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Zum - christlichen - Tag des Judentums: „Sagen Sie ihnen: Wir sind Juden“

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Mit dem jüdischen Literaten Aharon Appelfeld (1932–2018) das Verhältnis Juden und Christen reflektieren: Überlegungen zum Tag des Judentums am 17. Jänner.

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Mit dem jüdischen Literaten Aharon Appelfeld (1932–2018) das Verhältnis Juden und Christen reflektieren: Überlegungen zum Tag des Judentums am 17. Jänner.

Seit dem Jahr 2000 begehen in Österreich die christlichen Kirchen am 17. Jänner den Tag des Judentums. An ihm soll ein Zweifaches besonders bewusst werden, wie Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, auf katholisch.at schreibt: Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Wurzeln im Judentum und ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden. Zugleich soll auch das Unrecht an jüdischen Menschen und ihrem Glauben in der Geschichte thematisiert werden.

Die Metapher der Wurzel stammt aus dem Römerbrief (Röm 11,18) und folgt auf den Hinweis, dass die auf den Ölbaum aufgepfropften Zweige, die hinzugekommenen neuen, nichtjüdischen Gemeinschaften, nicht auf die organisch am Ölbaum gewachsenen Zweige herabschauen sollen.

Was Paulus anspricht, ist ein Zweifaches:

Erstens: Der Ölbaum, das heißt Israel, ist ein vollständiger, ganzer Baum, ein organischer Verband von Wurzel, Stamm, Ästen und Zweigen. Die jüdische Gemeinschaft ist für Paulus kein Wurzelstumpf, aus dem ein anderen Ast treibt, der sich zum Stamm auswächst. Solche Deutungen wurden in der Kirchenväterzeit entwickelt, brechen jedoch das Gleichnis des Paulus ab und setzen etwas anderes an seine Stelle. Dass diese Deutungen wirksam geworden sind, war tragisch für das Judentum und – in ganz anderer Form, weil sich die Kirche ab dem vierten Jahrhundert erfolgreich mit der politischen Herrschaft verbunden hatte – für das Christentum, das seinen eigenen Grund verdrängte, vergaß und die Erinnerungen daran rhetorisch und mit Gewalt bekämpfte.

Zweitens: Dass überhaupt eine sich vom Judentum loslösende Religion entstehen würde, deutet das Gleichnis nicht an. Der Ölbaum steht, und was die neuen Gemeinschaften, die messianische Gemeinschaften sind, kennzeichnet, ist, dass sie jüdische messianische Gemeinschaften sind. Sie mögen andere Schwerpunkte setzen, die strittig sind; doch sie gehören mit allem zum Judentum. Den Messias finden sie nur im Judentum, Paulus finden sie nur im Judentum, die Beziehung von Tora und Evangelium geht nur angesichts des Judentums auf als eine messianische Variation, die Paulus entfaltet.

So gesehen resultieren die nachfolgenden und sich manchmal katastrophal zuspitzenden Probleme aus dem, was der jüdische Religionsphilosoph Daniel Boyarin das „Hijacking“ jüdischer Texte durch die Heidenchristen genannt hat: Sie wollten den jüdischen Ton dieser Texte nicht mehr hören, konnten ihn irgendwann auch nicht mehr verstehen und schlugen sich diese Texte als eigene Texte der nun entstehenden christlichen Religion zu. Die Schärfe, die diese Texte in der Folge gegen die jüdischen Gemeinschaften annahmen, gründen in diesem „Hijacking“. Was innerjüdische Fragen waren mitsamt der Polemik, die sie kennen, nimmt die Form von Gerichts- und mitunter Vernichtungsbotschaften an, die von außen gegen die jüdischen Gemeinschaften mobilisiert werden – ein Verfahren, das den Großteil der Kirchenväterzeit kennzeichnet: Der Übersetzer der Bibel ins Lateinische, Hieronymus, empfand es in seiner Zeit bereits als notwendig, vor Kontakt mit Juden zu warnen, weil diese dadurch nicht christlich, doch die Christen jüdisch werden, und warnte davor als dem entscheidenden Abfall vom Glauben.

Seit dem Jahr 2000 begehen in Österreich die christlichen Kirchen am 17. Jänner den Tag des Judentums. An ihm soll ein Zweifaches besonders bewusst werden, wie Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, auf katholisch.at schreibt: Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Wurzeln im Judentum und ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden. Zugleich soll auch das Unrecht an jüdischen Menschen und ihrem Glauben in der Geschichte thematisiert werden.

Die Metapher der Wurzel stammt aus dem Römerbrief (Röm 11,18) und folgt auf den Hinweis, dass die auf den Ölbaum aufgepfropften Zweige, die hinzugekommenen neuen, nichtjüdischen Gemeinschaften, nicht auf die organisch am Ölbaum gewachsenen Zweige herabschauen sollen.

Was Paulus anspricht, ist ein Zweifaches:

Erstens: Der Ölbaum, das heißt Israel, ist ein vollständiger, ganzer Baum, ein organischer Verband von Wurzel, Stamm, Ästen und Zweigen. Die jüdische Gemeinschaft ist für Paulus kein Wurzelstumpf, aus dem ein anderen Ast treibt, der sich zum Stamm auswächst. Solche Deutungen wurden in der Kirchenväterzeit entwickelt, brechen jedoch das Gleichnis des Paulus ab und setzen etwas anderes an seine Stelle. Dass diese Deutungen wirksam geworden sind, war tragisch für das Judentum und – in ganz anderer Form, weil sich die Kirche ab dem vierten Jahrhundert erfolgreich mit der politischen Herrschaft verbunden hatte – für das Christentum, das seinen eigenen Grund verdrängte, vergaß und die Erinnerungen daran rhetorisch und mit Gewalt bekämpfte.

Zweitens: Dass überhaupt eine sich vom Judentum loslösende Religion entstehen würde, deutet das Gleichnis nicht an. Der Ölbaum steht, und was die neuen Gemeinschaften, die messianische Gemeinschaften sind, kennzeichnet, ist, dass sie jüdische messianische Gemeinschaften sind. Sie mögen andere Schwerpunkte setzen, die strittig sind; doch sie gehören mit allem zum Judentum. Den Messias finden sie nur im Judentum, Paulus finden sie nur im Judentum, die Beziehung von Tora und Evangelium geht nur angesichts des Judentums auf als eine messianische Variation, die Paulus entfaltet.

So gesehen resultieren die nachfolgenden und sich manchmal katastrophal zuspitzenden Probleme aus dem, was der jüdische Religionsphilosoph Daniel Boyarin das „Hijacking“ jüdischer Texte durch die Heidenchristen genannt hat: Sie wollten den jüdischen Ton dieser Texte nicht mehr hören, konnten ihn irgendwann auch nicht mehr verstehen und schlugen sich diese Texte als eigene Texte der nun entstehenden christlichen Religion zu. Die Schärfe, die diese Texte in der Folge gegen die jüdischen Gemeinschaften annahmen, gründen in diesem „Hijacking“. Was innerjüdische Fragen waren mitsamt der Polemik, die sie kennen, nimmt die Form von Gerichts- und mitunter Vernichtungsbotschaften an, die von außen gegen die jüdischen Gemeinschaften mobilisiert werden – ein Verfahren, das den Großteil der Kirchenväterzeit kennzeichnet: Der Übersetzer der Bibel ins Lateinische, Hieronymus, empfand es in seiner Zeit bereits als notwendig, vor Kontakt mit Juden zu warnen, weil diese dadurch nicht christlich, doch die Christen jüdisch werden, und warnte davor als dem entscheidenden Abfall vom Glauben.

Christ(inn)en, die sich ihrer wirklichen und nicht herbeigeredeten Grundlagen vergewissern wollen, finden diese im Judentum, nicht im Christentum.

Am Tag des Judentums trägt deshalb die Erinnerung an einen Propheten etwas zur Revidierung dieses missratenen Verhältnisses bei, an den Propheten Sacharja, der in den frühen messianischen Schriften des Christentums, dem Neuen Testament, wichtig war. Bei ihm liest man von den messianischen Tagen: „So spricht der HERR der Heerscharen: In jenen Tagen werden zehn Männer aus Nationen aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“ (Sach 8,23) Im Markusevangelium wird das in die Geschichte der Heilung der blutflüssigen Frau gefügt, die Jesus am Gewand berührt hat, und damit Jesus als Messias gedeutet.

Das passt zu Paulus’ Gleichnis. Der Prophet, Paulus und das Evangelium nach Markus benennen Israel als Substanz der messianischen, das heißt der christlichen, Gemeinschaften und den Weg mit Israel als die große, tragende Zugehörigkeit. Messianische Glaubende, also Christinnen und Christen, werden mit dem Judentum mitziehen. Warum sollte das nicht integrierbar sein auf beiden religiösen Seiten, auf der des Judentums und auf der des Christentums?

Dagegen stehen jedoch wohl alle genormten Selbstdeutungen kirchlicher Lehren und Praxis, und das bildet einen konfessionsübergreifenden Konsens, der seit dem dritten und vierten Jahrhundert christentumsbegründend geworden ist.

Ein versäumter Augenblick

Und dennoch: Möglich ist es und zu Zeiten notwendig, diese Zugehörigkeit he­rauszustellen und zu leben. Als Israel im Sechstagekrieg 1967 knapp daran war, von der Landkarte gelöscht zu werden, brachen in Israel nicht nur die Traumata der Schoa-Überlebenden und mit ihnen die Diskurse über die Schoa plötzlich auf, sondern machten sich ein paar deutsche Bischöfe nach Israel auf, um dem Land ihre Solidarität zu bezeugen. Ratlos darüber, wie sie den Israelis das am deutlichsten zeigen könnten, riet ihnen Aharon Appelfeld, den man zu einem Gespräch mit ihnen hinzugezogen hatte: „Sagen Sie ihnen: Wir sind jüdisch.“ Das könnten sie nicht, gaben sie todernst zur Antwort, sie seien doch keine Juden …

Ein Fehler in dieser Stunde. Ein versäumter, entscheidender Augenblick. Nach­wirkung einer verkehrten christlichen Selbstdeutung, deren Anfänge ganz anders standen.
Mit dem großen Literaten Aharon Appelfeld, dessen fünfter Todestag auf den 4. Jänner 2023 fiel, war ich auf einen Menschen getroffen, der mich eingeladen hatte, fast zehn Jahre mit ihm zu gehen, nicht unähnlich dem, wovon Sacharja geschrieben hatte. Die Botschaft dieser Jahre gemeinsamen Gehens wurde immer entschiedener und klarer und fasst sich in zwei Brennpunkten zusammen:

Erstens: Die christlich so tief imprägnierte antijüdische Lebenskultur Europas lässt sich nicht theoretisch und rhetorisch aufbrechen; sie wird bearbeitet und überwindbar, wenn man jüdische Menschen kennenlernt und mit ihnen geht. Mehr als sonst gilt hier Martin Bubers These: Alles Leben ist Begegnung.

Zweitens: Christ(inn)en, die sich ihrer wirklichen und nicht herbeigeredeten Grundlagen vergewissern wollen, finden diese im Judentum, nicht im Christentum. Und dann können sie in entscheidender Stunde zu dem Bekenntnis finden, dass sie jüdisch sind, anders als Jesus und Paulus, aber doch ähnlich wie sie und nicht ohne sie. Dann ist der Tag des Judentums kein Anlass nur für eine Mahnung, sondern Erinnerung an einen gemeinsamen Weg, den einzigen, der christlich zieht.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Veranstaltungen

Tag des Judentums 2023

Eine Übersicht über die Veranstaltungen
rund um den 17. Jänner 2023 findet sich unter:
tagdesjudentums.christenundjuden.org

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