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Wo der Islam zur Gewaltorgie verkommt

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Drei Neuerscheinungen bieten Hintergründe zu rationaler Auseinandersetzung mit islamistischer Gewalt: das kommentierte Manifest von IS-Dschihadistinnen, Einblicke in den Aufstieg der Terror-Miliz Boko Haram in Nigeria sowie die Neuauflage eines Klassikers zum Thema.

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Drei Neuerscheinungen bieten Hintergründe zu rationaler Auseinandersetzung mit islamistischer Gewalt: das kommentierte Manifest von IS-Dschihadistinnen, Einblicke in den Aufstieg der Terror-Miliz Boko Haram in Nigeria sowie die Neuauflage eines Klassikers zum Thema.

Medial geradezu flächendeckend scheinen zurzeit die Berichte über islamistisch geprägte Gewalt. Auch das aktuelle Flüchtlingsproblem in Europa hat mit jener Gewaltwelle zu tun, die in den letzten beiden Jahren den Nahen und Mittleren Osten sowie einen Gutteil Afrikas in Atem hält, und die - siehe die Anschläge gegen Charlie Hebdo - längst nicht vor Europa haltmacht.

Die Entwicklung verläuft rasant, so schnell, dass eine seriöse publizistische Auseinandersetzung und Hintergrundinformation, die naturgemäß Zeit brauchen, damit kaum Schritt halten können. Erfreulicherweise gibt es aber zurzeit einige Neuerscheinungen, die das dringend Benötigte liefern können.

Das Dschihadistinnen-Manifest

Eine publizistische Großtat ist dabei das als Herder-Taschenbuch aufgelegte Büchlein "Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen". In dem Band wird das Manifest der Al-Khanssaa-Brigade dokumentiert, das den (idealen) Alltag der Frauen im "Islamischen Staat" beschreibt. Es ist wichtig, solch ein Dokument, das mutmaßlich von europäischen Frauen (vermutlich in Großbritannien und Frankreich aufgewachsen), die nun im "Islamischen Staat" leben, verfasst wurde. Eine Propagandaschrift, die das "behütete" Leben der Frauen im IS schildert und gegen die schlechten Bedingungen für Frauen im Westen polemisiert. Mithilfe von Koran-und Hadit-Zitaten, wird eine Unterordnung der Frau unter den Mann argumentiert und dargestellt, dass dies viel besser für die Frauen ist. Dazu wird das "blühende" Leben in "befreiten" Städten wie dem syrischen Raqqa oder dem irakischen Mossul dargestellt. Ausführlich geht es um das, was Mädchen und Frauen lernen dürfen, und wie sie leben sollen.

Immer wieder polemisiert das Manifest gegen die westliche "Wissenschaft" (ohne genauer zu definieren, was da gemeint ist) und stellt dem ein direkt aus dem Koran abgeleitetes ideales religiöses Wissen gegenüber. Ein nicht zu überbietendes Beispiel sunnitisch geprägten Fundamentalismus stellt das Manifest dar, das allein für sich besehen sehr aufschlussreich ist, um die Denkungsart der Islamist(inn)en, die dahinter stecken, zu entschlüsseln.

Warum der Text auch im arabischen Original abgedruckt wurde, bleibt ein wenig rätselhaft - dem Leser bringt dies kaum Nutzen. Aber mindestens ebenso verdienstvoll ist, dass die iranisch-deutsche islamische Theologin Hamideh Mohagheghi von der Universität Paderborn das IS-Kämpferinnen-Manifest kommentiert.

Mit wenigen Strichen entlarvt Mohagheghi dieses als ideologisches Machwerk, das, wie alle Fundamentalismen, Teilaussagen einer Religion zur Legitimation des gewalttätigen Weltbildes verwendet. Jede Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Andersdenkenden - weder in der eigenen Religion noch schon gar mit dem Gottseibeiuns namens Westen, wird abgelehnt und als gegen den "rechten" Islam gerichtet gebrandmarkt. Dennoch zeigt Mohagheghi auf, warum gerade ein derartiges, schon in seiner Wortwahl gewalttätiges Manifest auf entwurzelte Musliminnen in Europa solch eine Anziehungskraft ausübt - obwohl Berichte von tatsächlich im IS lebenden Europäerinnen ganz anders tönen als die verklärte Darstellung dortigen Lebens vermuten lässt.

Der Hintergrund zu Boko Haram

Mindestens so aufschlussreich ist die gründliche Darstellung der Lage Nigerias in "Boko Haram. Der Vormarsch des Terror-Kalifats". Das Buch des amerikanischen Journalisten Mike Smith, der als AFP-Korrespondent in Nigeria lebte, ist eine Pflichtlektüre für Zeitgenossen, denn hierzulande weiß man über Boko Haram bloß, dass sie Kirchen niederbrennen oder ein ganzes Mädcheninternat entführen und vergleichbare Gräueltaten wie der IS begehen.

Doch Boko Haram entstand nicht im luftleeren Raum, sondern ist das grausame - vorläufige - Ende einer Gewalt- und Devastierungsgeschichte, die Nigeria seit Jahrzehnten plagt. Wie der bevölkerungsreichste Staat Afrikas mit der mittlerweile größten Volkswirtschaft des Kontinents es geschafft hat, zu einem "Failed State" zu verkommen, das schildert Smith ebenso akribisch wie den Aufstieg sozialer Protest- und religiöser Reformbewegungen, die dann in den kruden Gewaltorgien von Boko Haram ihren Tiefpunkt erreichten.

Viel spielt dabei die grassierende Korruption eine Rolle sowie der durchgängig fehlende Wille der Eliten, zur Befriedung des Landes auch an der ökonomischen Gerechtigkeit zu arbeiten. Trotz Ölreichtum lebt das Gros der Bevölkerung Nigerias in bitterster Armut, abgesehen davon, dass auch die ethnischen und religiösen Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden ihr Übriges tun, damit die Lage weiter eskaliert. Es reicht keineswegs, das wird nach der Lektüre von Smiths nüchtern und dennoch aufwühlend geschriebenen Buch klar, das Problem "Boko Haram" unter dem Label "Christenverfolgung" oder unter der Prämisse einer "Gewalttätigkeit" des Islams an sich zu betrachten: Es gibt viele Ursachen für die Gräuel in Nigeria, die Sachlage ist extrem komplex - schon allein von daher scheint eine schnelle Befriedung des Landes undenkbar.

Der prägnante Klassiker

Dieser Tage ist auch ein Klassiker zum Thema aktualisiert erschienen. Unmittelbar nach 9/11 war "Terror in Allahs Namen" des Berliner Islamwissenschafters Peter Heine der erste Versuch in Buchform, Hintergründe der Anschläge von 2001 zu erhellen. Was damals begann, setzt sich bekanntlich bis heute fort. So erscheint Heines Buch, dessen Manuskript unmittelbar nach dem Attentat auf Charlie Hebdo Anfang 2015 fertig wurde, als eine Chronik der Hintergründe islamisch-religiös verbrämter Gewalt, wie sie sich seit der Jahrtausendwende manifestiert.

Frauen für den Dschihad

Das Manifest der IS-Kämpferinnen. Komm.

von Hamideh Mohagheghi. Herder 2015.

144 S., kt. € 15,40

Boko Haram

Der Vormarsch des Terror-Kalifats.

Von Mike Smith. C. H. Beck 2015.

288 S., kt. € 15,40

Terror in Allahs Namen

Hintergründe der globalen islamistischen Gewalt.

Von Peter Heine. Herder 2015.

224 S., kt. € 13,40

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