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Wiederbelebung des Amtes der Diakonissen

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Die Weihe von Frauen zu Priesterinnen lehnen die Orthodoxen ab, doch über die Einführung anderer apostolischer Amter für Frauen wird nachgedacht.

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Die Weihe von Frauen zu Priesterinnen lehnen die Orthodoxen ab, doch über die Einführung anderer apostolischer Amter für Frauen wird nachgedacht.

Zunächst sei hier festgestellt, daß das Thema der Stellung der Frau auch innerhalb der orthodoxen Kirche an Aktualität und Bedeutung gewinnt und zwar nicht zuletzt durch die Entwicklungen innerhalb der nichtorthodoxen Kirchen. Die Orthodoxie nimmt diese Frage auch aus ökumenischen Bücksichten sehr ernst

Die Botschaft der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel im Mai 1989 betonte mit Nachdruck unter anderem: „Jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Nation und Sprache, trägt Gottes Bild in sich und ist darum gleichberechtigtes Glied der Gesellschaft ... Wir ... verpflichten uns, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Männer und Frauen zu gleichen Teilen Verantwortung tragen." Diese Feststellungen gehen auf den Ökumenischen Patriarchen Dimitrios von Konstantinopel zurück.

Im November 1979 besuchte Papst Johannes Paul II. den Ökumenischen Patriarchen Dimitrios in Konstantinopel, der unter anderem in seiner Begrüßungsrede betonte: „Und jenen von den NichtChristen, die sich gefragt hätten, was für sie die christliche Einheit bedeute, ob sie eine Koalition und eine Front der Christen gegen die Nichtchristen darstelle, könnten wir antworten, daß die angestrebte christliche Einheit sich gegen niemanden richtet, sondern daß sie vielmehr ein positives Angebot und eine positive Diakonie darstellt für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, unabhängig von Rasse, unabhängig von Religion, unabhängig von sozialer Schicht gemäß dem fundamentalen christlichen Prinzip, da ist kein Unterschied zwischen Juden und Christen, zwischen Sklaven und Freien, zwischen Mann und Frau (Gal 3,28)."

Diese grundsätzlichen Auffassungen der orthodoxen Kirche sind für die.weiteren Überlegungen wichtig.

Als Patriarch Dimitrios I. am 5. Dezember 1987 Papst Johannes Paul II. in Rom besuchte, sagte er unter anderem: „Eine ganz besondere Bedeutung hat auch die zentrale Position Mariens (der Allheiligen) in der Ek-klesiologie und für die Gespräche des in unseren Tagen durchgeführten ökumenischen Dialogs bezüglich der Position der Frau in der Kirche. Diesbezüglich sind wir überzeugt, daß die Anerkennung und die Hervorhebung der höchsten Position und Ehre Mariens (der Allheiligen) im Leben und im Glauben der Kirche ohne Zweifel auch die Anerkennung und den Erweis der der Frau anthropologisch selbstverständlich gebührenden Ehre und Würde zur Konsequenz hat, in dem Sinne, daß auch die Frau ein volles und gleichwertiges Bild Gottes darstellt, wie der Mann." Als solche befinden sich die Männer und die Frauen als gleichwertige Glieder der Kirche, in der sie das prophetische, hochpriesterliche und königliche Priesteramt Christi teilen.

Die Konsequenz daraus ist, daß die Unterscheidung zwischen Mann und Frau weder eine ontologische ist, da das Bild Gottes in allen Menschen das gleiche ist, noch eine Christsein-mäßige, da durch die Taufe alle zu Christen werden, unabhängig vom Geschlecht, und alle gleichermaßen dem „königlichen Priestertum" angehören. Die katholische Theologin A. Jensen stellte fest: „Soweit ich sehe, gibt es in der Ostkirche keine Theologie, die explizit eine schöpfungsmäßige Unterordnung der Frau unter dem Mann behauptet." Und gerade darum geht es in erster Linie.

Die gleiche Würde beziehungsweise die Gleichwertigkeit der Frau ist besonders hervorzuheben und nicht die „Gleichheit" im uniformistischen Sinne, oder die gleiche Funktionalität. Dies wäre eine Verkürzung und eine Verarmung des vielfältigen Reichtums des menschlichen Geschlechts. Die Rolle der Frau in der orthodoxen Kirche ist daher identisch mit der der Laien. Das bedeutet, daß auch die Frauen, wie die Männer-Laien am Lehramt der Kirche, also bei der Verbreitung und Verkündigung des Inhalts der Frohbotschaft Christi, teilnehmen können, ja sogar sollen. Die Erfüllung dieser Aufgabe geschieht in unterschiedlicher Weise: Als. Religionslehrerin in sämtlichen Schultypen, von der Volksschule bis zu Theologischen Fakultäten an den Universitäten, oder sogar in manchen Bereichen als Predigerin.

Die Rolle der Frau als „Lehrerin" und ihre Teilnahme am Lehramt der Kirche hebt auch das Dokument der gesamtorthodoxen Konsultation auf der Insel Rhodos im November 1988 hervor. Auch das Phänomen, daß immer mehr Frauen Theologie studieren, wird als sehr positiv bewertet. Die Kirche ist deshalb dazu aufgerufen, diese Frauen in entsprechende Positionen im Leben der Kirche einzugliedern. Die Entfaltung der Stellung der Frau wird auch dazu verhelfen, die Stellung der Laien in der Kirche zu verbessern und überhaupt die Effizienz der Kirche im Dienste der Christen zur Erreichung des Heils. Konkret wurde auf Rhodos aufgefordert, das Amt der Diakonissen wie auch anderer apostolischer Ämter wiederzubeleben.

Damit ist auch das Thema der Frauenordination in der orthodoxen Kirche angesprochen. Es gibt mehrere Stimmen, die aufgrund der Erforschung der Quellen und der Weiherituale der Diakonissen der Auffassung sind, daß es sich dabei um eine Weihe handelt und daß die Diakonissen dem Klerusstand angehören.

Das bedeutet, daß in der orthodoxen Kirche nicht gesagt werden kann, daß aus ontologischen Gründen beziehungsweise aus wesensmäßigen und schöpfungsmäßigen Kriterien die Frau, weil sie Frau ist, deshalb grundsätzlich auch weiheunfähig sei. Das ändert nichts an der Realität, daß es in der orthodoxen Kirche eine Priesterweihe zum Presbyterat und Episkopat nicht gibt.

In der Konsultation von Kreta im Jahr 1990 wurde darauf hingewiesen, die Frage der Diakonissen theologisch auszuarbeiten und zu vertiefen, auch im Zusammenhang mit dem ökumenischen Dialog. Evangelos Theo-dorou meinte, „die eventuelle Wiederbelebung der griechisch-orthodoxen Ordination der Diakonissen in der Orthodoxie und in den anderen Kirchen könnte Erfahrung und neue pa-storale Aspekte schaffen, damit auch die in der christlichen Ökumene vermittelnde Stellungnahme der gesamten orthodoxen Kirche gegenüber der Frage der Ordination und des Prie-stertums der Frau eine allseitige Begründung und Formulierung finden kann".

Eine große Bedeutung wird auch der Teilnahme der Frauen bei den EntScheidungsprozessen der orthodoxen Kirche zuerkannt. Viele Frauen sind Mitglieder von Kommissionen und werden auch als Delegierte bei verschiedenen internationalen und ökumenischen Gremien und Veranstaltungen entsandt. Damit wird die Mitbestimmung von Frauen verstärkt, was einen Gewinn für das kirchliche Leben darstellt.

Der Autor ist

Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche in Österreich

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