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"Zu fürchten ist zunehmende Polarisierung"

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Wie sieht ein Biologe die Sorgen bezüglich "Überfremdung"? Kurt Kotrschal über Globalisierung, Nationalismus und die Untauglichkeit des Rassebegriffs.

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Wie sieht ein Biologe die Sorgen bezüglich "Überfremdung"? Kurt Kotrschal über Globalisierung, Nationalismus und die Untauglichkeit des Rassebegriffs.

Vollkommen seelenruhig" werde er in den Ruhestand treten, hat Kurt Kotrschal zu seinem 65. Geburtstag im Mai angekündigt. Nun ist es soweit - der Professor an der Uni Wien emeritiert. Im Vorfeld des Biologicum Almtal bat ihn die FURCHE zum Gespräch: Angesichts des Themas "Dazugehören - fremd sein: Wir und die Anderen" war es diesmal auch stark politisch geprägt.

DIE FURCHE: Ein neues Buch des britischen Journalisten Tim Marshall trägt den treffenden Titel "Abschottung. Die neue Macht der Mauern". Nationalismus und Isolationismus haben heute wieder Hochkonjunktur. Ist diese Wiederkehr eine Reaktion auf das Scheitern einer grenzenlosen Globalisierung?

Kurt Kotrschal: Wir leben in einer Zeit des zunehmenden Gegeneinander. Das ist auch nicht verwunderlich: Konflikte, letztlich um Ressourcen, erwachsen aus Klimaänderung und Bevölkerungsdichte. Das war eine der Ursachen für den Syrienkrieg und ist auch der Hintergrund für die aktuelle Migration aus Afrika. Was erwartet man von einer Welt, auf der schon bald acht Milliarden Menschen leben? Die Globalisierung ist nicht gescheitert, sondern Faktum. Sie hat nur nicht zu den Ergebnissen geführt, die man sich idealistischerweise davon erhofft hat. Eigentlich gibt es die Globalisierung, seit unsere Vorfahren vor sechzigtausend Jahren aus Afrika ausgewandert sind. Und der Homo sapiens ist wohl die invasivste und mobilste Art, die es je gegeben hat. Umgekehrt waren Mauern die ersten Bauten von sesshaften Menschen. Man versuchte stets, sich gegen "die Anderen" zu schützen.

DIE FURCHE: Wir leben offensichtlich in einer Zeit der Polarisierung. Bei den Ausschreitungen von Chemnitz und Köthen etwa formierten sich Deutsche gegen Migranten, im Internet kam es postwendend zu einer Kampagne gegen "Hetze von rechts". Aber auch anderswo verhärten sich die Fronten - wohin man blickt, überall taucht das Schema "Wir gegen die Anderen" auf ...

Kotrschal: Die rechtsextremen Aktivisten sind eine Minderheit; die Mehrheit der Bevölkerung will nicht an dieser Polarisierung teilnehmen. Aber es stellt sich die dringende Frage, wie man damit umgehen soll. In der Politik merkt man bis jetzt nur Ratlosigkeit. Die einen sagen, mit diesen Rechten wollen wir nichts zu tun haben: "Wer dort mitmarschiert, ist ein Nazi." Die anderen meinen, dass man mit denen doch reden muss. Und das ist auch das Einzige, das erfolgversprechend ist. Das hat man in Österreich in Bezug auf die FPÖ gesehen. Je länger die Partei ausgegrenzt wurde, desto stärker ist sie geworden.

DIE FURCHE: Wie, glauben Sie, wird es weitergehen?

Kotrschal: Wenn man realistisch ist, muss man befürchten, dass die gesellschaftliche Polarisierung noch stärker wird. Wir erleben heute eine über Konzerne globalisierte Welt. Das ist wohl ein Grund für die Gegenbewegung der Re-Nationalisierung, denn die Menschen fühlen sich zunehmend fremdbestimmt. Ebenso ist spürbar, dass die Börsennotierung der Betriebe nicht den allgemeinen Wohlstand vergrößert, sondern nur die Umverteilung von unten nach oben beschleunigt hat. Und die Regierungen merken, dass sie immer weniger zu melden haben. Bei der letzten Finanzkrise haben sie alle von Regulierung gesprochen, aber passiert ist zu wenig. Das heißt, wir warten schlicht auf den nächsten Crash. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das man offensichtlich nicht vernünftig steuern kann; zumindest ich habe da den Optimismus verloren.

DIE FURCHE: Ist die Skepsis gegenüber Fremden eine der "menschlichen Universalien", wie sie der heuer verstorbene Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt beschrieben hat?

Kotrschal: Bis in die Frühgeschichte lässt sich nachweisen, dass es hier zugespitzt immer zwei Möglichkeiten gab - die Fremden mit einem Fest zu empfangen oder aber ihnen "die Schädel einzuschlagen". Was passiert, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Eibl-Eibesfeldt hat schon die richtige Diagnose gestellt: Er hat sich Sorgen gemacht, dass das Boot voll wird, und seine Sorgen bezüglich "Überfremdung" waren nicht zu Unrecht. Dass es immer wieder zu Konflikten zwischen Migranten und Ansässigen kommen kann, sehen wir heute in aller Deutlichkeit.

DIE FURCHE: Kann man also sagen, sowohl die "Willkommenskultur" als auch die Abwehr der Fremden zählen zu den "menschlichen Universalien"?

Kotrschal: Das ist tatsächlich ein weites Feld von Verhaltensweisen, vielleicht ganz ähnlich wie beim biochemischen Oxytocin-Effekt: Früher hat man gesagt, wir brauchen nur ein bisschen mehr vom Kuschelhormon Oxytocin im Körper, und schon lieben wir alle Menschen. So einfach ist das aber nicht. Oxytocin stärkt das Vertrauen und die Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe, macht aber deutlich Fremden-skeptischer. Man hat hier paradoxe Wirkungen entdeckt: Mütter, die ihre Säuglinge gerade stillen, haben hohe Oxytocin-Spiegel und sind sehr fokussiert auf ihr Kind. Wenn aber das Kind gefährdet ist, können sie sehr aggressiv verteidigen. Auch diese Reaktion wird durch Oxytocin gefördert. Das Hormon stimmt also nicht immer liebevoll, sondern passt das Verhalten an die Situation an. So ähnlich ist auch die Sache mit der Xenophobie: Ob diese Anlage zum Tragen kommt, hängt stark von den Umständen ab. Sie ist nicht einfach "angeboren".

DIE FURCHE: Lassen sich denn anhand biologischer Erkenntnisse Strategien zur Konfliktprävention ableiten?

Kotrschal: Da wäre ich sehr vorsichtig. Die Naturwissenschaften sind gut darin, Muster zu finden und Diagnosen zu stellen. Aber Handlungsanleitungen herauszufiltern, ist schon wesentlich schwieriger. Was man auf jeden Fall sagen kann: Menschen sind nicht beliebig; man muss mit den menschlichen Anlagen arbeiten, um eine Lösung zu erreichen. Im Kommunismus beispielsweise sollte durch umfassende ideologische Erziehung der "ideale Mensch" geschaffen werden. Das klappt so aber nicht, denn man muss zunächst wissen, wie Menschen überhaupt ticken. Erst dann kann man versuchen, innerhalb der biologischen Rahmenbedingungen politische und gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.

DIE FURCHE: Sie schreiben, dass die Unterscheidung nach Rassen heute endgültig obsolet geworden ist -"Rasse" im Sinne einer genetisch homogenen Population. Aber es gibt doch offensichtliche Unterschiede zwischen einem Mitteleuropäer und einem Schwarzafrikaner. Wie kann man diese dann benennen?

Kotrschal: Der kürzlich verstorbene Genetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza hielt die genetischen Unterschiede zwischen den Ethnien für so gering, dass es nicht mehr gerechtfertigt sei, von "Rassen" zu sprechen. Auch der Genetiker David Reich erklärt in seinem aktuellen Buch "Who we are and how we got there", warum er vom Rassebegriff nichts hält: Egal, wie weit wir zurückgehen, Menschen haben nie für längere Zeit autochthon bzw. unvermischt in einem Gebiet gelebt. Das stärkste Merkmal der Menschheitsentstehung waren eben die ständigen Wanderbewegungen und die fortlaufende Durchmischung. Das lässt sich heute mithilfe der modernen Genetik genau nachweisen. Aber er meint auch, dass es große biologische Unterschiede zwischen den Menschen gibt, weil die Anpassung an die lokalen Verhältnisse relativ schnell vonstatten geht. Die idealistische Geschichte, wonach wir zwar unterschiedlich aussehen, aber im Prinzip alle gleich sind, hält den aktuellen Ergebnissen nicht stand.

DIE FURCHE: Menschliches Verhalten schwankt zwischen den extremen Polen von Gewalt und andererseits Liebe und Mitgefühl. Gibt es auf der positiven Seite dieses Spektrums menschliche Verhaltensweisen, die biologisch nicht mehr zu erklären sind -zum Beispiel aufopferndes Verhalten, motiviert durch eine religiöse bzw. spirituelle Einstellung zum Leben? Anders gefragt: Gibt es in uns ein Potenzial, das sich von der Natur emanzipieren kann?

Kotrschal: Ich würde eher sagen, unser biologisch-evolutionäres Potenzial wird unterschätzt. Man könnte glauben, dass es im Wesentlichen aus kompetitiven und abgrenzenden Mechanismen besteht. Dem ist aber nicht so. Um auf Eibl-Eibesfeldt zurückzukommen: Auch er hat betont, dass sich Menschen gerade durch ihre Liebes- und Beziehungsfähigkeit auszeichnen. Beobachten Sie doch einmal Menschen in der Wiener Straßenbahn: Sie werden dort viel mehr nette Interaktionen sehen als bösartige oder gemeine. Man kann alles Mögliche in sich kultivieren, eben auch die Nächstenliebe, die Anlagen dafür haben wir.

Kurt Kotrschal

ist seit 1990 Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau (OÖ) und Professor am Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien. Zudem ist er Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums in Ernstbrunn (NÖ).

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