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Ulrich Beck kritisiert den entfesselten Kapitalismus.

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Ulrich Beck kritisiert den entfesselten Kapitalismus.

Was über die Ökonomie in unser Leben drängt, macht die Notwendigkeit immer deutlicher, seiner Herr zu werden. Unter dem Titel "Freiheit oder Kapitalismus - Gesellschaft neu denken" diskutieren darüber Ulrich Beck und Johannes Willms. Der Soziologe und der Historiker arbeiten an einer Sicht der Herausforderungen durch die Globalisierung. Der Soziologe Beck sucht Klarheit darüber, was heute die Aufgaben der Soziologie sind. Der Historiker Willms stellt ihm die Fragen.

Ist der Neoliberalismus eine Frucht des Kalten Krieges, auch eine Reaktion auf Marx, mit dem geistigen Rüstzeug des Adam Smith? Also purer Leichtsinn? Dem stellt Beck sein Konzept der zweiten Moderne entgegen. Für ihn haben wir es mit keinem politischen Prozess, keinen menschlichen Entscheidungen zu tun. Die Probleme werden einzeln verhandelt, erzeugen aber erst im Zusammenwirken die Situation, auf die wir nicht vorbereitet sind. Es gehe um Veränderungen, deren Ursachen "im Rahmen der bisherigen Modernisierungsdynamik angesiedelt sind" und um eine "Grundlagenveränderung", die uns zwingt, "neue Begriffe im Bereich der Gesellschaftswissenschaften, aber auch neue politische Institutionen zu entwickeln".

Der "nationalstaatliche Container", wie Beck es nennt, werde vom "banalisierten Kosmopolitismus" durchlöchert, der den alltäglichen Nationalismus unterläuft. In der "Versammlung verschiedener Kulturen" besitze der Westen nicht mehr die exklusive Definitionsmacht. Der Soziologe warnt vor drei Gefahren. Zunächst vor einer Art "postmodernem Nationalismus, mit dem nicht nur der alte Nationalismus wieder belebt werden würde". Dann warnt er vor dem Globalismus als "politischer Form des Weltkapitalismus", die das Bündnis der ersten Moderne zwischen Markt, Nationalstaat und Demokratie aufkündige. Dieser Kapitalismus schaffe seine eigenen übernationalen Gesetze. Hier werde "eine scheinbar unpolitische Form der Marktrationalität inthronisiert, die durch den Neoliberalismus vorgegeben ist und verkennt, dass sie die demokratische Kultur zur Voraussetzung hat". Schließlich bestehe die Gefahr des "demokratischen Autoritarismus" mit Regierungsformen, in denen "Demokratie immer kleiner und Autorität immer größer geschrieben wird".

Dagegen setzen Beck und Willms auf einen "experimentellen Individualismus", der ansatzweise, etwa in Bürgerinitiativen, vorhanden sei und zu neuen Formen politischer Organisation führen werde. Auch ein neu definierter Marxismus habe hier wenig zu bieten. "Im Gegensatz dazu steht mein Typus einer individualisierten Existenz, die Individualisierung ... als Zwang, Notwendigkeit, Aufgabe, Abenteuer empfindet, das Soziale neu zu erfinden."

Ein zentraler Begriff in Becks soziologischem Denken sei die Risikogesellschaft, meint Willms. "Von Risiken ist dort die Rede, wo Natur und Tradition ihre unumschränkte Geltung verlieren und entscheidungsabhängig werden", antwortet Beck, und, mit Bezug auf die Herkunft des Begriffs aus der Handelsschifffahrt: "Mit Risiken ist ein Kalkül verknüpft, das den Einzelfall als soziales Ereignis darstellt und ihn dann mit institutionalisierten Prinzipien kontrollierbar zu machen versucht." Von hier führe eine gerade Linie zur Altersversorgung. Diese "Versicherungslogik" sei tatsächlich ein wesentliches Instrument "nationalstaatlicher Ordnung nach innen, die wiederum gleichzeitig die Abgrenzung nach außen bedeutet". Doch wie Tschernobyl zeige, hätten wir es mit einer radikalen Trennung zwischen jenen zu tun, die die Risiken erzeugen, und denen, die die Folgen tragen. Dieselbe "organisierte Unverantwortlichkeit" schiebe die Verantwortung des Nationalstaates auf einen verantwortungslosen Weltprozess ab.

Die Risikogesellschaft entwickelte sich demnach in zwei Phasen. In der ersten negierten fortschrittsoptimistische Industriegesellschaften alle Risiken. "Die zweite Phase ist die, in der das Risikobewusstsein sich durchgesetzt hat und damit das Fortschrittsbewusstsein prinzipiell gebrochen ist." Aber der Neoliberalismus huldige weiter "der völlig fiktiven Utopie eines krisenfreien Kapitalismus". In Becks Augen reiner Leichtsinn. Willms sieht im Neoliberalismus "eine perverse Variante des Marxismus-Leninismus", der sich nicht auf Marx stütze, sondern auf Adam Smith, und das sei "genau so idiotisch".

Eine weitere Nebenfolge der ersten Moderne beschrieb Hannah Arendt schon in den sechziger Jahren. Nachdem die Moderne im Gegensatz zu Mittelalter und Altertum die Arbeit als höchsten Wert proklamierte, gehe ihr "aufgrund der zunehmenden Rationalisierung die Arbeit aus". Die Arbeitsgesellschaft habe "keine Alternative, zumal sie die historischen Alternativen preisgegeben hat". Beck greift auf das Konzept nützlicher Bürgerarbeit, finanziert durch eine Art Bürgergeld, zurück. Damit sollte es, meint er, gelingen, "das, was bisher ... gewissermaßen als Almosen gewährt wird, als ein Startkapital zur Existenzgründung zu begreifen", was eine Fülle individueller Möglichkeiten eröffne.

Jene, die für sich in Anspruch nehmen, die Gesellschaft zu organisieren, kämen, meint er, da nicht mit. Doch wenn Gewerkschaften, Parteien und Kirchen die Wirklichkeit ignorieren, so dass ihnen die Mitglieder davon laufen, könne man erwarten, dass sie irgendwann zusammenbrechen. Eine Kirche wie die katholische stelle allerdings mit ihrer kosmopolitischen Grundstruktur "eine prämoderne Antwort auf die Zweite Moderne" dar. Die Globalisierung, zu Ende gedacht, resultiere in einem totalisierten Weltbetrieb, der "zugleich und parallel Individualisierung in Gang" setze. Die Schlüsselfrage laute: Wie kann eine kosmopolitische Autorität kreiert werden, die den privatwirtschaftlichen Protektionismus der Weltkonzerne in die Schranken weist?

Globalisierung sei übrigens nicht das, was sie zu sein vorgibt, erklärt Beck. In einer globalen Welt, in der die Grenzen verschwinden, gewinne der Ort eine neue, zentrale Bedeutung. Die Globalisierung schaffe einen Zwang, "irgendwo wieder die Füße auf den Boden zu setzen", sie erzwinge "eine neue Soziologie des Ortes". In den Auseinandersetzungen, die uns bevorstehen, gehöre die Kritik des Globalismus, des nackten Mammons, zu einer der großen Herausforderungen. Und warum "sollte eine solche Kirche nicht zum zentralen Gegenspieler des Globalismus werden?" Habe sie sich nicht auch von ihren nationalstaatlichen Todsünden befreit?

In der Sicht Becks zerstört der radikalisierte Weltkapitalismus die Quellen der politischen Freiheit. Der globalen Wirtschaft fehle die demokratische Legitimität. Hier wären die Intellektuellen gefordert. Doch die "haben aufgehört zu denken".

Freiheit oder Kapitalismus - Gesellschaft neu denken. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2000, 293 Seiten, kart., öS 234,-/e 17,-

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