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Zum Dialog verpflichtet

Martin Jäggle, Professor für Religionspädagogik an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät über Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft.

Die Furche: Welche Anforderungen stellt eine plurale Gesellschaft mit unterschiedlichen Einflüssen an den Religionsunterricht?

Martin Jäggle: Eine solche Gesellschaft stellt für mich zunächst Ansprüche an die Schule als Ganzes. Wenn ausschließlich im Religionsunterricht über Religion nachgedacht wird, dann entspricht das nicht dem Phänomen von Religion. Im Grunde genommen hat Religion einen Bezugspunkt zu jedem Fach - ohne es gleich konfessionell zu vereinnahmen -, nur wird dieser Bezugspunkt nicht explizit reflektiert.

Die Offenheit der Schule fürs Thema Religion ergibt sich auch aus der religiösen Pluralität und Differenz, in der der Bedarf nach Verständigung über religiöse Fragen einfach wächst. Angesichts der unbestreitbaren Intimisierungstendenz - die durchaus auch positiv ist, denn indem Religion etwas Intimes ist, wird sie auch zu etwas zutiefst Persönlichem - wächst die Barriere, mit anderen darüber zu kommunizieren. Wo aber sollte Kommunikation über solche Fragen möglich sein, wenn nicht in der Schule?

Die Furche: Was bedeutet diese Pluralität für den konfessionellen Religionsunterricht?

Jäggle: Mit der "Charta Oecumenica" haben sich Europas Kirchen 2001 verbindliche Leitlinien gegeben, sodass eine Kirche nicht mehr allein, sondern zumindest in Auseinandersetzung mit den anderen ihren Unterricht konzipieren kann. Damit wird die Autonomie der Kirche nicht außer Kraft gesetzt, aber die Notwendigkeit des Dialogs ist damit gegeben. Es gibt keine Möglichkeit der Autarkie, der Selbstgenügsamkeit mehr.

Der konfessionelle Religionsunterricht muss Differenz viel stärker aufgreifen, um erstens Kenntnis und Wertschätzung zu vermitteln, und zweitens, weil sich ja die Frage nach dem eigenen zu allererst an der Frage der Differenz entzündet. Das Verschiedene stellt die Frage nach mir selber.

Die Furche: Ist es nicht Hauptaufgabe des Religionsunterrichtes, religiöse Werte zu vermitteln?

Jäggle: Es wird viel von Wertevermittlung im Zusammenhang mit dem Religionsunterricht gesprochen. Das erweckt den Eindruck, als ob andere Lehrer oder die Schule keine Werte hätten. Auch werden die Jugendlichen als defizitär wahrgenommen, wenn man behauptet, sie hätten keine Werte. Es ist schlimm, Menschen als Defizitärerscheinung zu betrachten, so raubt man ihnen die Würde.

Meine zweite Kritik an dieser Sprechweise ist der Gedanke, dass durch Unterricht, also durch "Lehren", Werte vermittelt werden könnten. Ich denke, genau das funktioniert nicht. Werte werden durch Beziehungen, durch Identifikation übernommen. Es kann nur vermittelt werden, was in der Vermittlung zur Anwendung kommt. So kann der Wert der Personenwürde nur vermittelt werden, weil es eine Wertschätzung der vorhandenen Personen gibt. Unerlässlich bleibt für den Unterricht die Frage der Werteklärung, also die Fähigkeit, sich qualifiziert mit konkurrierenden Werten auseinander zu setzten und für sich selbst Klarheit zu gewinnen. Hier hätte der Religionsunterricht eine unverzichtbare Aufgabe.

Das Gespräch führte Veronika Thiel.

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