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Zukunft ist offen - wie SELTEN ZUVOR

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Relecture &Vision: Das "Gespräch mit denen, die draußen sind" forderte Otto Mauer schon 1949 in der FURCHE. Und was ist heute zu tun?

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Relecture &Vision: Das "Gespräch mit denen, die draußen sind" forderte Otto Mauer schon 1949 in der FURCHE. Und was ist heute zu tun?

Katholische Intellektuelle dachten in der FURCHE viel voraus, was auf dem II. Vatikanum Wirklichkeit wurde, darunter Otto Mauer (1907-73) - "Priester, Mahner, Tröster", wie es auf seinem Grabstein heißt. Die Redaktion bat den Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher um die Relecture eines Otto-Mauer-Artikels aus 1949 (vgl. Seite 31-36): Sind die Fragen von damals heute noch relevant? Und wie stellt sich eine Zukunftsdiagnostik für Glaube, Religion und Kirche heute dar? (ofri)

Der Anfang ist steil. Das sollte heute einmal einer wagen, katholische Dogmen und Hitlers Ideologie zu parallelisieren, und sei es auch nur, um zu belegen, dass jede leiseste Abweichung vom Geiste und vom Buchstaben der Orthodoxie die ungeheuerlichsten Auswirkungen für Struktur und Schicksal der menschlichen Gesellschaft haben müßte. Hitler selbst sah das übrigens ganz ähnlich: "Was [...] für das allgemeine Leben der jeweilige Lebensstil ist", das, so Hitler in "Mein Kampf", "sind für den Staat die Staatsgrundgesetze und für die jeweilige Religion die Dogmen. Durch sie erst wird die schwankende und unendlich auslegbare, rein geistige Idee bestimmt abgesteckt und in eine Form gebracht, ohne die sie niemals Glaube werden könnte." Hitler empfiehlt, "auch hier" doch "an der katholischen Kirche zu lernen": "Denn wie will man Menschen mit blindem Glauben an die Richtigkeit einer Lehre erfüllen, wenn man durch dauernde Veränderungen am äußeren Bau derselben stets Unsicherheit und Zweifel verbreitet?"

Befremdliches und Befreiendes

Was danach kommt bei Otto Mauer, ist nicht weniger befremdlich -ein merkwürdiger Mix aus Abwehr und Einsicht. Da liest man das denunziatorische Wort vom Aufkläricht als Bodensatz eines längst vergangenen voltairischen Zeitalters, aber auch die Einsicht: Christentum kann und darf sich nicht mehr auf Tradition stützen. Brauchtum und Herkommen hätten zunehmend museale Bedeutung angenommen. Da sieht Mauer das Zeitalter reflektierten Glaubens [...] gekommen, aber auch die charakterschwachen Liberalismen am Werk.

Doch nach und nach befreit sich der Text von solcher Ambivalenz, überwiegt die Einsicht in die Relevanz des Außen. Mauer fordert eine missionarische Theologie ,die in die katholische Bewegung auf die Welt hin einfließt, er fordert die theologische Bildung der Laien, er blickt kritisch auf den katholischen Antimodernismus der Jahrhundertwende als einer Epoche zurück, in der man auf die Anfragen der Zeit nicht mit der Fülle des Glaubens zu antworten wusste.

Das alles ist richtig und zumindest von einem sensiblen katholischen Intellektuellen vom Format Otto Mauers 1949 zu erwarten. Zwei Einsichten aber überraschen und weisen tatsächlich auf epochale Wenden des II. Vatikanums voraus. Zum einen ist da der Titel Theologie und Aktion. Das spielt wohl auf Maurice Blondels "L'Action" an, 1893 erschienen, eines der Grundlagenwerke, das die christliche Philosophie aus ihrem neuscholastischen Gefängnis herausführte und die handlungsbezogene Wende des II. Vatikanums vorbereitete. Und dann ist die Referenz auf den universalen Heilswillen Gottes: Die Theo logie der Kirche enthält in sich zuallererst die Betrachtung über den Heilsentschluß und den Heilsplan Gottes in Jesus Christus: in Zeiten des katholischen Exklusivismus ein durchaus kühner Zugriff.

Dass es möglich, ja notwendig ist, von den anderen zu lernen, sich von außen her neu zu entwerfen, dass ohne die säkularen "Zeichen der Zeit" Sinn und Bedeutung des Evangeliums schwer zu entdecken sind, das wird erst das II. Vatikanum stark machen. Aber Mauer ahnt: Das Gespräch mit denen, "die draußen sind", ist in Gang gekommen und wird sich immer tiefgründiger und leidenschaftlicher entwickeln. Alle Ghettostellungen würden aufgesprengt, alle Introversionen gelockert werden. Dass man das nicht ohne Veränderungen übersteht, hat Mauer vermutlich gewusst.

Eine richtungslose Bewegung?

Wie aber würde heute eine "Zukunftsdiagnostik für Glaube, Religion und Kirche", so die weitere Anfrage der Redaktion, ausschauen? Im eigentlichen Sinne ist "Zukunftsdiagnostik" natürlich nicht möglich, möglich sind bestenfalls Verlängerungen absehbarer Linien und die sind gerade nicht "Zukunft", denn die war immer für Überraschungen gut.

Aber da kann man ansetzen. Denn die Zukunft ist überraschungsoffen wie selten zuvor. Es ist ein "Dynamisierungsprozess" am Werk, der "im Erreichen eines generationalen Veränderungstempos in der 'klassischen Moderne'", also mit dem 18. Jahrhundert, "die Erfahrung gerichteter, fortschrittlicher Bewegung und individueller wie kollektiver Entwicklung ermöglichte", der heute aber mit der Erfahrung intra-generationaler Veränderungsdynamik "die Wahrnehmung einer richtungslosen Bewegung und damit eines 'rasenden Stilstandes'" provoziere, "der sich sowohl in seiner Erstarrungs- als auch in seiner Veränderungsdimension der intentionalen Gestaltung entzieht und damit dem Autonomieversprechen der Moderne widersetzt", so der Kultursoziloge Hartmut Rosa: "Nichts bleibt, wie es ist, obwohl sich nichts Wesentliches verändert". Oder auch: Alles bleibt, wie es ist, obwohl sich alles Wesentliche verändert. Das hat Konsequenzen für die Religionen im Zeitalter der finalen Globalisierung und kapitalistischen Beschleunigungsdynamik. Ich vermute drei: Epigonalität, Polarisierung und Spiritualisierung.

Konsequenzen für die Religion

Die Epigonalität bezieht sich auf den Kapitalismus, der spätestens seit 1989 allen Religionen vorgängig und überlegen ist. Er ist die neue, alles beherrschende, religionsanaloge, wenn nicht, wie Walter Benjamin meinte, selbst religiöse Macht, die im Guten wie im Schlechten für den "rasenden Stillstand" verantwortlich gemacht wird und ja auch ist.

Die Polarisierung aber vollzieht sich als Ausdünnung der religiösen Mitte. Das ist eine direkte Folge der zunehmend marktförmigen Vergesellschaftung von Religion im entwickelten Kapitalismus, der Religion als Steuerungstechnik nicht mehr wirklich braucht und sie daher zu individueller Nutzung freigibt. An die Stelle normativer Integration tritt damit situative, temporäre, erlebnis- und intensitätsorientierte Partizipation im Bereich des Religiösen. Damit werden Religionsgemeinschaften von der Nutzerseite her von religiösen Herrschaftsverbänden zu religiösen Dienstleistungsorganisationen umgebaut, was zur Auffächerung religiöser Partizipationsgrade gegenüber der früheren Normalpartizipation innerhalb gewisser "volkskirchlicher" Bandbreiten führt.

Jener Pol des Dreiecks "verfasste Religion - kodifizierte Glaubenswahrheit - individuelle Spiritualität", der unter der Bedingung einer kapitalistischen Beschleunigung und des religiösen Marktes stark gemacht wird, ist die Spiritualisierung, also das Individuum. Die zentrale Schwäche des Kapitalismus ist ja die radikale Privatisierung der mit ihm verbundenen Risiken. Es baut sich so ein enormer Druck auf das Individuum auf, trotz des "rasenden Stillstandes" nicht zu verzweifeln. Die gar nicht mehr verborgene Nützlichkeit der Religion besteht dann genau darin, in Zeiten nicht steuerbarer Beschleunigung, ganz wörtlich, nicht "durchzudrehen".

Es spricht einiges dafür, dass die globalisierten kapitalistischen Zeiten für die christlichen Kirchen wie für die Religionen überhaupt Epigonalität, Polarisierung und Spiritualisierung bedeuten. Welche Sozialform, welche Lehren, welchen Habitus die christlichen Kirchen dann brauchen, um, wie es im Dokument "Gaudium et spes" des II. Vatikanums so schön heißt, "der menschlichen und göttlichen Berufung" gerecht zu werden, als Brüder "eine Welt in wahrem Frieden aufzubauen" - das ist die Frage.

DIE FURCHE

1. Okt. 1949 Nr. 40

Theologie und Aktion

Von Otto Mauer

Das modernistische Schlagwort einer verschwundenen Generation, Dogmen seien leblose und lebenstötende Gebilde, die der geistigen Entwicklung hemmend im Wege stünden, kann heute [...] als überwunden angenommen werden. Die Geschichte des totalen Staates hat erwiesen, wie sehr sich politische Ideologien in fühlbare politische Wirklichkeit umzusetzen vermögen. Gewiß, es war ein proletarisierter Nietzsche, eine plebejische Version von Ernst Jüngers Mythe vom "Arbeiter", die im NS-System Wirklichkeit fand. [...] Und die russische Revolution war die erste, die von Philosophen gemacht wurde. Sie hatten nicht nur Marx, sondern Hegel gelesen und verstanden, daß der Staat der präsentere Gott auf Erden sein sollte. Die Kirche wußte zu allen Zeiten, daß jede leiseste Abweichung vom Geiste und vom Buchstaben der Orthodoxie die ungeheuerlichsten Auswirkungen für Struktur und Schicksal der menschlichen Gesellschaft haben müßte. Diese ihre Auffassung ist entgegen allen charakterschwachen Liberalismen durch den Lauf der Geschichte gewaltig bestätigt worden

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