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wofür bist du bereit zu sterben?

wofür sind wir bereit, gleichsam auf die barrikaden zu steigen und es auch mit hohem persönlichen einsatz zu verteidigen? unter umständen sogar mit der waffe?

was soll nachdenklicher stimmen? der umstand, daß diese frage wieder einmal gestellt wird oder die tatsache, daß man darauf nicht mehr klar zu antworten vermag.

wer fragt überhaupt, wer hat das recht dies zu tun? wir natürlich, eine gesellschaft sich selber. der topf ist groß und die suppe dick, da spürt das einzelne karottenscheibchen den pfeffer nicht. diese zahnlose art sich selbst zu fragen "wir sind doch wohl noch menschen?" und die antwort wie im kasperltheater: zwar kein einhelliges "ja", ein "ja, aber" vielleicht, flankiert von wortgebirgen über moral und werteverlust, wertewandel und anderen wuchtigen schlagworten; alles wie gehabt. zufrieden, betäubt von den sich selbst gespendeten weihrauchschwaden, wartet man dann bis es wieder an der zeit scheint, die frage vorwurfsvoll, mahnend, belehrend, zum jeweiligen sittenbild passend halt, in den raum zu werfen. gerade dieses pathetische umdenbreireden hat ihn kalt werden lassen!

warum nicht unverblümt die frage an den einzelnen: "wofür bist du bereit zu sterben?", denn nichts anderes bedingt dieses nachgestellte, leicht verschämt wirkende "unter umständen sogar mit der waffe". doch das scheint nicht möglich, weil es unpopulär ist, auszusprechen was wesentlich ist. in unserer gesellschaft hat der auf preisschilder geschriebene wert die funktion der orientierungshilfe den klassischen werten abgenommen. wörter wie toleranz, vernunft oder glaube sind nicht aus der kommunikation verschwunden, sie kommen aber nur mehr als buchstaben über die lippen. sie zu denken, zu reden, schafft nichts mehr, an das man sich klammern könnte. die verschwommene art, in der sich die diskussion über moral und wertvorstellung im kreis dreht, schwebt abgehoben wie eine fata morgana über unseren köpfen, und wir haben angst ,uns lächerlich zu machen, wenn wir auf sie zeigten. der bedeutungsinhalt dieser begriffe ist verblaßt, scheint zurückgeblieben in einer zeit, deren sprache uns altmodisch und fremd geworden ist. sosehr diese erste-welt-gesellschaft ihre tugenden und laster auch kultiviert haben mag, den umgang mit ihren wertmaßstäben hat sie irgendwann in seinen alten kleidern stecken lassen, während sie sich stetig neue übergestreift hat.

"für was sind wir bereit zu sterben?" wer hat eine antwort darauf? man? wir? die anonymität der masse schluckt den schmerz, der erst spürbar wird, wenn ich die frage an mich selbst richte und nicht beantworten kann.

fast fiele ich in die versuchung, neidisch nach ländern zu schielen, in denen solche fragen einfacher zu beantworten zu sein scheinen. studenten stellen sich vor panzer, menschen lassen sich zum krüppel schlagen, werden getötet wegen ihrer überzeugungen, sie kämpfen um ihr heimatland, um freiheit, um demokratie und wissen um das risiko, dabei ihr leben verlieren zu können. sie sehen einen sinn darin. solche bedingungen und gedankengänge sind dem großteil von uns fremd und kaum oder gar nicht nachvollziehbar. wir haben sie wegindustrialisiert, wir haben uns ein umfeld von wohlstand und sicherheit geschaffen, und es hat seine berechtigung. wir dürfen in frieden und reichtum leben und nehmen es als selbstverständlichkeit hin. wir haben uns arbeitsteilig organisiert, spezialisiert, hochtechnologisiert und vor allem kosten-nutzenoptimiert.

gerade deshalb wieder: "wofür bin ich bereit, mein leben zu geben?", eben weil diese radikalste frage aus diesem existentiellen themenkomplex den zwiespalt am deutlichsten erkennen läßt, in dem wir stecken. weil es obszön scheint zu fragen, wegen wem oder was man bereit sei, sein leben, dessen wert, trotz aller menschlicher versuche das gegenteil zu beweisen, als unschätzbar gilt, hinzugeben. in einer welt, in der beängstigend vieles ein währungszeichen, ein komma und mehr oder weniger viele stellen davor und danach hat, in einer welt, in der alles an seinem nutzen, an seiner produktivität gemessen werden möchte.

was bringt es mir, was habe ich davon, wenn ich sterbe? ich? immer nur ich? hier wird das vakuum spürbar, das sich durch die vernachlässigte adaption des werteverständnisses gebildet hat. die fragen nach dem wozu, dem richtigen, dem letztendlich gültigen tauchen unausweichlich auf, bei jedem. findet er keine, seiner art sich zu artikulieren entsprechende grundlage mit dieser thematik umzugehen, sondern ein antiquariat von ihm altmodisch, ja lächerlich erscheinenden deutungsschablonen, verdrängt er diesen aspekt des daseins aus seinem alltag. genau dorthin gehört dieser spiegel aber gestellt. eine hightechgesellschaft steht nicht im widerspruch zu uralten menschlichen verhaltensnormen; im gegenteil, sie braucht sie mehr denn je, um sich nicht in ihrer eigenen vielfalt zu verlaufen.

es gilt, die korrespondenz zwischen beiden zu beleben, in einem zeitgemäßen vokabular, angepaßt an die herrschende atmosphäre. die moderne in ihrer vorliebe für imaginäre räume müßte doch empfänglich sein für diese virtuellen geschenke, die den menschen seit jeher begleitet haben. der mensch muß sich in seinem bestreben, in der individualität die verwirklichung seines daseins zu finden, auch klar über die verantwortung werden, die er dabei mitzunehmen hat. daß er sie nicht an ein anonymes "wir" oder "sie" weiterreichen kann, daß er die barrikaden in sich selbst erkennt und sie wegräumt, nicht erklimmt. die egoismusgrenze soll keine verteidigungslinie sein, sondern eine marke, die zu überspringen versucht werden sollte. wenn die anwendung von wertmaßstäben, und jeder mensch hat sie, wenn ihr denken, ihre aussprache wieder eingang findet in scheinbar banalen alltagskram, erübrigt sich die sorgenvolle fragerei nach dem zu fahrenden kurs. viele kleine steuermänner werden verwundert feststellen, daß ihre boote in dieselbe richtung weisen.

Christian Aichner Den sechsten Platz im Essay-Wettbewerb 1998 hat ein junger Mann errungen, der sich konsequent der Kleinschreibung bedient. Da er leider für die Furche seit der Juryentscheidung nicht erreichbar war, besitzen wir von ihm kein Foto. Christian Aichner gehört dem Geburtsjahrgang 1972 an und studiert an der Technischen Universität Wien Architektur.

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