YouBeOn - © Foto: Projekt YouBeOn

"YouBeOn": Die Scheu vor Vielfalt zu Fall bringen

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Dort, wo Raum und Grenzen verschwinden, spielt der Glaube weiter eine Rolle. Das bei der Akademie der Wissenschaften angesiedelte ­Forschungsprojekt „YouBeOn – Young Believers Online“ versucht, die Vielfalt jugendlicher Lebensrealitäten zu erfassen.

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Dort, wo Raum und Grenzen verschwinden, spielt der Glaube weiter eine Rolle. Das bei der Akademie der Wissenschaften angesiedelte ­Forschungsprojekt „YouBeOn – Young Believers Online“ versucht, die Vielfalt jugendlicher Lebensrealitäten zu erfassen.

Was ist Raum? Wie werden Grenzen definiert? Und was hat das mit Religion zu tun? Diesen Fragen widmet sich ein neues Forschungsprojekt an der Akademie der Wissenschaften. Im Spannungsfeld zwischen Leitkulturdebatte und Diversität steht dabei der Versuch, die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Jugendlichen, die in einer Großstadt wie Wien leben, zu erfassen. Das Leben dort sei ganz selbstverständlich von Vielfalt geprägt, dazu gehört auch die religiöse Diversität, so Projektleiterin Astrid Mattes. „Und: Insbesondere für junge Menschen eröffnen sich digitale Räume ganz selbstverständlich als grenzenlose Räume, die eben nicht durch nationalstaatliche Ideen begrenzt sind“, erklärt sie. Die Corona-Pandemie habe dieses Phänomen zuletzt noch verstärkt.

Deshalb startete die Religions- und Politikwissenschafterin gemeinsam mit der Religionswissenschafterin Katharina Limacher und dem Politikwissenschafter Christoph Novak das zweijährige Forschungsprojekt „YouBeOn“ („Young Believers Online“). Dabei sollen mittels qualitativ partizipativer So­zialforschung die Online- und Offline-Identifikationen religiöser junger Menschen vor dem Hintergrund einer superdiversen Weltstadt untersucht werden.

„Influencer“ aus vielen Religionen

Interviews mit etwa 40 Jugendlichen unterschiedlichster Religionstraditionen –Jüd(inn)en, Muslim(inn)en, Alevit(inn)en, Sikhs oder Christ(inn)en verschiedener Konfessionen – sollen Aufschluss darüber geben, wie sich religiöse junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren identifizieren, welche Zugehörigkeiten sie verspüren, welche Wertvorstellungen sie teilen, wie sie ihre Religiosität ausleben und welche Anbindung an räumliche Dimension es gibt.

Das bezieht sich auf offizielle Glaubensstätten ebenso wie auf Treffpunkte in der Stadt und im Internet. Klar ist, dass der Digitalisierungsschub längst auch die Glaubensgemeinschaften erreicht hat. Christliche Gottesdienste, die ins Wohnzimmer gestreamt werden, das islamische Eid al-Fitr via Videotelefonie oder das jüdische Jom Kippur, das pandemiebedingt über Zoom abgewickelt wurde, sind nur einige Beispiele dafür.
Dadurch wird deutlich: Um über Glaubensinhalte zu diskutieren, braucht es den Weg in ein Gottes- oder Gebetshaus nicht mehr. Online werden Fragen beantwortet, die offline nicht gestellt würden. Im digitalen Raum finden Jugendliche die Möglichkeit, sich auszudrücken und sich anders darzustellen als das, was ihnen zugeschrieben wird – auch in Bezug auf Religion. Sie teilen sich aber nicht nur mit, sondern konsumieren auch Inhalte. Hier kommen „Influencer“ ins Spiel. Es sind zumeist Einzelpersonen, die online über ihren Glauben sprechen. Das Spektrum erstreckt sich von Blogbeiträgen über Podcasts bis hin zu Youtube-Channels.

Bei der Auftaktveranstaltung des Forschungsprojekts – die aufgrund der Covid-19-Bestimmungen passenderweise via Zoom stattfand – wurde das Spannungsfeld von vier „Sinnfluencern“ verdeutlicht. Bloggerin Asma Aiad (dieAsmaah), Pod­casterin Anja Malenšek (Vienna Jewcast), die evangelische Pfarrerin Julia Schnizlein (juliand­thechurch) und der rappende Franziskanermönch Pater Sandesh Manuel schilderten, wie die entgrenzte Realität des Internets Menschen aus unterschiedlichsten Gründen eine ganz neue Glaubenserfahrung ermöglicht. Auf der einen Seite steht etwa für Aiad oder Malenšek das Bestreben, ihre Religion im Kontext einer lebendigen Gegenwartskultur zu präsentieren, Klischees aufzubrechen und Vielfalt aufzuzeigen. Auf der anderen Seite erleben Schnitzlein und Pater Sandesh, dass online Menschen auf sie zukommen, die offline nicht mit ihnen ins Gespräch kommen würden. Gleichzeitig sei aber das Zielpublikum, so die vier Influencer, ab einem gewissen Grad nicht mehr eindeutig zu fassen, es gleiche einem „Kommen und Gehen“.
Das bestätigt auch Mattes. Erste Pilotinterviews hätten gezeigt, dass Jugendliche, Online-Inhalte durchaus auch kritisch betrachten. Sagen ihnen Beiträge nicht zu, wenden sie sich davon ab. Natürlich sei das nicht überall der Fall, was Gefahren für fundamentalistische, demokratiepolitisch fragwürdige Tendenzen berge. Das blendet YouBeOn nicht aus. Mattes geht zwar davon aus, dass solche Jugendliche sich vermutlich nicht für eine Teilnahme am Projekt entscheiden, in die Forschung fließt aber ein, was die jungen Interviewpartner(innen) zeigen und wie sie es selbst interpretieren. „Wir sehen die Jugendlichen als Partner“, erklärt die Projektleiterin.

Unbefangene Herangehensweise

Gerade deshalb sei das Projekt an einem Ort wie der Akademie der Wissenschaften gut verortet. So könne unbefangen an das Thema herangegangen werden. Die unterschiedlichen Expertisen aus Religions- und Politikwissenschaft erlauben zudem die notwendige Sensibilität, die Mattes in anderen Forschungen oft auch vermisst. Für Transparenz sorgt der Ansatz der Selbstreflexion. Das Forschungsteam wird dazu die eigene Rolle im Feld reflektieren und in die Ergebnisse miteinbeziehen, wie ihr Blick die Interpretation der Daten prägt.

Wenn das Projekt im September 2022 abgeschlossen ist, soll es einerseits zur Weiterentwicklung von Zugehörigkeitstheorien beitragen, andererseits die Allgemeinheit ansprechen. Konkret wird mit dem „Austrian Center for Digital Humanities“ eine Online-Applikation entwickelt, mittels derer die Ergebnisse visualisiert werden. Unter anderem wird dann auf einer Wien-Karte veranschaulicht, wie verwoben Online- und Offline-Räume sind. Die „Karte der Zugehörigkeit“ soll zudem zeigen, wie vielfältig Religion in Wien ist.

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