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Wer nicht glaubt, muß fühlen ...

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Daß eine befruchtete Eizelle ein Mensch sei, ist ein Glaubenssatz, kein Faktum. Der Logik der selbsternannten Lebensschützer zufolge soll die Verweigerung der Annahme dieses Glaubens wieder strafrechtlich geahndet werden.

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Daß eine befruchtete Eizelle ein Mensch sei, ist ein Glaubenssatz, kein Faktum. Der Logik der selbsternannten Lebensschützer zufolge soll die Verweigerung der Annahme dieses Glaubens wieder strafrechtlich geahndet werden.

Die Zulassung der Abtreibungspille Mifegyne ist an sich keine moralische, sondern eine medizinische Frage. Zu beantworten ist, ob die Pille ein geeignetes Mittel darstellt, Schwangerschaften in den gesetzlich erlaubten Grenzen zu unterbrechen. Und das wurde in einigen EU-Staaten bereits mit "Ja" beurteilt. Mifegyne sorgt dafür, daß Frauen bei einem Schwangerschaftsabbruch das für sie Schonendste wählen können.

Der Eindruck entstand aber nicht von ungefähr, daß diejenigen, die Mifegyne ablehnen, damit Frauen wenigstens eine Operation antun wollen, wenigstens ein unangenehmes physisches Gefühl, so als ob Frauen, die abtreiben, nicht genug Sorgen hätten. Strafe muß sein, lautet noch immer das Motto eines Teils der römisch-katholischen Amtskirche, so als ob sie selbst die alleroberste Instanz in dieser und in allen anderen Welten wäre. Und Menschen formieren sich zu den sogenannten "Lebensschützern", dankbar für feste Werte, die nicht hinterfragt werden müssen, weil sie absolut gesetzt sind. Lebensschützer, die abtreibende Frauen vor sich hertreiben - das gibt es inzwischen auch bei uns. Lebensschützer, die Abtreibungsärzte ermorden - das gibt es bisher bloß in den USA. Eine Perversion des Lebensschutzes, die einmal mehr Angst macht vor Ideologien oder Glaubensüberzeugungen mit Totalitätsanspruch.

Es ist kein Zufall, wenn immer wieder Parallelen zur Nazizeit auftauchen. Dem deutschen Kardinal Joachim Meisner fiel als Vergleich zur Abtreibungspille Zyklon B ein, das Gas, mit dem Millionen Juden in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Weihbischof Laun fand den Zusammenhang angemessen. Und eine junge Lebensschützerin zeigte in der ORF-Sendung "Zur Sache" keinen Funken von Mitleid oder gar Verständnis, als von einer Jüdin erzählt wurde, die in der Nazizeit abtreiben ließ, um so ihr eigenes Leben und das Leben ihres Mannes zu retten.

Tötet, wer in den ersten drei Monaten eine Schwangerschaft abbricht? Der Mensch, so hörten wir von Kirchenvertretern in den letzten Tagen immer wieder, entsteht mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die Frage nach dem "Warum" wird für unzulässig erklärt, man glaube eben, daß das so sei. Ein Glaube, der - und das gilt es immer wieder zu erwähnen - offiziell ausschließlich von Männern ausgelegt wird. Ein Glaube, der über Jahrhunderte nicht nur zu viel Gutem, Mutigem und Barmherzigem in dieser Welt geführt hat, sondern der, gerade wenn er von oben oktroyiert wurde, immer wieder als Herrschaftsglaube, als Machtmittel eingesetzt wurde. Und was ist das brutalste aller Unterdrückungsmittel, wenn nicht jenes, Menschen die Eigenständigkeit ihrer Entscheidung zu entziehen? Die katholische Amtskirche glaubt, Frauen haben demütig zu folgen und die ganze verquere Sexualmoral zu fressen. Nicht um Anleitung zum liebevollen Umgang geht es, sondern darum, daß Frauen eben zum Kinderkriegen gut sind und ansonsten für vieles nicht geboren. Alles kann mit "Glauben" erklärt werden.

Eine tiefgehende Versöhnung der katholischen Amtskirche mit der Wissenschaft fand aus guten Gründen nicht statt. Erkenntnis ist seit Eva und dem Apfel negativ besetzt. Statt dessen gilt: "Das ist eben so, und wenn du das in Frage stellst, dann bist du nicht katholisch." In der Vergangenheit galt der Wissenschaft als Lebensende das Ende von Kreislauf, Herz und Lunge. Jetzt gilt das Ende der Gehirnströme als Lebensende. Was liegt näher, als den Beginn eines Menschen parallel dazu zu sehen? Ein Zellhäufchen ist kein Mensch, außer man will es glauben - und das sollte jedem und jeder frei stehen. Schlimm ist es bloß, diesen Glauben als absolute Wahrheit zu verkaufen und Glaubensverstöße mit weltlichem Strafrecht ahnden zu wollen.

Niemand, den ich kenne, findet Schwangerschaftsunterbrechungen gut oder gar schön. Eine Abtreibung kann aber oft das einzige Mittel sein, um das Leben einer Frau zu retten. Selten im dramatisch-wörtlichen Sinn, viel öfter geht es "nur" um ihre Lebensbedingungen, um ihre seelische Verfaßtheit, um die Chancen, aus ihrem Leben etwas zu machen. Daß das für die Amtskirche viel weniger zu zählen scheint, als physisches Leben, bestätigt meinen Verdacht, nach dem im Vatikan und seinen Außenstellen viel eher Machtmänner sitzen als Seelsorger. Sie verlangen ein Ende der Straffreiheit der Abtreibung, obwohl sie wissen, daß es weiterhin Abtreibungen gäbe - aber eben wenigstens mit viel mehr Angst und auch Gefahr verbunden. Angst vor Strafe, Gefahr durch Pfuscher und Engelmacherinnen. Die Frauen der besseren Gesellschaft würden es sich mit sehr viel Geld richten können. Die Frauen, denen gerade aus sozialer Not nichts anderes übrigbleibt, als ihr Kind nicht zu bekommen, würden doppelt und dreifach getroffen.

Wer ehrlich etwas gegen Abtreibungen tun will, muß sich gegen die schlechten Lebensbedingungen von Frauen wenden. Mit einem gesicherten Job, ausreichend Kinderbetreuungsplätzen, einer Gesellschaft, die mit Kindern liebevoll und dankbar umgeht, kommt kaum eine Frau auf die Idee, ihr Kind nicht zu bekommen. Wo sind die Lebensschützer, die vehement gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit verlangen? Wo die katholischen Würdenträger, die eine gerechte Verteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit fordern? Wo die strikten Abtreibungsgegner, die dafür sorgen, daß Migrantinnen nicht abgeschoben werden, weil ein Kopf mehr in der Familie der Wohnungsgrößenrichtlinie widerspricht?

Und noch etwas: Zum Kinderbekommen gehören zwei. Abtreibungen lassen sich durch Aufklärung und rechtzeitige Verhütung verhindern. Verhütung allerdings, die auch von Männern betrieben wird. Statt Frauen zu sagen, daß sie sich gnädigerweise ohne Strafe gegen ein Kind entscheiden dürfen, oder daß sie aus Glaubensgründen unter Strafandrohung gebären müssen, sollten Männer selbst ungewollte Schwangerschaften verhindern. Wie? Indem sie sich die Samenleiter abbinden lassen und so Verantwortung für ihre Reproduktion übernehmen. Das ist ein kleiner Eingriff, er braucht nicht einmal Vollnarkose, und er ist jederzeit wieder rückgängig zu machen. Das ist nichts im Vergleich zu jahrelanger Hormonbehandlung, Schwangerschaftsabbruch durch Operation oder durch einen anderen massiven Hormonschock. Solidarität statt Strafe. Aber das ist freilich nur etwas für selbstbewußte Männer.

Die Autorin ist freie Journalistin und Publizistin (u. a. "Ganz normale Frauen" - 14 Portraits, Zsolnay-Verlag; "Die Angst der Kirche vor den Frauen", FOLIO-Verlag).

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