Betender Muslim - © Foto: iStock/Ibrakovic
Religion

Wer gibt vor, was guter Islam ist?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Streit um Deutungshoheiten in der Debatte um den „politischen Islam“: Was ein Religionswissenschaftler beitragen kann. Ein Gastkommentar.

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Der Streit um Deutungshoheiten in der Debatte um den „politischen Islam“: Was ein Religionswissenschaftler beitragen kann. Ein Gastkommentar.

Die Diskussion um den soge­nannten „politischen Islam“ geht aktuell munter weiter, wie jüngere Debattenbeiträge gerade hier in der FURCHE bezeugen. Unmittelbarer Auslöser ist zum einen die Veröffentlichung einer ersten „Studie“ der im Sommer eingerichteten „Dokumentationsstelle Politischer Islam“, zum anderen geht aktuell ein Gesetzestext in Begutachtung, der sich zwar inhaltlich auf jedwede Form des „religiös motivierten politischen Extremismus“ bezieht, de facto aber auf Bewegungen abzielt, die man in der üblich gewordenen Schematisierung dem „politischen Islam“ zurechnet.

Dass diese Fokussierung durchaus problematische Züge trägt, wurde vielerorts und auch im Zusammenhang mit weiteren Änderungen im religionsrechtlichen Kontext schon öfter angemerkt. Was dabei aber grundsätzlich außer Frage stehen sollte, ist das legitime Recht des Staates, sich gegen Entwicklungen zu wehren, die ihn in seinen Grundfesten in Frage stellen. Dass es nun Erscheinungen im gegenwärtigen Kontext des Islam gibt, die hochproblematisch sind, braucht wohl nicht neu ausgewiesen zu werden und hängt mit umfassenden his­torischen Entwicklungsbögen zusammen, die spätestens im 19. Jahrhundert beginnen und zu einer grundsätzlichen Konfrontationsstellung zwischen westlicher Welt und dem Islam führten.

Zwischen „Opfermythos“ …

Der Begriff „Islamismus“ beziehungs­weise „politischer Islam“ ist ein Versuch, diesen Aspekt der jüngeren Geschichte des Islam auszuzirkeln und soweit zu separieren, um ihm dementsprechend kritisch begegnen zu können. Dabei sollte vor allem der darin transportierte grundsätzliche Tenor Sorgen bereiten, der auch hierzulande viele einschlägige Stellungnahmen prägt: Ein beständig gepflegter Opfermythos, der letztendlich mit dem Gegensatz zwischen Islam und dem Westen spielt und diesen weiterhin einzementiert, weil man sich in dieser Rolle offensichtlich auch sehr wohl fühlt. Dass all dies (offensichtlich höchst erfolgreich) durch die Aktivitäten konkreter Bewegungen weiter Verbreitung findet und hochproblematische Entwicklungen zeitigt, kann niemand in Frage stellen.