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Wo Gott in Holland - noch - wohnt

Katholische Kirche und "freischwebende" Christen in den Niederlanden. Ein Lokalaugenschein von Otto Friedrich.

Kleines Wort flüchtig / leergefluchtes Wort / Gott / sei kraftvoll / steh auf / jetzt lebendiger Name / Kyrie eleison.

Gut 150 Leute zählt die Gemeinde der Amsterdamer "Studentenekklesia", die sich im Kulturzentrum "Rode Hoed" zum Sonntagsgottesdienst versammelt hat und Lieder wie dieses von Huub Oosterhuis singt. Kees Kok, rechte Hand des niederländischen Dichters, steht der Feier vor und liest Gebetstexte von Oosterhuis, eine junge Frau, Geeske Hovingh, hält die Predigt. Eine "freischwebende" Gemeinde ist die Studentenekklesia, aus katholischer Tradition kommend, aber schon bald 40 Jahre eigene Wege gehend wie andere Gemeinden in Amsterdam - jene in der nahen Dominicuskerk oder in der Kirche De Duif (Seite 11 unten). Der Vorsteher trägt kein liturgisches Gewand, ein etwa 25-köpfiger Chor dominiert vorne und singt die Oosterhuis-Lieder vor, die Gemeinde stimmt in den Gesang ein.

Urbanes Publikum, nicht mehr ganz jung, aber bei weitem nicht "überaltert". Der Name "Studentenekklesia" täuscht: Hier hat Huub Oosterhuis Anfang der 60er Jahre als Jesuit und Studentenseelsorger begonnen, jetzt, Jahrzehnte später sind längst Nachfolgegenerationen am Werk. Der Name der Gemeinde ist geblieben.

Die Kinder gehen zur Predigt in einen Nebenraum und feiern separat - sie kommen wieder und helfen beim Austeilen von Brot und Wein mit, besonders berührend der Bub mit dem Downsyndrom, der die Kelchkommunion reicht.

Niederländische Zustände

Niederländische Kirchen-Zustände. "Freie" Gemeinden, die sich kaum einen Deut um Direktiven der Zentrale scheren. So lauteten die Alpträume der römischen Zentrale. Für den Besucher aus dem Süden war Holland lang ein "Vorreiter" kirchlicher Entwicklung: 20 Jahre Vorsprung vor der Säkularisierung hierzulande; 20 Jahre, bevor Rom Österreichs Kirche durch konservative Bischöfe auf Vordermann zu bringen suchte, waren die Niederlande an der Reihe. Utrecht hat seit kurzem einen neuen Erzbischof: Willem Ejik, der neue oberste katholische Kirchenmann der Niederlande, kommt aus der Kaderschmiede von Bischof Gijsen, damals der konservativste der Hirten im Land.

Zehn Jahre vor dem Kirchenvolks-Begehren in Österreich ist hier die 8.-Mai-Bewegung entstanden: Der Protest gegen den Ausschluss kritischer Katholiken vom Papstbesuch am 8. Mai 1985 wuchs sich zur landesweiten Reforminitiative aus. Irgendwann in den 90er Jahren ist die Großhallen füllende Bewegung wieder entschlafen.

Huub Oosterhuis, der Erneuerer der religiösen Sprache nicht nur in den Niederlanden ist immer noch präsent - in der katholischen wie der reformierten Kirche. Mehrere seiner Lieder - etwa "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" - haben Eingang ins deutschsprachige "Gotteslob" gefunden, in den 70er Jahren hat der heutige Furche-Kolumnist Peter Pawlowsky viele Oosterhuis-Texte ins Deutsche übersetzt. In Limburg, im konservativen Süden, wurden seine Lieder aber aus dem katholischen Gesangsbuch getilgt. Nicht fromm genug, hat der dortige Bischof gemeint.

Im Mai beging Oosterhuis sein 50-jähriges Dichterjubiläum: 1958 hat er sein erstes Lied (Interview Seite 11), und mit einem "Goldenen Liedtag" wurde das in der Nieuwe Kerk in Amsterdam gefeiert: Chöre aus dem ganzen Land sangen Oosterhuis-Lieder, das öffentlich-rechtliche Fernsehen strahlte das Ereignis zur Primetime aus.

Weitgehend säkularisiert

Dennoch: In den Niederlanden ist die Säkularisierung weit fortgeschritten: Gab es 1950 in Amsterdam noch 55 Prozent Christen (schon für die damalige Zeit eine exorbitant geringe Zahl), so sind es heute weniger als 20 Prozent: Gerade noch 25.000, drei Prozent der Amsterdamer, besuchen regelmäßig den Sonntagsgottesdienst. Der holländische Historiker James Kennedy präzisierte vor den Teilnehmern des ASEM-Interfaith-Dialogue (Seite 11, unten) diese Zahlen: Demnach leben in der Hauptstadt bereits 17 Prozent Muslime, während die traditionellen Kirchen - Reformierte und Katholiken weiter abnehmen.

Eine Fahrt in den katholischen Süden des Landes an die Universität Tilburg zu Henk Witte. Der Theologe analysiert: Bis Mitte der 90er Jahre gab es starke Polarisation in der katholischen Kirche - hier äußerst konservative Bischöfe mit ihren romtreuen Katholiken, dort "Konzilsbewegte" wie die 8.-Mai-Bewegung. Diese Entwicklung ist nach den Worten Wittes vorbei: Die Kerngruppe der 8.-Mai-Bewegung sei weit über 70. Die Jungen von heute wüssten nichts mehr vom Aufbruch und den - enttäuschten - Hoffnungen des II. Vatikanums.

Die Polarisierung sei neuen Gegebenheiten gewichen. Zusätzlich leidet die katholische Kirche unter einer riesigen Finanzkrise, sodass traditionelle Strukturen (etwa Dekanate) unfinanzierbar werden; auch Pfarren müssen (Stichwort: Priestermangel) in großem Stil zusammengelegt werden. Witte nennt für die katholische Kirche ähnliche Zahlen wie für die Christen Amsterdams: Mitte der 60er Jahre waren 66 Prozent der Katholiken aktiv, 2006 nur mehr 7,5 Prozent. Solche Zahlen, so Witte, erfordern eine radikale Organisationsreform. Dabei treten interessante Facetten für die Seelsorge zu Tage: Während die Taufen oder Hochzeiten massiv zurückgegangen sind, bleiben die Beerdigungen seit Jahrzehnten gleich. Witte: "Heute hat ein Priester vielleicht vier Hochzeiten im Jahr, aber nach wie vor zwei Beerdigungen in der Woche …"

Insgesamt konstatiert Henk Witte einen grundlegenden Wandel unter den Katholiken: Seine Generation sei noch "katholisch" aufgewachsen, und im Gefolge des Konzils habe die Frage dominiert: "Können wir noch freier katholisch sein?" Man habe versucht, ein möglichst individuelles Christsein zu entwickeln. Die junge Generation von heute kenne das alles einfach nicht mehr; über Kirche und Glaube wisse man "bestenfalls etwas von Opa und Oma".

Theologe Witte: "Für diese Generation ist der Ausgangspunkt nicht die Kirche, sondern die Welt." Die jungen Leute würden aus dieser Perspektive heraus nach Gott fragen. Oder: Wie schaut ein christlicher Lifestyle heute aus? Dazu trage auch gesellschaftlicher Wandel bei. Vor 30 Jahren habe man sich etwa für Menschen in Lateinamerika eingesetzt. "Heute hingegen", analysiert Witte, "sind diese Menschen als Migranten hier im Land." Die Frage "Wie mit Fremden umgehen?" stelle sich hier und heute, unmittelbar und konkret.

Schonungslose Analyse

Ende des letzten Jahres machte ein Dokument niederländischer Dominikaner Furore, das schonungslos eine triste pastorale Situation in den Pfarren analysiert. Das Dominikaner-Papier plädiert deshalb für die Aufhebung des Pflichtzölibats und für die Weihe bewährter Gemeindeleiter - auch Frauen! - zu Priestern. Selbstredend dass dieses Dokument in Rom erneut die Ablehnungsmaschinerie in Gang setzte. Für Henk Witte ist dies alles aber nicht wirklich brisant: Hier habe sich wieder die alte Konzilsgeneration zu Wort gemeldet. Deren Anliegen sieht der Tilburger Universitätstheologe wohl. Dennoch sei das alles aber "längst Vergangenheit". Auch Kees Kok, der Theologe in der Amsterdamer Studentenekklesia, der das Dominikaner-Dokument begrüßt, konzediert, dass dies alles aus dem Dunstkreis der 8.-Mai-Bewegung stammt. Und die gibt es ja als "Bewegung" eben nicht mehr.

Für Henk Witte sind andere Herausforderungen dringlich: Die geringere Bindung mache Religion und Ritualität zu einem offenen Markt, auf dem sich die Kirche bewähren müsse. Und was Witte bei der Hierarchie Sorge macht, sind nicht die kirchlichen "Kampfthemen" der 70er Jahre, sondern eine Kombination von Anti-Intellektualismus, Konservativität und Gefühlschristentum, der manche an seiner Kirchenspitze frönten.

Den nicht kirchlich gebundenen Theologen Kees Kok in der Amsterdamer Studentenekklesia, interessiert die katholische Hierarchie längst nicht mehr. Er versucht vielmehr, mit Huub Oosterhuis als geistlichem und poetischem Inspirator, die Bibel und vor allem deren politische Dimension zur Sprache zu bringen: Folgerichtig, dass im Gottesdienst der Studentenekklesia die Gemeinde eine Vaterunser-Paraphrase von Oosterhuis singt:

Dort im Himmel, unser Vater, / einem Himmel, der zu hoch ist - / warum bist du nicht auf Erden, / hier jetzt, Gott in Menschen, Frieden? // Bist du Gott und nicht imstande, / Mord und Totschlag zu verhindern? / Warum gibst du uns die Freiheit, / dass wir Menschen leiden lassen? // Reiß auf die Wolken, komm uns befreien.

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