regie-Oscar gewonnen. Film ist weiter ein Männergewerbe.

Derflinger: Das Männergewerbe beginnt dann, wenn es um viel Geld geht. Also: Je größer der Anteil vom Macht, umso weniger Frauen findet man.

Die Furche: Das kostengünstigere künstlerische Experimentierfeld überlässt man dann ihnen …

Natmessnig: Es ist viel leichter, etwas mit ein "bisschen" Budget zu machen.

Die Furche: Gibt es spezifische Probleme für Frauen beim Filmemachen?

Unger: Ich habe 2000 meinen Film Ternitz Tennessee mit der einzigen österreichischen Produzentin gemacht, die es damals gab. Ich habe das gemacht, weil ich schon vom Fernsehen gewusst habe, dass ich unheimlich viel Energie darauf verwenden muss, den Männern zu erklären, dass ich das auch kann. Und ich weiß, bei einer Frau muss ich das nicht, wenn man sich versteht. Den jetzigen Film Vienna's Lost Daughters habe ich mit Frauen produziert. Wenn Frauen auch die Produzenten sind, kann ich leichter denken und kreativ sein.

Derflinger: Mit Männern erlebt man oft Machtkämpfe, wo es darum geht, ob man ein Gespräch gewinnt. Es gibt aber auch Männer, mit denen man genauso gut arbeiten kann wie mit Frauen. Es gibt aber tatsächlich Männer, die, wenn ich mich genauso so verhalte wie sie - indem ich etwa laut werde -, sagen, ich sei schwierig oder hysterisch oder komplett unmöglich. Ich habe mir dann andere Strategien zugelegt: Ich tue so, als könnte ich nicht bis drei zählen, vermittle dem andern das Gefühl, dass mein Vorschlag eigentlich von ihm kommt. Aber das ist sehr anstrengend.

Unger: Auch ich habe solche Erfahrungen gemacht, wobei da noch meistens dazukommt, dass die Män-ner dann natürlich Freunde haben, mit denen sie im Schulterschluss stehen: Da ist spürbar, dass ich plötz-lich auf der anderen Seite stehe.

Die Furche: Schlägt sich das Filmemachen als Frau thematisch nieder?

Derflinger: Es gibt Frauen, für die ihr Frausein ein wesentlicher Punkt ihres Werkes ist. Das gilt ebenso für die bildende Kunst wie für die Literatur oder den Film. Aber es können auch ganz andere Wurzeln sein, die einen treiben.

Die Furche: Aber Ihr Film "42-plus" ist ein Film über eine Frau …

Derflinger: … ja, es ist mein dritter Film mit einer weiblichen Hauptfigur. Darum ist mein nächster einer mit einer männlichen. Für mich war das Frausein immer ein wichtiger Motor in meinem Leben, weil ich schon als Mädchen nicht so war, wie ich sein sollte und mein Geschlecht als Hindernis empfunden habe. Darum wieder eine weibliche Hauptfigur. Aber das wird nicht so bleiben.

Natmessnig: Bei meinem Film Zeit zu gehen spielt es für die Themenwahl keine Rolle, dass ich eine Frau bin. Ob ich jetzt anders herangegangenen bin als ein Mann es wäre, getraue ich mich nicht zu beurteilen. Denn schon eine andere Frau wäre anders herangegangen. Die Art und Weise, sterbenden Menschen zu begegnen und sie in dieser extremen Situation auch zu filmen, ist einfach individuell. Ich sehe das nicht wirklich als ein Frauenthema. Obwohl natürlich etwas auffällt: Die meisten - mehr als 90 Prozent! - der Personen, die im Pflegebereich arbeiten, sind Frauen. Im Hospiz gibt es unter 28 Angestellten nur zwei Krankenpfleger, vier Ärztinnen, keinen einzigen Arzt. Das war schon ein Eintritt in eine absolut dominierte Frauenwelt, die zugleich ein Spiegel unserer Gesellschaft ist.

Die Furche: Es wundert mich trotzdem nicht, dass Sie als Frau diesen Film zu diesem speziellen Thema gemacht haben.

Natmessnig: Das kann ich auch nachvollziehen. Man schreibt ja den Frauen allgemein zu, dass sie einen besseren Zugang zu den Bereichen Geburt und Tod haben. Ich habe es dennoch nicht als Gender-Thema gesehen, sondern als ein mir wichtiges Thema.

Die Furche: "Vienna's Lost Daughters" ist auch eine "Frauengeschichte".

Unger: Ich kann nur Dinge machen, die ich kenne. Und da ist die Weiblichkeit der Frauen, der Mädchen - ganz logisch, dass der weibliche Standpunkt als erster da ist.

Die Furche: Anita Natmeßnig, Sie kommen vom Fernsehen. Wie schwierig ist es da, einen Kinofilm zu machen?

Natmessnig: Ich habe schon lang den Wunsch gehabt, einen Kinofilm zu machen - und zwar zum Thema Sterben, Tod. Ich hatte das nie fürs Fernsehen angedacht. Alles ging relativ leicht: Der erste Produzent, den ich angesprochen habe, war sofort begeistert, und die Finanzierung erfolgte flott - von der Einreichung bis zur Durchführung ein Jahr - das gilt als sehr schnell! Mir kam es dennoch unheimlich lang vor. Von daher ging es leicht. Im Vergleich zum Fernsehen allerdings ist die Bezahlung sehr überraschend, um nicht zu sagen: blamabel. Wenn alle Dokumentarfilmer und-filmerinnen so wenig verdienen, wundert es mich, dass sie überhaupt überleben können.

Die Furche: Mirjam Unger, Sie haben mit "Ternitz Tennessee" einen Film gemacht, als das österreichische Filmschaffen gerade begann, auch international erfolgreich zu werden. Aber dann haben Sie vier Jahre pausiert.

Unger: Ich wollte überhaupt keinen Film mehr machen.

Die Furche: Warum?

Unger: Es ist extrem anstrengend. Es ist sehr, sehr fordernd, noch dazu, wenn man Kinder hat. Aber meine Mitstudentinnen, Nina Kusturica und Eva Testor, haben mir das Treatment geschickt. Die haben gewusst, dass ich das machen soll. Das war ein jüdisches Thema, und weil ich Jüdin bin, bin ich ihnen eingefallen Ich habe aber gesagt: Nein, ich will das nicht machen, schon gar kein jüdisches Thema, weil der Rucksack eh schwer genug ist, den man tragen muss. Dann hab ich das Treatment in der Hand gehabt und gemerkt, dass ich heulen muss. Und wenn ich schon vom Treatment so berührt war … Also hab ich mich darauf eingelassen.

Die Furche: Ist es leichter, einen Dokumentarfilm auf die Beine zu stellen als einen Spielfilm?

Zweitkarriere auf Silberscheibe

Derflinger: Bei mir waren die Spielfilme mit viel Widerstand kombiniert, die Dokumentarfilme zum Teil auch, aber da bin ich ja hemmungslos und fange einfach zu drehen an und versuche dann die Financiers zu überzeugen. Ich hab nie Dokumentarfilme gemacht, die sehr teuer waren. Und wenn man ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema hat, dann tun sie sich auch leichter, Ja zu sagen, weil: Selbst wenn der Film schlecht ist, bleibt das Thema ja wichtig …

Die Furche: Und man kann loslegen, eine Kamera ist leistbar …

Derflinger: … und man findet leichter Menschen, die sich auf so etwas einlassen. Jetzt habe ich zwei Kinospielfilme gemacht und einen Fernsehfilm, aber bei beiden Spielfilmen waren die Widerstände groß. Für 42plus hatte ich das Buch 2001 geschrieben - vor sechs Jahren! Vielleicht war der Grund dafür, dass der Film leicht ist und in einem bürgerlichen Milieu spielt, das war 2001 noch etwas Neues.Und für die Leute, die Förderungen geben, gibt es keine Sicherheiten, nur ihre eigene Haltung. Und dafür müssen sie dann geradestehen.

Natmessnig: Ich fand die Formulierung "Erstlingsfilm" bei Zeit zu gehen ein bisschen befremdlich: Nach 15 Jahren Fernseherfahrung mit zig Beiträgen und Dokus von einem "Erstlingsfilm" zu reden … Aber jetzt bin ich neugierig, was passiert, wenn ich für eine nächste Kinofilmförderung einreiche.

Derflinger: Ich glaube, es ist immer dann einfacher, wenn man ähnliche Dinge macht. In Österreich ist es schon so, dass man schnell in eine Lade gestopft wird.

Natmessnig: Also du meinst, wenn ich jetzt noch einen Film zum Thema Sterben mache, dann ist es leichter …

Derflinger: … na ja, jedenfalls ein Film im Sozialbereich.

Unger: Die Frage ist, ob das jetzt geschlechtsspezifisch ist.

Derflinger: Nein, gar nicht.

Natmessnig: Die Einordenbarkeit muss da sein.

Derflinger: Ja, alles muss seine Ordnung haben!

Die Furche: Mirjam Unger, ist es dann nicht schwer, von der Radioarbeit zu kommen und Filme zu machen?

Unger: Das Radio war nie ein Hindernis, sondern Inspiration und stärkend. Ich denke, dass vor allem ich selber von der Radioarbeit geprägt bin, zum Beispiel, dass ich einen musikalischen Zugang mache und eher flott schneide.

Natmessnig: Also ich kenne das Laden-Denken von anderen schon: Können sie mir zutrauen, dass ich, die ich vom Fernsehen komme, einen Kinofilm mache, dass ich, die ich eine Therapieausbildung mache und evangelische Theologin bin, auch Künstlerin sein kann …

Die Furche: … aber es hat funktioniert!

Natmessnig: Ja. Sonst wäre der Film ja nicht da!

Die Furche: Wenn wir nun umgekehrt vom Film zum Fernsehen gehen: In Österreich bedeutet Filmemachen immer eine Verwobenheit mit dem ORF.

Natmessnig: Ich bin unheimlich froh, dass bei Zeit zu gehen der ORF mit dem Film-Fernsehabkommen eingestiegen ist.

Derflinger: Europäischen Film gibt es nur, wenn ihn die Fernsehanstalten mitfinanzieren. Es ist schon sehr positiv, dass der ORF es ermöglicht, sehr unabhängige, sehr mutige, sehr neue Projekte zu machen. Viele Filme wären ohne das gar nicht entstanden. Und zwar ohne dass sich ein Redakteur einmischt: Das ist ganz toll. Ich hoffe, dass der ORF in Zukunft weiter diesen Weg geht.

Unger: Und ich hoffe auch auf den Fernsehfilm. Ich finde auch 60-Minuten-Formate extrem spannend.

Derflinger: Da lobe ich den ORF gleich wieder nicht: Denn wo sind sie, die Fernsehfilme?

Unger: Ich wünsche mir, dass in der neuen ORF-Ära etwas passiert.

Derflinger: Da warten wir alle dringend darauf …

Natmessnig: … aber was wir da hören, lautet: Weniger Budget und kürzere Sendezeit. Das ist ja nicht erfreulich. 30-minütige Plätze nur mehr noch statt 52 Minuten.

Die Furche: Wenn der Löwenanteil der Finanzierung der Programmreform in eine Sitcom geht, muss das Filmemacherinnen doch beunruhigen!

Natmessnig: Ja, das ist schon beunruhigend.

Die Furche: Auch der ORF überlässt den Hauptabend zunehmend billig produzierten Shows (von Taxi Orange bis Dancing Stars), und hat auf fiktionales Programm mehr oder weniger verzichtet. Immer weniger Fernsehfilme werden in Auftrag gegeben.

Natmessnig: Was mich beim Fernsehen beunruhigt, ist, dass die Budgets, die Redakteure für Dokumentationen zur Verfügung haben, sukzessive gesunken sind. Vor zehn Jahren war es noch möglich, dass eine einzige Abteilung so viel Geld hergeben konnte, dass eine schöne Doku machbar war. Mittlerweile braucht es drei Financiers. Und das ist total schwer.

Derflinger: Die Frage, die sich stellt, ist, wie können trotz solch teilweise prekärer Situationen europaweit Dokumentarfilme oder TV-Movies entstehen. Ich hab ja persönlich kein Problem mit Shows, ich widme mich auch bewusst dem Kommerz. Aber das schließt ja nicht aus, dass man Romane liest und einen gescheiten Film sehen will. Nichtsdestoweniger ist offensichtlich: Wenn wir unsere Geschichten nicht erzählen, dann haben wir keine. Und wenn wir keine Geschichten haben, sind wir tot. Es wird natürlich immer billiger sein, jemanden abzufilmen, der in der Nase bohrt, als einen Spielfilm oder einen Dokumentarfilm zu erzeugen. Es gibt viele Bewegungen: Fernsehen soll jetzt überall sein, am Computer oder am Handy, andererseits gibt es auch die großen Flatscreens: Die wird man wieder mit visuell attraktiven Filmen befüllen müssen, also wird man solche Filme wieder erzeugen wollen. Ich gehe also schon davon aus, dass Österreich und der ORF sich wieder entschließen, Fernsehproduktionen zu machen, die Qualitätsprogramm bedeuten und die von einer internationalen Relevanz sind.

Unger: Und wir würden das auch wirklich gern machen!

Das Gespräch moderierten Otto Friedrich und Matthias Greuling.

Sabine Derflinger, Jg.1963, reüssierte zunächst als Dokumentarfilmerin: Geraubte Kindheit (1992/93) zum Thema Kin-desmissbrauch, Achtung Staatsgrenze (1993/94) über ein Schubgefängnis, das Musikerinnenporträt The Rounder Girls (1999) oder Schnelles Geld (2004). Mit Vollgas übers Leben der Saisonarbeiterin Evi debütierte sie 2001 als Spielfilmerin, 2004 folgte fürs ZDF die Produktion Kleine Schwester. Derflingers neuer Spielfilm 42plus, die Geschichte der Identitätssuche einer 42-Jährigen, ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale.

Anita Natmessnig, Jg. 1963, studierte evangelische Theologie und Kunstgeschichte und ab-solvierte eine Psychotherapie-ausbildung. Seit 15 Jahren gestaltet sie zahlreiche TV-Dokus, u.a. Gottes Immobilien (1997 über modernen Kirchenbau), Filme der Reihe Donauklöster (2002/03) sowie Porträts von Hermann Nitsch (2004), Günter Brus (2004) oder Adolf Holl (2005). Ende 2006 kam Natmeßnigs erster Kinodokumentarfilm Zeit zu gehen heraus, der sechs unheilbar Krebskranke eines Wiener Hospiz auf dem letzten Lebensweg filmisch begleitet.

Mirjam Unger, Jg. 1970, ist Radiomoderatorin bei FM4, zuvor war sie bei Ö3 u.a. in der Sendung Zick Zack. 1991-98 auch Mitarbeit beim Fernsehen (X-Large, diverse Auslands-Reportagen). 1993-2001 Studium an der Filmakademie; 2000 stellte sie ihren ersten Langspielfilm Ternitz Tennessee, der die Träume zweier Mädchen in der niederösterreichischen Provinz thematisiert, fertig. Auf der Diagonale wird Ungers Dokumentarfilm Vienna's Lost Daughters uraufgeführt, der acht New Yorkerinnen, die 1938/39 aus Wien fliehen mussten, porträtiert.

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