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1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Moskau, Kairo, New York - neue Massenbewegungen entstehen. Sie sind anders als die politischen Bewegungen der letzten 50 Jahre. Es sind nicht Einzelthemen, die sie leiten. Sie drücken Allgemeines aus - und beruhen auf Web 2.0.

Sie bildet sich neu, sie formiert sich auf den Plätzen. Sie bezieht ihre treibende Kraft aus Bewegtheit der Menschen. Wenn sie ihre kritische Größe erreicht, wird sie wirksam: Die Masse ist zurück. Mit ihr neue Hoffnungen - und die alten Bedenken.

Es ist jene Masse, die Regierungen oder Regimes stützt oder stürzt. Die auf den Plätzen der Hauptstädte ausharrt, bis sie den öffentlichen Raum für sich erobert hat, nachdem ihn die bisherigen Machthaber - selten kampflos - geräumt haben.

Diese Masse ist ein Charakteristikum des Jahres 2011. Sie wird weitere prägen. Mit der neuen Masse verbinden sich Hoffnungen. Russland, sagte Schriftsteller Viktor Jerofejew nach den Demonstrationen von 100.000 Menschen in Moskau nahezu euphorisch, sei zur Demokratie fähig. Das Land werde "in bedeutendem Ausmaß von einem zurechnungsfähigen Volk mit Selbstwertgefühl bewohnt“, zitiert ihn die Zeit.

Auch die Erwartungen sind gespeichert

Ob die Aussicht auf Selbstbefreiung der russischen Gesellschaft trägt? Ob das hält in einem durchgängig diktatorisch regierten Land, in dem die Massen unterjocht, instrumentalisiert oder massakriert wurden?

Die unerwartet formierte Masse auf Kairos Tahrir-Platz löste eine tiefgehende politische Wende aus. Ob nach dem arabischen Frühling im Herbst die Ernte der Demokratie in die Scheune gefahren werden kann, ist ungewiss. Weit hinter die ausgelösten Erwartungen sollten die Wahlsieger Ägyptens nicht zurückfallen. Sie würden an das revolutionäre Momentum im Aufbruch ihrer Länder erinnert werden. Das ist - geschichtsträchtig genug - nur möglich, weil die Masse endlich ein Gedächtnis hat, das ihr gehört.

Jene, die mit der Masse hehre Ziele verbanden, schleppten sich von Enttäuschung zu Enttäuschung. Diktatoren und Faschisten seien mit ihr stets schneller bei der Hand, da sie Brot und Spiele finanzierten. Und wenn es einmal anders, aufständisch wäre: Dann sei auf die Masse doch kein Verlass; mit nachlassender Begeisterung über befreiende Gemeinsamkeit lasse der Schwung der Masse nach. Werde sie gar beschossen, zerstöbe sie, ohne sich neu zu finden. Nur: Woran hätte sie denn anknüpfen sollen? Wie sich neu bilden? Wie neue Kraft finden?

Anfänge hingegen fallen leicht. Haben ausreichend Einzelne die gleichen Erfahrungen, die gleiche Information, das gleiche Ziel, dann bilden sie sich zur Masse. Es genügt, voneinander zu wissen. Es ist nicht erforderlich, einander bereits zu kennen.

Regimes kontrollierten daher stets Inhalt und Fluss von Nachrichten. Von der Tontafel weg lag das Monopol der Nachrichtentechnik bei Regierung und Militär. An diesen üblen Praktiken hat sich nichts, an ihrem Umfeld Grundlegendes geändert: Sie werden weitgehend durch das Internet erstens bloßgestellt und zweitens unterlaufen. Das macht den Unterschied. Global.

Wissen, Information, Nachrichten - was man wissen muss, um sich ein Bild von Lage und Lauf der Dinge zu machen, ist breiter verfügbar denn je.

Der Menschheit öffentliches Gedächtnis

Wie das gedruckte Buch hat das revolutionär neue Medium Internet durch Web 2.0 neue Chancen geboten: den Unwissenden auf Aufklärung, den Teilnahmslosen auf Engagement, den Entrechteten auf Mitwirkung, den Sprachlosen auf Äußerung. Social Media sind die Dorfbrunnen der Neuzeit. Virtuell konstituierte Gemeinschaften haben ihre Losungen auf Festplatte. Seltene Erden sind die Träger neuer Ikonographie. Die Wirksamkeit der Mundpropaganda endete früher, waren jene erschlagen, die sie weitertrugen. Doch die Speicher bleiben. Das Internet ist der Welt öffentliches Gedächtnis. Dort sind die Bilder gespeichert. Jene von Unterdrückung und Ausbeutung, von Kinderarbeit und Frauenschändung. Vom Massensterben des vorigen Jahrhunderts. Und von Luxus. Das wirkt. Dieses Gedächtnis gehört der Masse. Nicht die Zensoren, sie selbst verwaltet es.

Massenkommunikation läuft über Bilder. Ohne Bild keine Massenbewegung. Die Masse wird nicht immer recht behalten. Sie wird nicht immer siegen, selbst wenn sie im Recht ist. Aber sie ist zurück.

claus.reitan@furche.at

Moskau, Kairo, New York - neue Massenbewegungen entstehen. Sie sind anders als die politischen Bewegungen der letzten 50 Jahre. Es sind nicht Einzelthemen, die sie leiten. Sie drücken Allgemeines aus - und beruhen auf Web 2.0.

Sie bildet sich neu, sie formiert sich auf den Plätzen. Sie bezieht ihre treibende Kraft aus Bewegtheit der Menschen. Wenn sie ihre kritische Größe erreicht, wird sie wirksam: Die Masse ist zurück. Mit ihr neue Hoffnungen - und die alten Bedenken.

Es ist jene Masse, die Regierungen oder Regimes stützt oder stürzt. Die auf den Plätzen der Hauptstädte ausharrt, bis sie den öffentlichen Raum für sich erobert hat, nachdem ihn die bisherigen Machthaber - selten kampflos - geräumt haben.

Diese Masse ist ein Charakteristikum des Jahres 2011. Sie wird weitere prägen. Mit der neuen Masse verbinden sich Hoffnungen. Russland, sagte Schriftsteller Viktor Jerofejew nach den Demonstrationen von 100.000 Menschen in Moskau nahezu euphorisch, sei zur Demokratie fähig. Das Land werde "in bedeutendem Ausmaß von einem zurechnungsfähigen Volk mit Selbstwertgefühl bewohnt“, zitiert ihn die Zeit.

Auch die Erwartungen sind gespeichert

Ob die Aussicht auf Selbstbefreiung der russischen Gesellschaft trägt? Ob das hält in einem durchgängig diktatorisch regierten Land, in dem die Massen unterjocht, instrumentalisiert oder massakriert wurden?

Die unerwartet formierte Masse auf Kairos Tahrir-Platz löste eine tiefgehende politische Wende aus. Ob nach dem arabischen Frühling im Herbst die Ernte der Demokratie in die Scheune gefahren werden kann, ist ungewiss. Weit hinter die ausgelösten Erwartungen sollten die Wahlsieger Ägyptens nicht zurückfallen. Sie würden an das revolutionäre Momentum im Aufbruch ihrer Länder erinnert werden. Das ist - geschichtsträchtig genug - nur möglich, weil die Masse endlich ein Gedächtnis hat, das ihr gehört.

Jene, die mit der Masse hehre Ziele verbanden, schleppten sich von Enttäuschung zu Enttäuschung. Diktatoren und Faschisten seien mit ihr stets schneller bei der Hand, da sie Brot und Spiele finanzierten. Und wenn es einmal anders, aufständisch wäre: Dann sei auf die Masse doch kein Verlass; mit nachlassender Begeisterung über befreiende Gemeinsamkeit lasse der Schwung der Masse nach. Werde sie gar beschossen, zerstöbe sie, ohne sich neu zu finden. Nur: Woran hätte sie denn anknüpfen sollen? Wie sich neu bilden? Wie neue Kraft finden?

Anfänge hingegen fallen leicht. Haben ausreichend Einzelne die gleichen Erfahrungen, die gleiche Information, das gleiche Ziel, dann bilden sie sich zur Masse. Es genügt, voneinander zu wissen. Es ist nicht erforderlich, einander bereits zu kennen.

Regimes kontrollierten daher stets Inhalt und Fluss von Nachrichten. Von der Tontafel weg lag das Monopol der Nachrichtentechnik bei Regierung und Militär. An diesen üblen Praktiken hat sich nichts, an ihrem Umfeld Grundlegendes geändert: Sie werden weitgehend durch das Internet erstens bloßgestellt und zweitens unterlaufen. Das macht den Unterschied. Global.

Wissen, Information, Nachrichten - was man wissen muss, um sich ein Bild von Lage und Lauf der Dinge zu machen, ist breiter verfügbar denn je.

Der Menschheit öffentliches Gedächtnis

Wie das gedruckte Buch hat das revolutionär neue Medium Internet durch Web 2.0 neue Chancen geboten: den Unwissenden auf Aufklärung, den Teilnahmslosen auf Engagement, den Entrechteten auf Mitwirkung, den Sprachlosen auf Äußerung. Social Media sind die Dorfbrunnen der Neuzeit. Virtuell konstituierte Gemeinschaften haben ihre Losungen auf Festplatte. Seltene Erden sind die Träger neuer Ikonographie. Die Wirksamkeit der Mundpropaganda endete früher, waren jene erschlagen, die sie weitertrugen. Doch die Speicher bleiben. Das Internet ist der Welt öffentliches Gedächtnis. Dort sind die Bilder gespeichert. Jene von Unterdrückung und Ausbeutung, von Kinderarbeit und Frauenschändung. Vom Massensterben des vorigen Jahrhunderts. Und von Luxus. Das wirkt. Dieses Gedächtnis gehört der Masse. Nicht die Zensoren, sie selbst verwaltet es.

Massenkommunikation läuft über Bilder. Ohne Bild keine Massenbewegung. Die Masse wird nicht immer recht behalten. Sie wird nicht immer siegen, selbst wenn sie im Recht ist. Aber sie ist zurück.

claus.reitan@furche.at