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"Wir spielen mit der Identität“

Was fasziniert uns am Fasching? Die Schauspielerin Maria Happel und der Jesuit und Künstlerseelsorger Gustav Schörghofer im FURCHE-Gespräch über berufsbedingte Rollen, Individualität und die Kunst des Täuschens.

In einem Wiener Kaffeehaus trafen kürzlich eine Schauspielerin und ein Geistlicher zusammen, um über Verkleidung und Rollenbilder zu diskutieren. Es wurde ein Gespräch über Lügen, Manager, Selbstsuggestion und persönliche Faschingserinnerungen.

Die Furche: Worin liegt die Faszination, sich zu verkleiden?

Maria Happel: Ich glaube, das hat mit der alten Frage zu tun: Wer bin ich? Diese Suche, auf der wir uns über weite Strecken des Lebens befinden. Man fragt sich doch: Was könnte da noch sein? Oder: Wo komme ich her, welche Wurzeln habe ich, was steckt noch in mir? Diese Fragen sind der Nährboden für das Spiel mit Identitäten.

Gustav Schörghofer: Der Grundgedanke von Fasching war ursprünglich, dass die sozialen Verhältnisse einmal im Jahr verkehrt werden. Da konnte plötzlich der einfache Bürger Kaiser sein. Dieser Gedanke ist den meisten heute nicht mehr bekannt.

Happel: ...vielleicht auch gar nicht mehr so notwendig. Es gibt ja täglich Fernsehsendungen, in denen man ein Superstar werden kann. Oder Topmodel. Jeder kann ins Fernsehen kommen und dort eine bestimmte Rolle einnehmen.

Schörghofer: Aber das hat dann nichts mehr mit dem Spielen zu tun. Das ist ja beinharter Ernst, da wird gehungert und gearbeitet.

Die Furche: Im Fasching können Kinder und Erwachsene Rollen spielen, die sie im Alltag nicht einnehmen. Kann die Verkleidung auch therapeutische Ziele haben?

Happel: Als Therapie sind drei tolle Tage im Jahr zu wenig, wenn es darum geht, unerlaubte Persönlichkeitsanteile auszuleben. Dennoch ist es für viele eine Art Befreiung. Man löst sich für ein paar Stunden aus gesellschaftlichen Zwängen. Plötzlich gibt es nur mehr die Grenzen, die man sich selber setzt. Beamte setzen eine rote Nase auf. Und in Köln dürfen die Frauen an Weiberfastnacht den Herren die Krawatte abschneiden.

Die Furche: Darin verbirgt sich viel subversives Potenzial.

Schörghofer: Es kann hilfreich sein, bestimmte Situationen durchzuspielen. Wenn ich zornig bin und das Gefühl durchspiele, ist es oft weg. Insofern liegt im Spielen eine reinigende Wirkung.

Die Furche: Während im Theater die gelungene Täuschung als hohe Kunst gepriesen wird, gilt Verstellen im privaten Bereich - etwa bei Betrügern - als sehr verwerflich.

Happel: Der Unterschied liegt darin, dass es sich um unterschiedliche Ebenen handelt. Die Bühne ist der deklarierte Ort dafür, im Privaten sind die Grenzen nicht definiert. Dabei entscheidet auch die Frage nach der jeweiligen Identität: Wenn ich in eine Theaterfigur schlüpfe, bleibe ich selbst doch stets dieselbe Person - auch wenn ich etwas mir völlig Konträres darstelle. Außerhalb des Kunstraums ist es unklar, wer spricht, wer oder was dahintersteht. Das ist meiner Meinung nach auch der Reiz am Fasching. Man kann Aspekten seiner Persönlichkeit Raum geben, die man im Alltag nicht zeigt.

Schörghofer: Aus moralischer Sicht hat das Verstellen im privaten Leben etwas mit Lüge zu tun. Jemand gibt etwas vor, das nicht stimmt. Beispiele dafür gibt es ja genug, vor allem in der Politik. Die andere Möglichkeit der Verstellung liegt im Spiel. Wenn man sich spielerisch verstellt, hat das ja einen ganz anderen Charakter. Man gibt die Verstellung zu und nimmt eine Rolle ein. Dieses Spielen ist in unserer Kultur leider sehr abhandengekommen.

Happel: Kinder haben einen sehr natürlichen Zugang zum Spiel mit anderen Identitäten. Sie drehen Rollen um, sagen einfach "Ich bin die Mutter und du bist das Kind“ und schon ist es so. Ähnlich ist es mit uns Schauspielern: Auch wir behaupten, wer anderer zu sein, und auf der Bühne ist das möglich.

Die Furche: Wir verkörperm heute ja alle privat und beruflich verschiedenste Rollen.

Schörghofer: Und doch ist es ein großes Glück, heute im öffentlichen Leben verschiedene Rollen spielen zu können. Anfang des 20. Jahrhunderts etwa sahen Männer, die etwas auf sich gehalten haben, alle gleich aus: Sie trugen Anzug, Krawatte und Schnurrbart.

Happel: Ich finde, dass die auch heute noch alle gleich aussehen! Manager werden auf bestimmte Art gecoacht und machen diese Rollenspiele auch mit.

Schörghofer: Stimmt, sie werden zum Konformismus gezwungen. Das hat etwas Fatales. Wobei ich glaube, dass sich viele von den modernen Managern nicht einmal verstellen, sondern eine bestimmte Rollen einnehmen, ohne diese zu reflektieren. Das Ergebnis davon hat etwas Unheimliches.

Happel: Doch manchmal funktionieren Alltäglichkeiten besser, wenn wir sie zu einem Spiel machen. Ich war unlängst Badminton spielen, obwohl ich das gar nicht kann. Doch dann stellte ich mir vor, ich wäre Steffi Graf, und prompt klappte es viel besser!

Die Furche: Wie nähern Sie sich Ihren Rollen? Über das innere Gefühl oder die äußere Körperhaltung, die Kleider?

Happel: Ich arbeite mit beiden Herangehensweisen. Wenn man sich erst vorsichtig, auch äußerlich an die Figur annähert, und langsam für sie ein Gefühl entwickelt, kommen die Reaktionen wie etwa Tränen und Lacher oft wie von selbst.

Schörghofer: Ich merke zum Beispiel, dass ich automatisch fromm werde, wenn ich eine Messe halte. Durch dieses ständige Mitteilen glaubt man die Inhalte selbst auch wieder intensiver. Es gibt in der Kirche aber auch Menschen, die eine ganz eigene Liturgie-Sprache annehmen. Da merkt man dann, dass sie sich verstellen.

Die Furche: Es gibt ja auch das Lügen und Verstellen als eine Überlebensstrategie.

Schörghofer: Tatsächlich glaube ich, dass viele Menschen gezwungen werden, sich zu verstellen. Ich befinde mich in einer privilegierten Situation, weil mir meinen Beruf niemand streitig macht. Andere müssen sich über die Schmerzgrenze hinaus verstellen, um ihren Job zu behalten. Sie müssen ständig gut gelaunt sein, das bezeichnet man dann als professionell. Das kann aber auch eine große Qual bedeuten.

Die Furche: Inwiefern werden Sie durch Ihren Beruf in ein bestimmtes Rollenmuster gedrängt??

Schörghofer: Die Priesterschaft ist ein komplexes Gebilde, in dem es verschiedene Rollenentwürfe gibt. Die allgemeine Vorstellung von Priestern hat etwas Erhabenes. Ich selbst möchte kein Rollenbild erfüllen. Vor allem finde ich, dass sich die Kirche mit einer eigenen Sprache, eigenen Verhaltensregeln verkrustet hat. Es scheint mir wie bei einer Eisschicht, unter der ein Hohlraum entstanden ist, weil sich das Wasser zu stark abgesenkt hat. Doch ich versuche, unten durch zu tauchen. Deshalb trage ich auch keine Soutane.

Happel: Aber wenn Sie eine Messe abhalten, tragen Sie doch auch ein Messkleid?

Schörghofer: Es heißt, dass man als Priester in der Person Christi agiert. Das betone ich, indem ich besonders schöne Gewänder trage. Tatsächlich erfülle ich eine Rolle, doch kann man diese verschieden auslegen. Man kann sich übertrieben klerikal verhalten oder sich entsprechend kleiden.

Die Furche: Im Fasching tauchen immer wieder ähnliche Verkleidungen auf: Prinzessinnen, Cowboys, Nonnen oder Priester.

Schörghofer: Die Nonne soll oft die Gegenseite eines Aspekts symbolisieren. Es birgt wohl einen gewissen Reiz da hineinzuschlüpfen. Manche empfinden es als sexy.

Happel: Auch die Teufel und Engel-Kombination kommt häufig vor. Der Fasching hat auch eine starke sexuelle Komponente, die man nicht unterschätzen sollte.

Die Furche: Als was haben Sie sich im Fasching verkleidet?

Happel: Mit 14 musste ich mich entscheiden, ob ich mich gemeinsam mit meinen Freundinnen als Mitglied einer Rock-Band verkleide oder noch einmal als Pippi Langstrumpf gehe. Ich habe mich für Pippi entschieden, weil ich noch einmal Kind sein wollte.

Schörghofer: Ich ging als Bergsteiger und als Indianer.

Die Furche: Verkleiden Sie sich auch heute noch im Fasching?

Happel: Meine Art von Verkleidung besteht darin, in der Faschingszeit einen Ball zu besuchen und ein schönes Kleid anzuziehen. Das finde ich einfach toll!

Schörghofer: Ich spiele gerne mit der Sprache und versuche hier, mit unterschiedlichen und diffizilen "Verkleidungen“ zu arbeiten.

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