"Zur Demokratie gezwungen"

Besatzungszeit und Marshall-Plan, Wiederaufbau und Spargesinnung, Neubeginn und die Gespenster der Vergangenheit: Im Anschluss an das Interview mit Manfried Rauchensteiner auf dieser Seite stellt das furche-Dossier Ausstellungen zur Nachkriegszeit vor. (Eine ausführliche Besprechung von Kurt Scholz über die Belvedere-Ausstellung zum Staatsvertrag lesen Sie in der kommenden Ausgabe.) Redaktion: Cornelius Hell Einen neuen Blick auf die Besatzungszeit und den Abschied von falschen Klischees fordert der Historiker Manfried Rauchensteiner - denn "wir müssen heute nicht mehr den Kalten Krieg durchkämpfen".

Die Furche: Herr Professor Rauchensteiner, wie soll sich ein Nachgeborener die Besatzungszeit in Österreich vorstellen?

Manfried Rauchensteiner: Zunächst sei der oder die davor gewarnt, die Sichtweisen über die Besatzungszeit, die uns seit den 60er, 70er Jahren begleiten und die gelegentlich wieder aufgefrischt werden, unkritisch zu übernehmen. Da wird so getan, als ob wir heute noch den Kalten Krieg durchkämpfen müssten - das halte ich für grundfalsch. Mir ist wichtig, die Funktion der Besatzungsmächte anders zu sehen, denn ich bin kein Kalter Krieger.

Die Furche: Wie anders sehen?

Rauchensteiner: Wir haben in den Besatzungsmächten etwas zu sehen - ob es uns jetzt freut oder weniger freut -, was Österreich als wirtschaftlich prosperierendes und politisch in jeder Weise abgesichertes Land erst ermöglicht hat. 1945 ist es zunächst die Rolle der Alliierten, dass sie das Überleben im Land sichern. Und dabei spielen nicht nur die Westalliierten eine Rolle. Es war natürlich auch Aufgabe der Sowjetunion, dieses Überleben sicherzustellen. Die Sowjets machen es weit weniger effizient, mit weit weniger Aufwand, und sie lassen in ihren Bemühungen rasch nach. Aber für die politische Rekonstruktion Österreichs spielen die Russen eine immens wichtige Rolle.

Die Furche: Ohne die Österreich nicht das geworden wäre, was es ist?

Rauchensteiner: Ich bin zutiefst misstrauisch, wenn das Bild in den Raum gestellt wird, die Lagerstraßengemeinschaft der Konzentrationslager hätte ausgereicht, um einen neuen politischen Anfang in Österreich zu gewährleisten. So als ob sich auf der Lagerstraße schon alle darauf verschworen hätten: "Wir werden nie mehr bös' miteinander sein, und wir werden nur mehr toll zusammenarbeiten." Ich halte das im besten Fall für eine gute Absicht. Dass dieses Land durch die Besetzung genötigt gewesen ist, den politischen Ausgleich nicht nur deklamatorisch zu suchen, sondern diesen Ausgleich zu leben und ihn schließlich als Wert zu empfinden, ist vor allem auf den alliierten Druck zurückzuführen.

Die Furche: Die Besatzungszeit ist somit auch so etwas wie eine Gehschule für Demokratie gewesen?

Rauchensteiner: Absolut, der Druck der Besatzungsmächte hat uns buchstäblich dazu gezwungen, das zu werden, was wir heute sind.

Die Furche: War es für die Alliierten selbst klar, ob sie als Befreier oder Besatzer nach Österreich kommen?

Rauchensteiner: Es vermischt sich sehr stark: Die Sowjets erklären sich selbst als Befreier, versuchen diesen Aspekt auch immer in den Vordergrund zu rücken und plakatieren das auch. Bei den Sowjets ist diese Befreiung vom Nationalsozialismus aber Hand in Hand damit gegangen, dass sie sich - nicht zuletzt durch die Kampfhandlungen, die eine Million Soldaten nach Österreich bringen - vieler, vieler Übergriffe schuldig machen. Deswegen ist dieses Gefühl, von den Russen befreit worden zu sein, in Österreich nicht stark ausgeprägt.

Die Furche: Und die Amerikaner, Engländer, Franzosen?

Rauchensteiner: Der Westen deklariert seine Mission in Österreich zum Wenigsten als Befreiung. Amerikaner und Briten kommen mit Plakaten: "Wir betreten Österreich als Sieger!" Gerade die sind dann aber von der Bevölkerung sehr viel mehr als Befreier akzeptiert worden.

Die Furche: Wie wichtig war den Alliierten die Entnazifizierung?

Rauchensteiner: Die Russen haben diese Fragen instrumentalisiert, um bei den Staatsvertragsverhandlungen die Ausgangsposition zu verbessern. Und wir sind sicher säumig geworden, und deshalb hat es sich gut instrumentalisieren lassen. Aber auch in diesem Zusammenhang ist es nicht abwegig zu sagen: Die Alliierten haben uns dazu gezwungen, gründlicher über unsere nationalsozialistische Vergangenheit nachzudenken und in unseren Handlungen zu deren Aufarbeitung effektiver zu werden, als wir es ohne diesen Druck geworden wären.

Die Furche: War die Teilung Österreichs eine realistische Gefahr?

Rauchensteiner: Die definitive Teilung des Landes in ein Ost- und Westösterreich im Stil Deutschlands ist auch so ein Punkt bei der Aufarbeitung der Geschichte der Nachkriegsjahre, wo wir von einem Klischee Abschied nehmen sollen.

Die Furche: Klischee?

Rauchensteiner: Etliche Leute hatten die Absicht, Österreich zu teilen. Nur waren das vor allem Österreicher und nicht Alliierte. Bei der kpö hat es Teilungsabsichten gegeben; und auch Politiker in den westlichen Bundesländern Vorarlberg, Tirol, Salzburg dachten in Richtung einer Teilung und sahen diese als eine Möglichkeit, um den Westen aufzuwerten. Am wenigsten - da müssen wir jetzt einiges an Korrektur anbringen - ist eine Teilung von den Russen gedacht und forciert worden. Die kpö wird in Moskau rüde zurechtgewiesen: Es sei unverantwortlich eine Politik zu betreiben, die auf eine Teilung Österreichs hinausläuft, erklärte man den österreichischen Kommunisten. Eine Teilung wäre keinesfalls im Interesse der Sowjetunion, und die kpö solle sich gefälligst daran halten.

Die Furche: Warum sehen das die Sowjets bei Österreich so anders als bei Deutschland?

Rauchensteiner: Die deutschen Forschungen sind noch nicht so weit, aber in der Fachwelt gibt es in dieser Frage sehr kontroversielle Ansichten. Der Essener Historiker Wilfried Loth zum Beispiel hat sich mit der Frage beschäftigt, inwieweit die Sowjetunion die ddr wollte? Und seine aus den ihm zur Verfügung stehenden Akten abgeleitete Antwort lautet: Die Sowjets wollten keine ddr. Und für diese Sichtweise spricht vieles. Die Sowjets hätten Deutschland in seiner Gesamtheit gerne erhalten und daraus mittelfristig auch mehr Nutzen gezogen als aus der ddr.

Die Furche: Ist die Entwicklung in Deutschland in den ersten Jahren nach dem Krieg synchron mit der in Österreich verlaufen?

Rauchensteiner: Österreich hatte einen Vorsprung an Staatlichkeit gegenüber Deutschland, weil Österreich einen Staat mit einer einzigen Regierung und einem funktionierenden Behördenapparat sowie zentralen Interessenvertretungen hatte. Doch wirtschaftlich konnte Westdeutschland Österreich bald überholen. Schon 1947 war die Versorgung in der Bundesrepublik besser als in Österreich und der Wiederaufbau kam schneller voran. Das obwohl die Deutschen weit, weit geringere Unterstützung als die Österreicher bekommen haben. Sie erhielten keine unrra-Hilfe der Vereinten Nationen, und es waren auch sonst die Alliierten im Fall der westlichen Besatzungszonen Deutschlands bei weitem nicht so großzügig wie im Fall Österreich. Die Deutschen schafften es so gesehen viel mehr aus eigener Kraft.

Die Furche: Und unser Verhältnis zum Nachbarn? Haben die Alliierten in Österreich eine antideutsche Haltung gefördert?

Rauchensteiner: Ja, die wird sicher gefördert. Aber auch Österreich betreibt die Lostrennung von Deutschland sehr massiv. Von Deutschland wird diese Politik in jeder Weise abgelehnt und mit Misstrauen betrachtet, ja oft auch mit Häme. Der mir als Kinderbuchautor noch besonders präsente Erich Kästner hat in dieser Zeit in einem Münchner Kabarett sehr österreichfeindliche Töne angestimmt. Er hat es einfach als schäbig empfunden, dass sich die Österreicher ihre Identität auf Kosten der Deutschen suchten.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Buchtipp:

STALINPLATZ 4

Österreich unter alliierter Besatzung

Von Manfried Rauchensteiner,

Edition Steinbauer, Wien 2005,

geb., 336 Seiten, e 29,-

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