Wo Öl ins Feuer gegossen wird

Der einzige Völkermord seit 1945 in Europa jährt sich zum 20. Mal: Am 11. Juli 1995 überrannten serbische Truppen unter dem Kommando von Ratko Mladi´c die UNO-Schutzzone Srebrenica und ermordeten über 8000 muslimische Männer und Burschen. Zum 20. Jahrestag ist eine Gedenkveranstaltung geplant, zu der zehntausende Teilnehmer erwartet werden. Unter ihnen ist auch der frühere US-Präsident Bill Clinton, der nach dem dreieinhalbjährigen Bosnienkrieg und der Belager ung Sarajewos 1995 das Friedensabkommen von Dayton vermittelte.

Srebrenica wurde seither zum Synonym für das Versagen der internationalen Gemeinschaft -und für die Niederlande zum nationalen Trauma. Die niederländische UNO-Einheit Dutchbat, bestehend aus 400 teils unbewaffneten Soldaten, hätte die tausenden muslimischen Flüchtlinge beschützen sollen, ergab sich aber kampflos den Serben. Später wurden die Blauhelme "Feiglinge" geschimpft, fühlten sich aber von der UNO im Stich gelassen, die die angeforderte Luftunterstützung nicht gewährt hatte. Im Vorjahr urteilte ein Zivilgericht in Den Haag, dass die Niederlanden am Tod von 300 ermordeten Bosniaken mitschuldig sind.

Durch eine UNO-Resolution zum 20. Jahrestag des Massakers soll der 11. Juli zum Tag der Erinnerung an die Ermordeten erklärt werden. Nicht nur in Serbien und in der Republika Srpska, dem serbisch dominierten Landesteil von Bosnien-Herzegowina, sondern auch im pro-serbischen Russland sorgt die britische UN-Initiative für Aufregung.

Mehrheit der Serben verurteilt Massaker

Der für seinen Separatismus bekannte Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, spricht sich ebenso gegen die UNO-Resolution aus wie Serbiens Premier Alesksandar Vuci´c. Dieser war allerdings während des Bosnienkrieges Teil des politischen Systems in Serbien, das den Genozid erst ermöglichte. Er schützte auch noch ein Jahrzehnt nach dem Massaker die bosnischen Serbenführer Ratko Mladi´c und Radovan Karadzi´c, die wegen Völkermordes noch immer in Den Haag vor Gericht stehen. Indessen ist in Belgrad das Interesse an einer vom serbischen Journalisten Dusan Masi´c initiierten Srebrenica-Gedenkaktion gering. Zumindest verurteilt heute die Mehrheit der serbischen Bevölkerung laut einer Umfrage das Massaker als "massives Verbrechen".

Die Spuren des Krieges sind in Bosnien-Herzegowina noch immer sichtbar. Das Land schneidet in punkto Korruption (Platz 80 von 175) und Arbeitslosigkeit (45 Prozent) miserabel ab -die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 67 Prozent die höchste in Europa. Von einem gescheiterten Staat will der Völkerrechtler und Südosteuropa-Experte Wolfgang Benedek von der Uni Graz dennoch nicht sprechen, sehr wohl aber von einem fragilen Staat: "Laut Verfassung sind zwar alle Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina gleichberechtigte Völker. In der Praxis regieren die Serben in der Republika Srpska allein, während es in Bosnien-Herzegowina nur eine kleine Gruppe von Serben und Kroaten gibt. Das Konfliktpotenzial liege in der unterschiedlichen Interpretation der Kriegserfahrungen. "Die Serben sehen vor allem die Zeit vor dem Massaker und dass es Kriegsverbrechen von bosnischer Seite gab", so Benedek. Die bosniakischen Hinterbliebenen der Srebrenica-Opfer haben noch immer keine entsprechende Entschädigung erhalten. "Für sie muss mehr getan werden", fordert Benedek, der 1992 zu Kriegsausbruch umfangreiche Hilfs-und Kooperationsaktivitäten zugunsten von Universitäten im ehemaligen Jugoslawien entwickelte. "Das Problem ist, dass der Konflikt und seine Ursachen zu politischen Zwecken immer wieder hochgespielt werden von den nationalen Parteien", kritisiert Benedek. Er hofft auf den Erfolg von RECOM (Regional Commission), einem regionalen Zusammenschluss von NGOs und Kriegsopfer-Verbänden, der mit einer unabhängigen Wahrheitskommission die Kriegsverbrechen aufklären und Raum für die Geschichten der Opfer schaffen will.

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