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"Wir kamen nicht vom Mars"

Auf Einladung der Stiftung Pro Oriente war oleh turiy, Kirchenhistoriker an der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg (Lwiw) in Wien: Ein Gespräch über Griechisch-Katholische und Orthodoxe in der Ukraine.

Die Furche: Vor genau 60 Jahren wurde in der Ukraine die griechisch-katholische Kirche von Stalin & Co der Orthodoxie zwangseinverleibt. Wirkt die Auflösung der Kirche, die seit 1989 wieder tätig sein kann, noch nach?

Oleh Turiy: Geschichtliches Unrecht wirkt sehr, sehr lang nach. Das stalinistische Regime wollte diese Kirche zerstören, um das Land den Zuständen in der Sowjetunion anzunähern. Die Folgen davon sind noch spürbar, weil es für das kommunistische Regime nicht nur wichtig war, die eine Kirche zu vernichten, sondern es hat die andere Kirche dazu benutzt - und das dann "Wiedervereinigung mit der Orthodoxie" genannt. Dieses Unrecht hat für den griechisch-katholischen Gläubigen und für die Ukrainer in der Westukraine solche Dimensionen erhalten, dass sie nicht nur diesem Unrecht Jahrzehnte lang im Untergrund widerstanden haben, sondern diese "Unfreundschaft" wurde oft eine Gegnerschaft zur Orthodoxie. Die Spannungen zwischen den Kirchen heute sind auch Folgen des damaligen Unrechts.

Die Furche: Wie war es möglich, als Kirche im Untergrund zu überleben?

Turiy: Das war nicht leicht, und warum gerade die griechisch-katholische Kirche? In der Westukraine gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch viel militärischen Widerstand, es gab auch politische Geheimorganisationen gegen das Sowjetregime, aber nur der Kirche gelang es, diese Jahrzehnte nicht nur zu überstehen, sondern als die neue Zeit gekommen ist, eine positive Alternative für viele Menschen zur Wiederentdeckung des eigenen Glaubens zu geben. Es ist den Kommunisten nicht gelungen, diese Basis zu zerstören.

Die Furche: Auf "katholischer" Seite gibt es in der Ukraine die starke griechisch-katholische Kirche und eine römisch-katholische Minderheit, bei den Orthodoxen bestehen mindestens drei Gruppierungen - die orthodoxe Kirche des Moskauer, die des Kiewer Patriarchats, eine weitere "autokephale" Kirche.

Turiy: Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist es zu einer bestimmten Demokratisierung des Lebens gekommen und zur Unabhängigkeit der Ukraine. In dieser Situation stand die Orthodoxie plötzlich einer Identitätsfrage gegenüber. Denn normalerweise versucht die orthodoxe Kirche, mit dem Staat zusammen zu sein. Die Paradoxie bestand nun darin, dass die orthodoxe Kirche in der unabhängigen Ukraine die russisch-orthodoxe Kirche blieb. Das bedeutete nicht, dass in dieser Kirche nur die Russen waren, aber sie war ein Teil einer Kirche, die Jahrhunderte lang einem anderen Staat diente. Und da ging es nun darum, wie die Orthodoxie ihre Identität für dieses Volk erfüllen kann - eng mit der alten Macht verbunden oder mit der neuen oder irgendetwas anderes. Deshalb ist es in der Orthodoxie zu Spaltungen gekommen. Ein Teil der Bischöfe identifizierte sich sofort mit den sehr nationalistischen Bewegungen der Ukraine, andere suchten Partnerschaft mit neuen ukrainischen Bürokraten, andere warteten auf die Rückkehr der guten alten sowjetischen Verhältnisse.

Die Furche: Patriarch Aleksij II. von Moskau argumentiert, die Ukraine gehöre zum "kanonischen Territorium" der russischen Orthodoxie.

Turiy: Als Historiker kann ich mir nur wünschen, dass unsere orthodoxen Brüder besser Geschichte lernen: Denn wie kann man etwa über die Westukraine als kanonisches Territorium des Moskauer Patriarchats sprechen, wenn diese erst nach der Eroberung 1944 an die Sowjetunion angegliedert und erst auf diese Weise ein "kanonisches Territorium" des Moskauer Patriarchats wurde? Nie zuvor existierten die orthodoxen Bistümer, die es jetzt in der Westukraine gibt. Es ist lustig, zu Beginn des dritten Jahrtausends überhaupt über kanonische Territorien zu reden, weil jetzt jeder selbst entscheiden kann, ob er glaubt oder nicht, ob er zu dieser Kirche oder zu einer anderen kommt. Kanonisches Territorium, das ist jetzt das Herz, die Seele des Einzelnen. Um dieses Territorium muss man kämpfen!

Die Furche: Aber klammert sich Moskau nicht gerade deswegen an Kiew, weil hier die Wiege des ostslawischen Christentums liegt - mit der Taufe des Kiewer Rus (988)?

Turiy: Kiew war die Mutter des ganzen ostslawischen kirchlichen Lebens. Aber die Ukrainer sind nach Kiew nicht vom Mars gekommen, sondern sie waren immer da. Die Kirche bekam damals auch die Hierarchie von Konstantinopel, aber das bedeutete nicht, dass alle Leute in der Ukraine, Weißrussland und Russland Griechisch sprechen und sich als byzantinisches Imperium verstehen mussten. Imperien haben sich ausgebreitet, aber jetzt ist die Lage anders. Unsere russischen Freunde sollten die Geschichte nicht so imperialistisch sehen, wie es früher dargestellt wurde.

Die Furche: Lange Zeit war da Lemberg/Lwiw das Zentrum der griechisch-katholischen Kirche. Jetzt hat Kardinal Lubomyr Husar, der griechisch-katholische Großerzbischof, seinen Bischofssitz nach Kiew verlegt. Ist aber das historisch zu begründen?

Turiy: Selbstverständlich. Denn die Union mit Rom hat 1596 nicht die Diözese Lemberg gemacht, sondern die ganze Synode der Kiewer Metropolie. Zuerst haben die Bischöfe der heutigen Zentralukraine und Weißrusslands diese Union gestützt. In späteren Jahrhunderten hat bei den polnischen Teilungen das russische Imperium Stück um Stück des Landes bekommen - die heutige Ukraine oder Weißrussland, und nach der staatlichen Angliederung ist es zur kirchlichen Absorption gekommen. So ist die griechisch-katholische Kirche nur in Galizien und Transkarpatien verblieben. Es gibt viele Gründe, warum die griechisch-katholische Kirche jetzt den Sitz des Großerzbischofs nach Kiew verlegt hat. Diese Kirche gehört zur Kiewer Tradition, sie versteht sich als eine Nachfolgerin derselben Kirche, die Jahrhunderte lang auf diesem Territorium existiert hat. Für die griechisch-katholische Kirche selbst ist das eine wichtige Entscheidung, um ihre Identität zu bekräftigen. Wir haben ja auch erlebt, dass diese Kirche stark latinisiert oder polonisiert wurde. Außerdem gibt es durch die Verfolgungen und Deportationen unter Stalin griechisch-katholische Gläubige überall. Daher ist es auch aus pastoralen Gründen für griechisch-katholische Christen wichtig, in der Hauptstadt den Sitz ihres Oberhauptes zu haben. Wenn jede Freikirche in Kiew ihren Hauptsitz haben darf, warum eine Kirche, die historisch zu dieser Tradition gehört, nicht?

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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