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Wird der Hausarzt zum Auslaufmodell?

1945 1960 1980 2000 2020

Ärztekammerfunktionär Johannes Steinhart und Patientenvertreter Gerald Bachinger über die geplanten "Primärversorgungseinheiten", Gangbetten und "Mystery Shopping".

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Ärztekammerfunktionär Johannes Steinhart und Patientenvertreter Gerald Bachinger über die geplanten "Primärversorgungseinheiten", Gangbetten und "Mystery Shopping".

Während am 14. Dezember im Parlament beschlossen wurde, 200 Millionen Euro bis 2020 in den Ausbau von "Primärversorgungseinrichtungen" mit Allgemeinmedizinern und anderen Gesundheitsberufen zu investieren, hat die Österreichische Ärztekammer gegen die "Abschaffung des Hausarztes" gestreikt. Zu Recht? Und was haben Gangbetten damit zu tun? Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der Kammer, und Gerald Bachinger, Sprecher der ARGE der Patientenanwälte Österreichs, haben darüber diskutiert.

Die Furche: Zuletzt gab es Aufregung darüber, dass in Wiener Gemeindespitälern Patienten in Gangbetten untergebracht wurden. Neben der Grippewelle hat Wiens Patientenanwältin Sigrid Pilz den Grund auch darin geortet, dass viele niedergelassene Ärzte auf Weihnachtsurlaub waren...

Johannes Steinhart: Ich hätte der Frau Patientenanwalt empfohlen, vorher ein bisschen Fact-Finding zu betreiben. Erstens ist das Thema Gangbetten ein Ganzjahresthema und zweitens hat es strukturelle Hintergründe. Wenn zu wenig Personal vorhanden ist, müssen eben Zimmer gesperrt werden -das bezieht sich weniger auf Ärzte als auf andere Berufsgruppen. Ich habe selbst 23 Jahre lang als ärztlicher Leiter ein mittelgroßes Spital geführt und weiß, dass man sich hier um entsprechendes Management kümmern muss. Die niedergelassenen Ärzte waren jedenfalls zu zwei Dritteln am 2. Jänner da.

Die Furche: Und davor?

Steinhart: Der 2. Jänner war der Stichtag nach dem Jahreswechsel. Außerdem haben wir in Wien auch vieles durch den Funkdienst abgefangen. Ich selbst bin am 24. als Sanitäter beim Funkdienst mitgefahren, weil Not am Mann war.

Gerald Bachinger: Der Ärztefunkdienst in Wien ist sicher ein wichtiges Angebot. Trotzdem ist auffällig, dass gerade in internen Abteilungen Patienten und Patientinnen liegen, von denen ein großer Teil auch im niedergelassenen Bereich gut hätte behandelt werden können. Insofern sind Gangbetten neben dem offensichtlichen Managementversagen auch ein Symptom dafür, dass man von der Gesamtstruktur her umdenken und den stationären Bereich sowie die Ambulanzen entlasten muss.

Die Furche: Genau zu diesem Zweck sollen verstärkt "Primärversorgungseinrichtungen" (Primary Health Care - PHC) ausgebaut werden. Die Ärztekammer läuft dagegen Sturm. Warum?

Steinhart: Erstens muss man darüber diskutieren, ob das, was jetzt als "Primary Health Care" bezeichnet wird, sinnvoll ist, denn da gibt es viele unterschiedliche Interpretationen. In Wien hat es die ach so blockierende Ärztekammer riskiert, mit dem PHC-Center in Mariahilf ein solches Projekt zu starten (hier arbeiten drei Allgemeinmediziner, zwei Krankenschwestern, eine Diätologin und eine Psychotherapeutin zusammen, Anm.), doch die Umsetzung ist sehr schwierig, weil man von null weg drei Leute finden muss und oft auch gezwungen wird, eine bestimmte Immobilie anzunehmen. Unser Protest richtet sich aber auch gegen eine gewisse Willkür bei der Vergabe. In Niederösterreich gibt es etwa Baufirmen, die solche Zentren errichten wollen!

Bachinger: Nach dem bisherigen Konzept wäre das tatsächlich theoretisch möglich gewesen, doch nach den letzten Beratungen im Gesundheitsausschuss soll die gesetzliche Umsetzung so sein, dass diese Sorge ausgeräumt wird.

Steinhart: Man kann aber auch grundsätzlich diskutieren, ob diese PHC-Einrichtungen für uns so ideal sind. Laut WHO geht es hier ja um eine Basis-Gesundheitsversorgung, doch wir haben die Bevölkerung mit unseren Ordinationen bisher sehr gut versorgen können.

Bachinger: Aber wenn die Struktur so gut ist, hätte man wohl nicht über neue Modelle nachdenken müssen. Und auch für die Ärztekammer war das klar - schließlich sind neben mir vier ihrer Vertreter in der Arbeitsgruppe gesessen, die schon 2014 ein Konzept für die Primärversorgung erarbeitet hat.

Steinhart: Aber ein Papier und seine tatsächliche Umsetzung können sehr unterschiedlich sein

Bachinger: Ja, und es kann auch zu Anlaufschwierigkeiten kommen, wie Sie sie beschrieben haben. Aber im Kern geht es doch um eine Umorientierung von freiberuflich arbeitenden Einzelordinationen hin zu einer Zusammenarbeit auf einer verbindlichen Organisationsgrundlage. Es soll also weiter freiberufliche Ärzte geben, aber sie müssen einen bestimmten Versorgungsauftrag erfüllen und dazu muss es einen übergeordneten Plan geben: Wo braucht es vernetzte Einzelordinationen, wo Gruppenpraxen, wo ein PHC-Center oder ein Ambulatorium? Bisher gibt es für die Ärzte in den Ordinationen keinen Versorgungsauftrag, sondern nur eine Honorarordnung, wo sich jeder aus einem Bauchladen das herausnehmen kann, was er will. Doch so kann ein Gesundheitswesen nicht funktionieren - das führt nur zu dem, was man früher unter Krankenscheinsammeln und Dreiminutenmedizin verstanden hat.

Steinhart: Also wir warnen vor einer Staatsmedizin, die alles von oben bestimmt. Hier wird ärztliches Wissen beiseite gekippt und eine zentrale Steuerung vorgesehen, die meiner Ansicht nach ahnungslos ist. Das hat sich am deutlichsten gezeigt, als die Frau Gesundheitsministerin (Sabine Oberhauser, Anm.) im ORF behauptet hat, in Niederösterreich hätte am Mittwochnachmittag keine Ordination geöffnet. Dabei hat sie über 230 übersehen.

Bachinger: Die These, dass nur die Ärztekammer über "ärztliches Wissen" verfügt, ist aber gewagt

Steinhart: Ich finde das nicht. Die Leute, die momentan agieren, sind ja alle nicht in den Ordinationen, sondern Bürokraten. Wir haben hingegen in Wien schon 100 Gruppenpraxen im Facharztbereich eingerichtet - und hätten noch einmal 80 in der Pipeline, wenn die Sozialversicherung ja sagen würde. Stattdessen machen jetzt Leute am grünen Tisch Vorgaben und öffnen gleichzeitig die Tür, wo jeder herumdoktern kann. Ich will nicht dass aus 200 Ortschaften mit je einem Arzt 40 Orte mit einem fünfköpfigen Zentrum und 160 ohne einen Arzt werden.

Bachinger: Aber niemand will das am Land.

Steinhart: Ich will das auch nicht in der Stadt. Zuletzt hat es geheißen, dass man Wien mit 50 PHC-Zentren überzieht und den Rest nicht mehr braucht.

Bachinger: Aber das ist doch kontrafaktisch! Es geht nur darum, das, was 2014 mit den Ärztevertretern beschlossen worden ist, umzusetzen. Deshalb müssen wir auch nicht zurück an den Start, wie es Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger formuliert hat.

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