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Wie islamophob ist Österreich?

Zu lange wurde ausschließlich über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gesprochen, kritisiert Politikwissenschafter Farid Hafez im Gespräch. Das Gespräch führte Astrid Mattes

Aam 1. Juli wurde in einem deutschen Gerichtssaal die Ägypterin Marwa al-Scherbiny vor den Augen ihres Mannes und Kindes von einem Rechtsradikalen erstochen, der wegen Beleidigung angeklagt war, weil er sie als „Terroristin“ und „Schlampe“ bezeichnet hatte: Spätestens dieser Fall macht deutlich, dass Islamfeindlichkeit in Mitteleuropa längst zum Problem geworden ist. Obwohl solche Feindseligkeit auch in Österreich nicht neu ist, gibt es darüber keine öffentliche Debatte. Ein neues Buch will das ändern (siehe unten). Farid Hafez, Politikwissenschafter und Mitherausgeber des Buches „Islamophobie in Österreich“, erläutert, warum es höchste Zeit ist, dies zu thematisieren.

DIE FURCHE: Wie islamophob ist Österreich?

Farid Hafez: Vor Kurzem ist die neue Europäische Wertestudie erschienen. Da gibt es die Frage: „Neben welchen Nachbarn möchten Sie nicht wohnen?“ Im Jahr 2000 haben hier 15 Prozent Muslime genannt, 2008 waren es 31, mehr als doppelt so viele. Dazwischen lag 9/11, die Anschläge von London und Madrid. Und spezifisch für Österreich haben die verschiedenen FP-Wahlkämpfe seit 2004 dazu beigetragen, da die sich kontinuierlich der Islamophobie bedienen.

DIE FURCHE: Warum haben Sie das Buch über Islamophobie gemacht?

Hafez: Zu lange wurde ausschließlich über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gesprochen. Die Schmierereien, die im Februar 2009 an der Mauer des KZ Mauthausen aufgetaucht sind, bringen es auf den Punkt: „Was unsern Vätern der Jud, das ist für uns die Moslembrut. Seid auf der Hut. 3. Weltkrieg – 8. Kreuzzug“. Dieser Slogan greift zum einen auf die Vergangenheit zurück, konkret auf den Holocaust; gleichzeitig spricht er die Zukunft an und gibt ein Programm vor. Muslime sind jetzt das Feindbild, das für unsere Vorväter die Juden waren. Den Autorinnen und Autoren, die an dem Buch mitgeschrieben haben, geht es darum zu zeigen, dass Islamophobie ein Phänomen ist, über das geschwiegen wird. Es ist beschämend, dass, als über diese Schmierereien berichtet wurde, niemand die Islamophobie angesprochen hat.

DIE FURCHE: Was subsumieren Sie konkret unter Islamophobie?

Hafez: Ganz kurz und prägnant würde ich sagen, dass es eine feindliche Haltung dem Islam als Religion sowie Muslimen als sozialen Subjekten gegenüber ist, die auf verschiedenen Stereotypen und Vorurteilen basiert.

DIE FURCHE: Weitverbreitetet ist etwa das Stereotyp der „unterdrückten muslimischen Frau“ .

Hafez: Das, was die muslimische Frau zum gefundenen Fressen für Populisten macht, ist ihre Sichtbarkeit. Abgesehen davon, dass die Mehrheit der muslimischen Frauen wahrscheinlich überhaupt kein Kopftuch trägt, basiert die symbolhafte Darstellung der Muslimin mit Kopftuch auf einer Imagination. Die Mehrheit der Bevölkerung hat keinen Kontakt zu Muslimen, und aufgrund dieses nicht vorhandenen Kontaktes kann man Ängste schüren. Wenn man diese schüren kann gegen etwas, was auf der Straße sichtbar, aber den Menschen unbekannt ist, dann ist das das Beste, was Populisten und anderen passieren kann.

DIE FURCHE: Medien übernehmen die Stereotypen von der Politik und vice versa?

Hafez: Es gibt in Deutschland zahlreiche Studien dazu. In der Medienlandschaft bedienen sich linke wie bürgerliche und rechte Medien islamophober Stereotype, bewusst oder unbewusst. Ich unterstelle jetzt nicht, dass hier ein Programm dahintersteht, aber weil der Diskurs über den Islam grundsätzlich ein negativer ist, fällt man leicht in diese Schublade. Es wird nicht unterschieden zwischen Ausländern, Migranten, Muslimen und Asylanten. Das wird alles in einen Topf geworfen. Es braucht viel mehr Sensibilität im Umgang mit Begriffen wie „der Islam“, „die Muslime“, denn es gibt den Islam oder die Muslime nicht.

DIE FURCHE: Und wie sieht die Situation junger Muslime in diesem Zusammenhang aus?

Hafez: Das Problem in Österreich, aber auch in Deutschland und der Schweiz ist das Nationsverständnis, das sich stark von Großbritannien oder den USA unterscheidet. Es ist ausgrenzend. Die Österreicher sind in der Mehrheit der Fälle weiß, hellhäutig, katholisch oder zumindest christlich. Die Selbstverständlichkeit, einen Muslim als Österreicher zu sehen, ist in der Gesellschaft nicht wirklich vorhanden. Der Muslim ist der Ausländer. Auch wenn es um Konvertierte geht oder um Muslime der zweiten und dritten Generation. Man sieht das im Bild der Öffentlichkeit. Es ist immer noch undenkbar in Österreich eine Nachrichtensprecherin zu haben, die Kopftuch trägt, oder einen Nachrichtensprecher, der Mustafa heißt.

DIE FURCHE: Das ist anderswo in Europa besser?

Hafez: In Großbritannien zum Beispiel wird man schon bei der Ankunft in Heathrow von einem Sikh, einer jungen Frau mit Kopftuch oder einem pakistanischen jungen Mann mit drei Meter langem Bart begrüßt und kontrolliert. Um diese Sichtbarkeit, die diese jungen Menschen dort in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst haben, ist bei uns einfach nicht vorhanden. Das hat natürlich auch mit der Bildungslage zu tun. Aber ich denke, dieses sehr reduzierte Österreichverständnis trägt einiges dazu bei, dass es sowohl in der Eigenwahrnehmung der jungen Muslime als auch in der Wahrnehmung der sogenannten anderen eine gewisse Ausgrenzung gibt.

DIE FURCHE: Ist Islamophobie ein Integrationshindernis?

Hafez: Mit Sicherheit. Um nochmals auf die jungen Muslime zu sprechen zu kommen: Diese sind insofern betroffen, weil sich für sie, wenn sie Interesse haben, ihre Religion auch nach außen zu tragen – was ja nicht bei allen der Fall ist –, die Frage stellt, wie sie von der Mehrheitsgesellschaft aufgenommen werden. Wenn sie durch die Straßen gehen und sehen, dass gegen die eigene Religion auf einem Plakat steht: „Daham statt Islam“, was auf gut Deutsch „Schleich di!“ bedeutet, ist es durchaus vorstellbar, dass das für sie ein Moment wird, wo sie ihre Identität konstruieren und denken: „Die wollen mich nicht.“ Das wird wiederum in einem falschen Sinn generalisiert und sie sagen: die. Aber wer sind die? Wo ist die Gegenstimme? Ein 16-Jähriger kann das vielleicht nicht differenziert wahrnehmen. Insofern halte ich es im Bildungsbereich für enorm wichtig, über Antisemitismus zu sprechen, aber auch Islamophobie nicht außen vor zu lassen.

DIE FURCHE: Welche Chancen gibt es, aus Stereotypen auszubrechen?

Hafez: Da haben die Medien einen großen Beitrag zu leisten. Betrachten wir die Debatte um die Islamlehrer im Jänner: Nach der Veröffentlichung der Studie von Mouhanad Khorchide wurde ungefähr ein Monat lang der muslimische Religionslehrer als der Antidemokrat schlechthin dargestellt. Wenn man das mit der Berichterstattung über die Wertestudie vergleicht …

DIE FURCHE: … die Ende Juni veröffentlicht wurde und die gesamte Gesellschaft untersuchte …

Hafez: … und die ergab: 6 Prozent sind für eine Militärdiktatur und 21 Prozent für einen starken Mann. Diese Zahlen wurden drei, vier Tage thematisiert. Das sagt etwas aus: Es ist schön, über den anderen zu sprechen und darüber, wie problematisch er ist, aber es ist unangenehm, über mich selbst und meine eigenen Mankos zu reden. Das ist menschlich verständlich, zeigt aber dennoch, wie unausgewogen die Berichterstattung oft ist. Natürlich müssen auch innerhalb der muslimischen Community die Probleme angesprochen werden. Es ist ein positiver Beitrag der Medien, dass sie über Muslime sprechen und sie skandalisieren, wie sie das auch mit der Politik und anderen Themen tun, aber es sollte in ausgewogener Weise geschehen.

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