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"Wien ist auf einem guten Weg"

Die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer Brigitte Jank fordert bei der Klimadebatte, dass die Wirtschaft nicht über Gebühr zur Kasse gebeten wird. Ansonsten sei die Bundeshauptstadt auf einem guten Weg: Die Biotechnologie wird forciert, und auch von der "nur" nahen Exzellenz-Universität erhofft sich die Wirtschaftsvertreterin Synergien.

Die Furche: Das Klima zu schützen ist in Mode, doch Einsparungen sollen immer die anderen machen. Wie kann/soll es weitergehen?

Brigitte Jank: Es muss ein Weg gefunden werden, der auch für die Wirtschaft noch verträglich ist. Zumal die heimischen Betriebe ja schon sehr viel eingespart haben. Auch in Brüssel ist Augenmaß gefordert, denn die Wettbewerbsfähigkeit muss erhalten bleiben.

Die Furche: Vor allem beim Bereich Verkehr scheint es noch ein großes CO2-Einsparungspotenzial zu geben?

Jank: Fakt ist, dass der Gütertransport weiter zunehmen wird. Eine Beschneidung des Wirtschaftsverkehrs ist daher nicht der richtige Ansatz. Anzudenken ist aber sicherlich der Ausbau von zusätzlichen Verkehrsmöglichkeiten wie die Donauschiffahrt oder die Forcierung des Bahnverkehrs.

Die Furche: Wird in Wien genug getan, um sich als Standort für Umwelttechnologie zu etablieren?

Jank: Diese Frage kann ich bejahen. Wien hat sich rechtzeitig in Richtung dieser zukunftsweisenden Technologien orientiert und wird dank der dynamischen Entwicklung der letzten Jahre auch international wahrgenommen.

Die Furche: Anders gefragt: Ist Wien ein attraktiver Platz für einen Umwelttechnik-Betrieb?

Jank: Die Vienna Region verfügt über zahlreiche Vorteile wie hervorragend ausgebildeten Arbeitskräfte und ausgezeichnete Kooperationen mit Universitäten. Zudem gehört Wien zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität. Der Nährboden für Umwelttechnik ist daher ausgesprochen gut.

Die Furche: Wenn von der Zukunft gesprochen wird, ist auch immer die Biotechnologie ein Thema. Wo steht Wien bzw. wohin geht die Reise?

Jank: Wien hat sich hier zeitgerecht und gut national und international positioniert. Ungefähr 170 bis 180 Betriebe sind in der Biotechnologie tätig. Herausragend ist sicherlich der Biotech-Cluster, wo Forschungseinrichtungen mit Unternehmen gemeinsam Projekte umsetzen. Neue Forschungsprojekte sind in Überlegung, die auch in den medizinischen Bereich hineinreichen. Die Biotechnologie wird auch künftig für Wien eine wichtige Rolle spielen und da ist die Nähe zu den universitären Einrichtungen ein Vorteil.

Die Furche: Die Exzellenz-Universität wird aber nicht in Wien beheimatet sein, ein Nachteil?

Jank: In der Diskussion um die Standortfindung hat Wien attraktive Angebote gemacht. Die Entscheidung ist gefallen und es ergibt keinen Sinn, im Nachhinein zu grübeln. Wichtig ist, dass dort ein wirkliches Exzellenz-Zentrum entsteht, und dass es vernünftige Kooperationen mit der Wirtschaft gibt, um den Anteil der angewandten Forschung zu steigern. Schon alleine auf Grund unserer geografischen Lage werden sich viele Firmen auch in Wien ansiedeln, weil die Verkehrsverbindungen besser sind, das kulturelle Angebot in der Stadt da ist u.v.m. Vor allem für ausländische Firmen sind das unschlagbare Standortfaktoren.

Die Furche: Bleiben wir bei der Bildung: Bekommen die Wiener Betriebe die Mitarbeiter aus den Schulen, die sie brauchen?

Jank: Das Schulsystem wird grundsätzlich auf Grund der Bevölkerungsstruktur in Wien auf die Probe gestellt. Ein Anteil von über 45 Prozent der Wiener Schulkinder hat einen Migrations-Hintergrund, was zur Folge hat, dass die Kinder der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Das hat Auswirkungen auf die Ausbildung der Jugendlichen. Die Herausforderung besteht darin, die Faktoren des Lebens, die heute den Alltag der Kinder bestimmen, in die Ausbildung hineinzubringen, wie die elektronischen Medien.

Die Furche: Aber auch am Ende der Arbeitsperiode gibt es Schwierigkeiten. Mit 45 Jahren gehört man heute schon zum alten Eisen …

Jank: Weil wir alle älter werden, bleiben wir auch länger im Arbeitsprozess. Davon bin ich überzeugt. Denn die heute 60-Jährigen sind ja viel "jugendlicher" als es ihre "Kollegen" noch vor 20 Jahren waren. Wir befinden uns mitten in diesem Umdenkprozess. Die Erfahrung der älteren Mitarbeiter wissen die Firmen immer mehr zu schätzen.

Die Furche: Soll die Lohn-/Gehaltskurve abgeflacht werden?

Jank: Der Frage des Lebenseinkommens, muss sich die Politik sicher widmen, da bedarf es aber auch eines gewissen Umdenkens. Ich stelle bei jungen Menschen fest, dass sie sehr weit vorausblicken. Eine Vorsorge für spätere Zeiten ist für viele ein Thema. Und das bringt ja schon eine Änderung mit sich.

Die Furche: Der Ladenschluss während der EM wurde heiß diskutiert. Wie ist der Status quo?

Jank: Wie ich vorgeschlagen habe, wird es eine Ausnahmeregelung geben, damit sich Wien so touristenfreundlich wie möglich präsentiert. Jetzt sind wir mitten in den Verhandlungen mit der Gewerkschaft. Ich sehe es pragmatisch: Um sich der Frage zu entziehen, wo Grenzen zu ziehen sind, sollen die Ausnahmeregelungen beim Ladenschluss für die gesamte Stadt gelten. Doch das ist auch Bestandteil der laufenden Verhandlungen.

Die Furche: Ist die EM also Vorbild für ähnliche Ereignisse?

Jank: Nein. In Wien haben wir kein auch nur annähernd gleich großes Ereignis, das so eine Ausnahme vom gängigen Landenschlussgesetz rechtfertigt.

Die Furche: Wie stark wird die Wirtschaft von der EM profitieren?

Jank: In Wien erwarten wir im Bereich Tourismus zusätzliche Einnahmen von 116 Millionen Euro. Österreichweit wird ein Wertschöpfungseffekt von rund 380 Millionen Euro prognostiziert.

Das Gespräch führte Thomas Meickl.

First Lady mit Hang zur Wirtschaft

Brigitte Jank ist die erste Frau im Amt des Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien. Die Luft, die sie in diesen Höhen atmet, sei für sie nicht anders als für einen Mann, lediglich der Aufstieg in derartige Positionen sei für Frauen auch heute noch schwierig. Die Sachverständige für das Immobilienwesen vermisse vor allem die Wahlfreiheit. Noch immer würde das Funktionieren des Familienlebens an der Entscheidung festgemacht, ob eine Mutter sich für oder gegen eine Karriere entscheidet. Um dies zu ändern, bedürfe es der Unterstützung der "eigenen" Männer zu Hause, aber auch der Gesellschaft, die dafür sorgt, dass genügend Betreuungseinrichtungen für Kinder da sind, sollte eine Frau diese Angebote annehmen wollen. Für Jank ist es zu wenig, dass nur ein Drittel der Führungspositionen in der österreichischen Wirtschaft von Frauen bekleidet werden. Es fehle ganz klar die Differenz vom Drittel zur Hälfte, sagt die Unternehmerin, die selbst verheiratet und Mutter einer Tochter ist. 2004 war ihr großes Jahr: Im Mai wurde sie Obfrau des Wirtschaftsbundes Wien und im darauf folgenden Dezember übernahm sie den Vorsitz der Wiener Wirtschaftskammer. Sie ist Sprachrohr der Wiener Betriebe und muss vor allem Kompromisse finden. Zuletzt bei der Diskussion um die Landenschlusszeiten während der EM im kommenden Jahr. Jank, eigentlich keine Freundin des Einkaufssonntages, vertritt hier die Meinung: "Ein außergewöhnliches Ereignis, braucht außergewöhnliche Entscheidung."

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