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Wo Denker noch an Wunder glauben

Zwischenzeitig als Proletensport abgetan, gilt Fußball heute als Liebkind der Intellektuellen. Michael Krassnitzer über Kicken auf der Metaebene. Künstler tun es, Literaten tun es, Museen tun es, Forscherinnen tun es: Sie alle arbeiten sich am runden Leder ab. Zwar steht das eigentliche Spektakel der UEFA EURO 2008 noch bevor (7. bis 29. Juni), doch schon jetzt kann sich keiner mehr dem Thema Fußball entziehen. Ein Dossier über die "Europhorie" - und die vielen Facetten des Kickens. Redaktion: Doris Helmberger und Thomas Mündle

In Stein gehauen, wachen die Künstlergenies Leonardo da Vinci, Velázquez, Bramante und Tizian vor dem Portal des Wiener Künstlerhauses. Neuerdings jedoch tragen die Ehrfurcht gebietenden Statuen ungewohntes Schuhwerk: Fußballschuhe. Das Künstlerhaus nämlich beherbergt derzeit eine Ausstellung mit dem Titel "herz:rasen", die das Phänomen Fußball von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Die marmornen Malerfürsten sind nicht die einzigen Geistesgrößen, die vom Fußballfieber erfasst sind. Die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft hat Heerscharen von Geistes- und Kulturwissenschaftlern in ihren Bann gezogen, Philosophen und Psychologen ebenso wie Mathematiker und Soziologen, die nun aus ihrer Perspektive Auskunft über das Wesen dieses Massensports geben. Auch die Schriftsteller werden von dem Großereignis zu literarischen und sportlichen Höchstleistungen angespornt: So trafen im Rahmen des zweiwöchigen Literaturfestivals "Doppelpass" die Literaten-Nationalmannschaften von Österreich, Ungarn, Slowenien und der Schweiz aufeinander. Hoffentlich kein Omen für die echte Nationalmannschaft: die ersatzgeschwächten Österreicher belegten den vierten und letzten Platz, Europameister wurden die Ungarn. Und auf der Bühne des Wiener Rabenhofes ergehen sich in "I Furiosi - Die Wütenden" Hardcore-Fußballfans in Aggressionsritualen und Allmachtsphantasien.

Literaten und Proleten

Die Affinität von Künstlern und Intellektuellen zum Fußball hat eine lange Tradition. Friedrich Torberg und Alfred Polgar waren wahre Fußball-Aficionados, deren literarische Verbeugungen vor der österreichischen Spielerlegende Matthias Sindelar, dem Cristiano Ronaldo der Dreißiger, in die Literaturgeschichte eingegangen sind. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam dann eine Phase, in der Fußball als hirnloser Proletensport abgetan wurde und nur ganz wenige Geistesmenschen sich zu ihrer ballesterischen Leidenschaft zu bekennen wagten.

Das hat sich grundlegend geändert. Der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler pflegt seine Liebe zum Fußball ebenso wie der Kunst- und Kultursoziologe Ernst Strouhal. Die Schriftsteller Egyd Gstättner und Franzobel sind nicht nur leidenschaftliche Fans, sondern auch praktizierende Fußballer. Bei der 1:2-Niederlage gegen Slowenien bei der Literaten-EM führte ein Corner Gstättners zum Ehrentor der Österreicher, Franzobel hingegen musste eine herbe Enttäuschung hinnehmen, als er aus der ORF-Fußball-Castingshow "Das Match" hinausflog. Selbst vor Feministinnen macht das Fußballfieber keinen Halt: Marlene Streeruwitz besucht nach eigenen Angaben alljährlich das Finale der Champions League.

Die Begeisterung der Künstler und Intellektuellen für den Fußball treibt oft seltsame Blüten. Bei den Wiener Festwochen spielte im Hanappi-Stadion der Schweizer Künstler Massimo Furlan in der Rolle des Hans Krankl im Alleingang den denkwürdigen 3:2-Sieg Österreichs über Deutschland bei der Fußball-WM 1978 im spanischen Córdoba nach. Ein amüsantes Konzept - aber 90 Minuten lang dabei zuschauen? Richtig schlimm wird es, wenn Literaturwissenschaftler ein Match zu lesen beginnen wie einen literarischen Text oder diverse Kulturwissenschaftler dem Fußball ihre Begrifflichkeiten überstülpen. Da bekommen Räume Konnotationen, Fans werden zu Rezipienten und Erfolge in der Vergangenheit zu Narrativen. Weil es sich bei Fußballern und Sportfunktionären in der Regel um Männer handelt, bleibt man bei der Lektüre solcher Ergüsse wenigstens vom Binnen-I verschont.

Studienobjekt Fußball

Doch das sind Auswüchse. Grundsätzlich ist der Fußball ein geradezu ideales Objekt, an dem sich historische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen auf nachvollziehbare Weise festmachen lassen. Zum Beispiel ist der moderne Fußball ein Musterbeispiel für die wirtschaftliche Globalisierung und die Ökonomisierung jedes Lebensbereiches. Stadien werden heute nicht mehr nach Orten oder Fußballlegenden benannt, sondern nach Wirtschaftskonzernen. Immer mehr Fußballklubs werden von internationalen Finanzinvestoren oder zwielichtigen Oligarchen übernommen, für die Fußball nur ein Geschäft ist, das möglichst viel Gewinn abwerfen soll. Wo der Fan einst Identifikation fand, findet er nun eine am Reißbrett entworfene und ökonomischen Maximen gehorchende Marke.

Natürlich ist der Fußball auch ein "Zerr- und Wunschspiegel jener Gesellschaft, in der er gespielt wird" (Ernst Strouhal). Den zu kurz Gekommenen bietet der Fußball den Trost, wenigstens hin und wieder über den Turbokapitalismus zu triumphieren. Wenn im Besitz von schwerreichen Geschäftsleuten befindliche Mannschaften wie Chelsea London eine Niederlage einfahren, dann freuen sich traditionelle Fußballfans in aller Welt. Auch Migration wird im Fußball sichtbar: Der keine Staatsgrenzen mehr kennende internationale Transfermarkt im Klubfußball und die immer größer werdende ethnische Vielfalt in Nationalmannschaften sind nicht nur sichtbares Zeichen einer multikulturellen Gesellschaft, sondern bringen auch Aufstiegsträume auf den Punkt: vom Slumbewohner zum Superstar.

Ebensogut lässt sich Fußball als Ersatzreligion verstehen. Große Spieler werden wie Heilige verehrt, Trikots, Fußballschuhe oder Rasenstücke aus berühmten Stadien werden wie Reliquien gesammelt, die gemeinschaftlichen Reisen zu den Wettkämpfen gleichen Pilgerfahrten. Gesten, Ikonographie und Rituale bei Fußballmatches lassen Parallelen zur Religion erkennen: Das Hochheben des Pokals nach einem Sieg und das Trinken aus der Siegestrophäe erinnern an die Feier der Eucharistie. Das Wiener Dommuseum stellt in seiner aktuellen Ausstellung "Helden - Heilige - Himmelsstürmer. Fußball und Religion" sakrale Objekte Kultgegenständen aus der Welt des Fußballs gegenüber - der Beitrag der Erzdiözese Wien zum Crossover von Kultur und Fußball.

Auch höchste weltliche Stellen können sich der bevorstehenden Europameisterschaft nicht entziehen: Der Bundespressedienst der Republik Österreich hat einen Band herausgebracht, in dem eine Vielzahl hochkarätiger Autoren zum Thema zu Wort kommt: "Seitenwechsel" wurde von niemandem Geringeren als Bundeskanzler Alfred Gusenbauer präsentiert, der über Fußball ebenso fachmännisch räsonieren kann wie über italienische Spitzenweine. Erhellende historische, politische und soziologische Betrachtungen sind in dem Sammelband ebenso enthalten wie ganz unakademische Betrachtungsweisen und radikal persönliche Zugänge - und hierin offenbart sich die Wahrheit:

Den Fußballfans unter den Künstlern und Intellektuellen geht es im Grunde nur um das Spiel, die literarischen Texte und Multimediaperformances sind ihrer Berufung geschuldete Draufgaben. In Wirklichkeit zählt nur das Runde, das ins Eckige muss. Alles andere ist primär, um Hans Krankl zu zitieren. Auch Künstlern und Intellektuellen geht es um die kindliche Freude am Spiel, den - meist unerfüllten - Bubentraum, einmal alle anderen zu überdribbeln und den Ball unhaltbar ins Kreuzeck zu knallen. Das Fußballstadion ist auch der letzte verbliebene Ort der Welt, wo rationale Menschen noch an Wunder glauben dürfen. Es gehört zur Faszination dieses Sports, dass die - auf dem Papier und auf dem Platz - schlechtere Mannschaft einen übermächtigen Gegner schlagen kann: ein Dorfklub eine Bundesligamannschaft, Sturm Graz Arsenal London, wie im Messestädte-Cup 1970/71 geschehen.

Und schließlich sind es das rauschhafte Kollektiverlebnis und die gemeinschaftliche Ekstase, von der sich auch Künstler und Intellektuelle gerne mitreißen lassen. Inmitten einer jubelnden, singenden Masse zu stehen und womöglich den Sieg des als eigenen betrachteten Teams mitzuerleben - da ist die kritische Haltung gegenüber dem Kollektiv, die man noch am Vorabend bei einer Podiumsdiskussion über die Gefahr eines neuen Faschismus vorgetragen hat, wie weggeblasen. Der Medien- und Kulturtheoretiker Peter Plener lässt im genannten Band "Seitenwechsel" seine gelehrte Abhandlung jäh mit einem Ausflug auf einen Hamburger Fußballplatz enden: "Du lässt Dich fallen und stehst und bist Teil, springst, skandierst, stimmst ein, schreist, ordnest dich dankbar in den Rhythmus ein, applaudierst, brauchst nichts zu erklären, bist am Stehplatz und Teil dessen was zählt: Sankt-Pau-li! Sankt-Pau-li!! Sankt-Pau-li!!! Und dann siehst du, hörst du, verstehst du alles."

In "Fever Pitch", dem Klassiker der modernen Fußballliteratur, versucht der britische Schriftsteller Nick Hornby einen Vergleich für jenes überwältigende Erlebnis zu finden, als seine Mannschaft - Arsenal London - durch ein Tor in letzter Minute die englische Meisterschaft zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder für sich entschied: "Keiner der Augenblicke, die Menschen als die schönsten in ihrem Leben beschreiben, scheint mir vergleichbar zu sein", schreibt Hornby: nicht Sex ("keine 0:0-Unentschieden, keine Abseitsfalle, keine Pokalüberraschungen und dir ist warm"), nicht einmal die Geburt eines Kindes, weil dieser das Element der Überraschung fehle. Der Autor schließt mit einem Plädoyer für Toleranz gegenüber Fußballfans: "Uns fehlt weder die Phantasie, noch haben wir traurige leere Leben; es ist nur so, dass das wirkliche Leben blasser, glanzloser ist und weniger Potential für unerwartete Raserei enthält."

Natürlich ist der Fußball auch ein "Zerr- und Wunschspiegel jener Gesellschaft, in der er gespielt wird" (Ernst Strouhal). Den zu kurz Gekommenen bietet der Fußball den Trost, wenigstens hin und wieder über den Turbokapitalismus zu triumphieren. Wenn im Besitz von schwerreichen Geschäftsleuten befindliche Mannschaften wie Chelsea London eine Niederlage einfahren, dann freuen sich traditionelle Fußballfans in aller Welt. Auch Migration wird im Fußball sichtbar: Der keine Staatsgrenzen mehr kennende internationale Transfermarkt im Klubfußball und die immer größer werdende ethnische Vielfalt in Nationalmannschaften sind nicht nur sichtbares Zeichen einer multikulturellen Gesellschaft, sondern bringen auch Aufstiegsträume auf den Punkt: vom Slumbewohner zum Superstar.

Ebensogut lässt sich Fußball als Ersatzreligion verstehen. Große Spieler werden wie Heilige verehrt, Trikots, Fußballschuhe oder Rasenstücke aus berühmten Stadien werden wie Reliquien gesammelt, die gemeinschaftlichen Reisen zu den Wettkämpfen gleichen Pilgerfahrten. Gesten, Ikonografie und Rituale bei Fußballmatches lassen Parallelen zur Religion erkennen: Das Hochheben des Pokals nach einem Sieg und das Trinken aus der Siegestrophäe erinnern an die Feier der Eucharistie. Das Wiener Dommuseum stellt in seiner aktuellen Ausstellung "Helden - Heilige - Himmelsstürmer. Fußball und Religion" sakrale Objekte Kultgegenständen aus der Welt des Fußballs gegenüber - der Beitrag der Erzdiözese Wien zum Crossover von Kultur und Fußball.

Nur das Spiel zählt

Auch höchste weltliche Stellen können sich der bevorstehenden Europameisterschaft nicht entziehen: Der Bundespressedienst der Republik Österreich hat einen Band herausgebracht, in dem eine Vielzahl hochkarätiger Autoren zu Wort kommt: "Seitenwechsel" wurde von niemandem Geringeren als Bundeskanzler Alfred Gusenbauer präsentiert, der über Fußball ebenso fachmännisch räsonieren kann wie über italienische Spitzenweine. Erhellende historische, politische und soziologische Betrachtungen sind in dem Sammelband ebenso enthalten wie ganz unakademische Betrachtungsweisen und radikal persönliche Zugänge - und hierin offenbart sich die Wahrheit:

Den Fußballfans unter den Künstlern und Intellektuellen geht es im Grunde nur um das Spiel, die literarischen Texte und Multimediaperformances sind ihrer Berufung geschuldete Draufgaben. In Wirklichkeit zählt nur das Runde, das ins Eckige muss. Alles andere ist primär, um Hans Krankl zu zitieren. Auch Künstlern und Intellektuellen geht es um die kindliche Freude am Spiel, den - meist unerfüllten - Bubentraum, einmal alle anderen zu überdribbeln und den Ball unhaltbar ins Kreuzeck zu knallen. Das Fußballstadion ist auch der letzte verbliebene Ort der Welt, wo rationale Menschen noch an Wunder glauben dürfen. Es gehört zur Faszination dieses Sports, dass die - auf dem Papier und auf dem Platz - schlechtere Mannschaft einen übermächtigen Gegner schlagen kann: ein Dorfklub eine Bundesligamannschaft, Sturm Graz Arsenal London, wie im Messestädte-Cup 1970/71 geschehen.

Und schließlich sind es das rauschhafte Kollektiverlebnis und die gemeinschaftliche Ekstase, von der sich auch Künstler und Intellektuelle gerne mitreißen lassen. Inmitten einer jubelnden, singenden Masse zu stehen und womöglich den Sieg des als eigenes betrachteten Teams mitzuerleben - da ist die kritische Haltung gegenüber dem Kollektiv, die man noch am Vorabend bei einer Podiumsdiskussion über die Gefahr eines neuen Faschismus vorgetragen hat, wie weggeblasen. Der Medien- und Kulturtheoretiker Peter Plener lässt im genannten Band "Seitenwechsel" seine gelehrte Abhandlung jäh mit einem Ausflug auf einen Hamburger Fußballplatz enden: "Du lässt Dich fallen und stehst und bist Teil, springst, skandierst, stimmst ein, schreist, ordnest dich dankbar in den Rhythmus ein, applaudierst, brauchst nichts zu erklären, bist am Stehplatz und Teil dessen, was zählt: Sankt-Pau-li! Sankt-Pau-li!! Sankt-Pau-li!!! Und dann siehst du, hörst du, verstehst du alles."

AUSSTELLUNGS- UND BUCHTIPPS:

HERZ:RASEN - Die Fußballausstellung

Künstlerhaus Wien, bis 6. Juli

www.technischesmuseum.at

HELDEN - HEILIGE - HIMMELS-

STÜRMER. Fußball und Religion

Dommuseum Wien, bis 22. September

www.dommuseum.at

WO DIE WUCHTEL FLIEGT. Legendäre Orte des Wiener Fußballs, Wien

Museum Karlsplatz, bis 3. August

www.wienmuseum.at

SEITENWECHSEL

GESCHICHTEN VOM FUSSBALL

Hrsg. von Samo Kobenter und Peter Plener. Bohmann Verlag, Wien 2008,

238 Seiten, brosch., € 9,90

ALS ICH EINMAL HARREITHER IN DER DUSCHE INTERVIEWTE. 11 Texte zum österreichischen Fußball. Von Wendelin Schmidt-Dengler und Andreas Weber (Hg.). Otto Müller Verlag, Salzburg/Wien 2008, geb., 154 Seiten, € 19,-

FEINE FALLRÜCKZIEHER. Kleine Fußball-Kunststücke. Von Egyd Gstättner.

Pichler Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt 2008, 240 Seiten, geb., € 19,95

FRANZOBELS GROSSER FUSSBALLTEST. Mit 50 Illustrationen von Gerhard Haderer und Beiträgen von Richard Reich. Picus Verlag, Wien 2008, 239 Seiten, geb., € 16,90

EUROFIEBER. Das offizielle Buch des ÖFB. Von Peter Linden und Peter Klöbl. Band 1: Der Countdown. Pichler Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt 2008, 239 Seiten, geb. € 29,95

Band 2 (Das Turnier) erscheint im Juli.

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