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Wenn Wissenschaft sich prostituiert

1945 1960 1980 2000 2020

Im Bewußtsein der Öffentlichkeit hat die Wissenschaft ein gutes Image. Was Wissenschaftler erklären, wird im allgemeinen geglaubt. Teilweise zu Unrecht, wie der folgende Beitrag eines Insiders beweist.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Bewußtsein der Öffentlichkeit hat die Wissenschaft ein gutes Image. Was Wissenschaftler erklären, wird im allgemeinen geglaubt. Teilweise zu Unrecht, wie der folgende Beitrag eines Insiders beweist.

Die Wissenschaft" konnte ihren Heiligenschein des "akkuraten Strebens nach Wahrheit und Objektivität", der "Wertfreiheit des Forschens und Wirkens", der "Hochburg des Vertrauens" der gutgläubigen (sie finanzierenden) Öffentlichkeit viel zu lange wie eine Monstranz vorhalten. Friedrich Schlegel erkannte immerhin schon 1800 in seinen "Ideen": "Wo Ökonomie ist und Politik, da ist keine Moral."

Der Einbruch von Wirtschaftsinteressen in die an Hochschulen ehedem unabhängige Wissenschaft hat einen sich ständig weiter verstärkenden Erdrutsch ausgelöst, der Eigenschaften wie Ethik und Verantwortung in der Wissenschaft weitgehend erstickt hat. Die eigennützige Kurzsichtigkeit von - ihrerseits mit der Wirtschaft verfilzten - Politikern, die mit Mühe eine Wahlperiode überblicken oder gar überstehen, hat daran erhebliche Mitschuld.

"Sie haben doch so schöne Großgeräte! Werben sie doch Industrieaufträge ein, dann können sie daraus Ihr gewünschtes Personal finanzieren!", beschied mich vor fünf Jahren ein Staatssekretär (Politologe) im Kieler Kultusministerium gewissenlos - daraufhin brach ich das Gespräch ab.

Wirtschaftskriminalität induziert auch Wissenschaftskriminalität, mit steigender Tendenz. Der Wahrheitsgehalt der "Veröffentlichungen" nimmt entsprechend ab, und die Fälschungen gedeihen. "Große Skandale bilden nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche schlummern die noch unentdeckten Fälschungen, die kleinen Schwindel und die alltäglichen Fahrlässigkeiten." (Andre Blum und andere Autoren in "Die Zeit" vom 10.06.1998) Wissenschaftler treten oft auch als Gutachter auf, und überforderte Richter treten nur zu gern ihre einzige Aufgabe, nämlich korrekt Recht zu sprechen, an die Gutachter als "Richter ohne Robe" ab. Immer muß kritisch hinterfragt werden, für wessen handfeste Finanzinteressen - und um welchen Lohn! - selbst gegen besseres Wissen "gut"geachtet wird. Beispiele hierfür gibt es zuhauf!

Fälschung - in ihren zahlreichen Varianten - ist bei den Gefälligkeitsgutachtern eher die Regel denn die Ausnahme. Der reproduzierbare Wahrheitsgehalt der heutigen, oft aus Profitgier oder Profilneurose hektisch ausgestoßenen "wissenschaftlichen Veröffentlichungen" dürfte inzwischen unter fünf Prozent abgesunken sein. Die tiefe Wahrheit im wohlbegründeten Urteil des angesehenen britischen Wissenschaftlers Sir Peter Medawar "The scientific paper is a fraud" mutet zunächst sarkastisch-vernichtend an, es wird aber bei genauer Prüfung immer häufiger bestätigt.

Einer der großen Wissenschaftsskandale mit milliardenträchtigen Geschäften - und von den Komplizen in Wissenschaft und Industrie peinlich verschwiegen - ist die bis heute von den "Erfindern" des "AIDS- Virus" fehlende Veröffentlichung seiner "Entdeckung"! Der Nobelpreisträger für Chemie Kary Mullis beschreibt dies in seinem faszinierenden Buch "Dancing naked in the mind field" (Pantheon Books, N.Y., 1998, ISBN 0-679-44255-3).

"Die gewerbsmäßige und wahllose Hingabe des eigenen Körpers" (Brockhaus) wird häufig - und zunehmend - auch in der Wissenschaft praktiziert, wenngleich in anderem Gewand. Wo gewinnträchtiger Umsatz lockt, betreiben gekaufte Gefälligkeitsgutachter in Medizin, Naturwissenschaften, Technik und anderswo ihr florierendes Gewerbe.

"Ich kriege immer den ,richtigen' Wissenschaftler mit den ,richtigen' Ergebnissen, wenn ich dafür bezahle", versicherte öffentlich der Betriebsarzt des Atomkraftwerks Neckarwestheim, Thomas Kinzelmann. Das ist zwar nicht beruhigend, aber doch so deutlich, daß sich die dem Wohl der Allgemeinheit verpflichtete Strafjustiz dafür interessieren muß.

Im Dienst der Großtechnologie Milliardenschwere, riskante Großtechnologien (wie Atomenergie, Müllverbrennung, chemische Industrie, Gentechnik und andere) bieten ihren Hofgutachtern fette Pfründen, da die betroffene Bevölkerung über Gefahren und den Verlust an Lebensqualität gründlich getäuscht werden muß. Könnten doch durch unabhängige, kritische Forschung die investierten enormen Finanzmittel gefährdet werden!

Der erfolgreichen Abwehr solcher Gefahren dienen die "käuflichen Experten", die - in pseudowissenschaftlicher Phraseologie geübt - ihre manipulierten "wissenschaftlichen" Aussagen vom Fließband verkaufen. Damit läßt sich der Umsatz der Auftraggeber und derjenige der "Experten" steigern: Hat letzterer erst den in interessierten Kreisen gern weitergereichten "guten Namen" des verläßlichen Verharmlosers ergattert, so ist der kontinuierliche Fluß lukrativer Folgeaufträge garantiert ( die Ähnlichkeit mit Callgirls besser noch Strichjungen ist auffällig): Sie versuchen sich auf diese Weise bei Herstellern, Staatsbehörden oder Berufsgenossenschaften oder anderen Versicherungsträgern als bewährte Kostenabwehr einzuführen oder einen schon erworbenen derartigen Ruf zu erhalten" , schreibt Professor Müller-Mohnssen im unten empfohlenen Buch.

Dieser Markt ist ein ganz besonderer "Strich". Er wird mit perfekter systematischer Strategie beherrscht, von der die alte Prostitution nur träumen kann: Die bewährten Kostenabwehrer im nur scheinbar "ehrwürdigen Ornat der Hochschulprofessoren" findet man nicht nur * in den Betten der Industrie, der Berufsgenossenschaften und so weiter, sie prägen auch die "Lehrmeinung" auf (industriegeförderten) Kongressen, in (industrieschonenden) "Lehrbüchern" und "wissenschaftlichen Zeitschriften", die sie (industriegefördert) herausgeben (und dort kritische, weil umsatzschädigende Beiträge fernhalten).

* Man findet sie in Kommissionen für Lehrstuhlbesetzungen an Hochschulen, für Forschungsförderungen von Ministerien, für Grenzwerte einer "zumutbaren Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz der Bevölkerung" bei Ministerien und Bundesbehörden ...

* Sie bestimmen die (industriefreundlichen) Leitlinien in der Umwelt-, Gesundheits- und Forschungspolitik * und ziehen (industriegefördert) gleichartigen Nachwuchs heran, der von den Seilschaften ihrer Berufungskommissionen bevorzugt auf Lehrstühle an möglichst vielen Hochschulen gehievt wird - damit auch künftig dieses systematisch gepflegte Gewerbe floriert ...

Die Steuerzahler, die durch ihre Finanzierung "den Staat" erst ermöglichen, ahnen nur entfernt, daß dieser sie vor den Gefahren industrieller Schadstoffe nicht wirklich schützt. Nicht nur durch industriefreundliche - aber gesundheitsschädliche - Gesetzgebung, auch durch (vielleicht nur gedankenlose, aber dennoch unverantwortliche) systematische Zerstörung ehemaliger "Hochburgen geistiger Freiheit", nämlich der Universitäten, trägt dieser Staat - repräsentativ durch Politiker und Ministerialbürokratie - zur Verschlechterung bei. Dies gilt auch für das derzeit SPD/Grün-regierte Schleswig-Holstein: "Universitätsinstitute sollen sich verstärkt mit der Industrie und anderen Auftraggebern verbünden, um Aufträge einzuwerben" (die CDU würde es nicht deutlicher formulieren können).

Es wird nicht gesehen, daß die Kürzungen staatlicher Finanzmittel und der Zwang in die Abhängigkeit von anderen Geldgebern das Ende der ehemals weltweit geachteten Grundlagenforschung an deutschen Universitäten ist - und der Absturz in die Prostitution.

Die noch größere Dimension dieses Themas wird deutlich, wenn Industrieprodukte und -abfälle Schäden bei Menschen und Natur verursachen und der Staat mit seiner derzeitigen Politik hierbei als Komplize, ja als Zuhälter fungiert: Nicht das von Ethik und Verantwortungsbewußtsein getragene, klügere, weil Schaden vermeidende Vorsorgeprinzip, sondern das von Wirtschaftsinteressen diktierte, kurzsichtig nur gewinnorientierte "Verursacherprinzip" bestimmt staatliches Handeln.

Kaum je wird ein Schuldiger verurteilt Der Schaden soll nicht vermieden werden, sondern muß erst eintreten (da seine - meist sinnlosen - Reparaturversuche ja das Bruttosozialprodukt steigern!). Und dann erst könnte der Schuldige vielleicht gesucht, gelegentlich angeklagt, selten überführt und fast nie (und wenn, dann zu banalen Strafen) verurteilt werden. Die Beweislast dem Verursacher aufzuerlegen, wird abgelehnt.

Dies ist das profitable Rotlichtmilieu käuflicher Wissenschaftler. Aus diesem wurden einige notorische "Experten für Unbedenklichkeit" durch das Buch "Käufliche Wissenschaft" (A. Bultmann, F. Schmithals, Knaur Verlag, 1994) in grelles Licht geholt.

Erich Schöndorf beschrieb in "Von Menschen und Ratten" (Verlag Die Werkstatt, 1998) am Beispiel des denkwürdigen "Holzschutzmittel-Prozesses" meisterhaft die juristisch-gutachterlich-menschenverachtenden Qualitäten der Täter. Solche Handbücher müssen für alle Bereiche dieser Gesellschaft geschrieben werden, damit der korrupte, eigennützige Profitfilz aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft den Menschen dieses Staates und der Natur nicht noch mehr Schaden zufügt.

Aus der Kreativität phantasievoller Fälscher seien hier nur einige wenige Tricks beleuchtet. Gefälscht wird unter anderem durch: * gezielter Auswahl nur von "Literatur", die "paßt", das heißt. dem vom Geldgeber vorgegebenem Ergebnis des "Gut"achters nicht widerspricht; * Zitieren von Befunden, die nie gefunden wurden; * aktive, grobe Fälschung eigener Daten; * Lancieren von eigenen gefälschten Veröffentlichungen in "wissenschaftlichen" Zeitschriften; * Nicht-Zurückziehen der vor der internationalen Öffentlichkeit als Fälschung entlarvten Veröffentlichungen (fortgesetzer Betrug); * Unterdrücken (industrie-)kritischer Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften als deren "Herausgeber" oder "Beirat"; * "Tippfehler", die "zufällig" einen Tatbestand um ein bis zwei (und mehr) Zehnerpotenzen (!!) verharmlosen; * "Glätten" von "Experimenten" - "wegen der Ausreißer"; * Berufen auf gefälschte Literatur als "Beweis der Unschädlichkeit"; * manipulierte "Fließband-Gutachten" (zum Beispiel: zugunsten der Errichtung von Müllverbrennungsanlagen) für 30.000 bis 50.000 DM (210.000 bis 350.000 Schilling) pro Stück - in wenigen Minuten von der Diskette gezogen ...

* garantierte Fortsetzungen derartigen Treibens durch die gezielte Berufung gleich schlechter Charaktere in einflußreichen Positionen.

Ein großer Schaden für die Gesellschaft Der Schaden für die Betroffenen und für die gesamte Gesellschaft ist ungeheuerlich!

Die dringend notwendige Abhilfe würde geschaffen durch: * Aufklärung der Öffentlichkeit durch Veröffentlichungen derart kriminellen Handelns (wie zum Beispiel im Buch "Käufliche Wissenschaft", Knaur Verlag, 1994) in verantwortungsbewußten und unabhängigen (Fach-)Medien und im Internet; * Information aller Gerichte über käufliche Gefälligkeitsgutachter; * Information der Fachgesellschaften, denen die käuflichen Gutachter angehören; * Ächtung käuflicher Gutachter in der Öffentlichkeit ("Pranger"); * eigenes, gewissenhaftes und wissenschaftlich korrektes Arbeiten im Gutachterbereich; * gesetzlichen Zwang zur Veröffentlichung von Gutachten (und Auftraggebern) und Gerichtsurteilen, unter anderem im Internet; * Veröffentlichung derjenigen Firmen, die käuflich Gutachter bevorzugen und Kritiker durch Klagen auszuschalten versuchen; * Offenlegen aller von Bewerbern gestellten Gutachten (einschließlich Auftraggeber und erzielte Einnahmen) bei Berufungsverfahren; * Öffentliches Anprangern derjenigen Richter, die Gefälligkeitsgutachter bevorzugen, weil sie kein Interesse an der Wahrheitsfindung haben, nicht informiert oder einfach nur faul sind und dennoch selbst bei Bundesgerichten im Namen des Volkes Recht zu sprechen sich anmaßen (solche "Richter" müssen sich hierfür umgehend ein neues Volk suchen ...); * Lesen (unter anderen) des Buches "Von Menschen und Ratten" (Erich Schöndorf) * und vor allem durch sehr viel Mut zu Zivilcourage.

Der Autor ist Professor am Institut für Toxikologie der Universität Kiel, sein Beitrag ein Auszug aus seinem Einleitungsreferat zum Kongreß "Wissenschaftler am Tropf der Wirtschaft?" im November 1999 an der Fachhochschule Frankfurt am Main.

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